Ein Freitagabend im Februar, der zweite Tag der Berlinale. Ich bin mit Nils Mönkemeyer zur Premiere von The Dinner im Berlinale Palast verabredet. Der US-amerikanische Film des israelischen Regisseurs Oren Moverman läuft im Wettbewerb des Festivals. Leider hält er nicht was er verspricht, nämlich ein Kammerspiel mit guten Schauspielern (Laura Linney, Steve Coogan, Rebecca Hall, Richard Gere) und einer guten Buchvorlage (Het Diner des niederländischen Schriftstellers Herman Koch). Zwei Brüder, der eine erfolgreicher Kongressabgeordneter (Gere), der andere zynischer, psychisch labiler Geschichtslehrer (Coogan), treffen sich mit ihren Ehefrauen zu einem Abendessen in einem überkandidelten Haute cuisine Restaurant. Zwei Kinder der beiden Paare haben – wie in Rückblenden gezeigt wird – eine Obdachlose in einem Bankautomatenhäuschen angezündet und verbrennen lassen, ein drittes (adoptiertes) Kind hat den Film ins Netz gestellt, um sich an den beiden anderen zu rächen. Statt aus dem Grundkonflikt, wie man als Mutter, Vater, Bruder, Partner versucht, mit dem Verbrechen der eigenen Kinder umzugehen, dichte Kommunikation und dialogische Bewegung zu formen (wie Roman Polanski in seiner Verfilmung von Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels) ermüdet der Film mit einer Überfrachtung an Stilmitteln, inneren Monologen, Jump Cuts und Soundcollagen, oft mit plakativer Metaphorik und reichlich flacher Symbolik für den allgemeinen gesellschaftlichen Seelenzustand. Richard Gere nimmt man die vielschichtige Figur des zwischen Moralismus und Verlogenheit changierenden Erfolgspolitikers nicht recht ab, auch die Persönlichkeit der anderen drei bekommt partout keine Tiefenschärfe. Reichlich enttäuscht landen wir nach dem Film im P103 Mischkonzern in der Potsdamer Straße. Nachdem wir uns vom Frust gereinigt haben, bringt Nils die Musik ins Spiel.


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com