Als die Staatskapelle Dresden im Oktober 2000 beim Beethovenfest in Bonn gastiert, zeigt das Akademische Kunstmuseum parallel eine Sonderausstellung ihres Chefdirigenten: ›Meisterwerke griechischer Keramik aus der Sammlung Giuseppe Sinopoli‹.
Wer ein Porträt über Giuseppe Sinopoli schreiben möchte, steckt unwillkürlich in der Bredouille: Wie findet man einen Weg durch dessen labyrinthische Interessen und Begabungen? 1946 in Venedig geboren, aber in Sizilien aufgewachsen, beginnt er mit zwölf Jahren in Messina eine Ausbildung zum Organisten. Ab 1965 studiert er am Konservatorium in Venedig Musik und Komposition, parallel an der Universität Padua Medizin, Psychiatrie und Anthropologie. Das Medizinstudium schließt er 1972 mit einer Promotion ab.
Zwar nimmt er 1972 ein Dirigierstudium bei Hans Swarowsky in Wien auf und dirigiert 1978 erstmals ›Aida‹ in Venedig – bis zu Beginn der 1980er Jahre sieht er sich aber vor allem als Komponist. Er besucht die Darmstädter Ferienkurse, holt sich Impulse bei Bruno Maderna und Karlheinz Stockhausen, wird Dozent für elektronische und zeitgenössische Musik am Marcello-Konservatorium in Venedig und gründet 1975 das Ensemble Bruno Maderna für Neue Musik. Eine Zäsur bildet die Uraufführung seiner Oper ›Lou Salomé‹ an der Bayerischen Staatsoper im Mai 1981 in der Regie von Götz Friedrich: Sinopoli ist von seinem Werk überzeugt, bei der Kritik fällt es aber fast einhellig durch. Danach stellt er das Komponieren ein und widmet sich seiner Dirigentenkarriere: 1983 wird er fast zeitgleich Chefdirigent des Philharmonia Orchestra London und der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom. Ab 1985 dirigiert er jedes Jahr bei den Bayreuther Festspielen. 1990 soll er Chefdirigent an der Deutschen Oper Berlin werden, tritt aber nach einem Zerwürfnis mit Intendant Götz Friedrich noch vor Beginn seiner Amtszeit von dem Vertrag zurück. 1992 wird er Chefdirigent der Staatskapelle Dresden.
Die Archäologie entwickelt sich zur Leidenschaft seiner letzten Lebensjahre. Er immatrikuliert sich als Student an der Universität Rom, besucht Seminare und Vorlesungen, nimmt an Ausgrabungen teil, entschlüsselt eine mesopotamische Keilschrift. Seine Dissertation schreibt er über das ›Bit Hilani‹, eine Palastarchitektur, die etwa von 1500 v. Chr. bis zum Ende des 7. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung in Kleinasien und dem Nahen Osten vorkam. Wenige Tage vor deren Verteidigung erleidet er am 20. April 2001, mit 54 Jahren, während einer Aufführung von ›Aida‹ an der Deutschen Oper Berlin einen tödlichen Herzinfarkt.
Der rote Faden seines Lebens ist vielleicht Sinopolis Leidenschaft dafür, Mythen, Zeichen und Symbolen zu entschlüsseln und dahinter Botschaften menschlicher Existenz und Kulturen aufzuspüren. »Wenn ich nicht Musiker geworden wäre, wäre ich Archäologe mit Liebe für die Psychoanalyse gewesen«, erzählte er einmal in einem Interview. »Das sind alles verschiedene Aspekte der Menschheit – all diese Disziplinen können dazu dienen, den Menschen ›auszugraben‹.« Welche Spuren hat Sinopoli selbst hinterlassen, vor allem in Dresden, wo er neun Jahre Chefdirigent der Staatskapelle war und 2003 Generalmusikdirektor der Semperoper werden sollte? Darüber spreche ich per Videotelefonie mit Andreas Schreiber, stellvertretendem Solo-Bratscher des Orchesters und seit 1985 Mitglied der Staatskapelle.
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