Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, ist eine in letzter Zeit wieder viel gebrauchte Redewendung. Ähnlich schnell dahin geht es mit einer differenzierten Einordnung dessen, was um einen herum passiert. Für die Mitte, dort, wo die Wahrheit meist anzutreffen ist, bleibt in einer in Freund und Feind geteilten Welt nicht viel Platz. 

Teodor Currentzis polarisierte schon vor dem Krieg in der Ukraine: Für die einen war er der größte Scharlatan der Klassikwelt, für die anderen ihr Messias. Allerdings war das eine Diskussion, die sich immer mehr um Äußeres drehte als um die Musik. Currentzis war stets ein besserer, seriöserer Künstler, als seine bisweilen pathostriefenden Interviews und seine etwas abgeschmackte Selbstinszenierung als Klassik-Werther glauben machten. Und spätestens mit Amtsantritt als Chefdirigent beim neu fusionierten SWR Symphonieorchester war der selbsterklärte Anarchist dann vollends im Establishment angekommen.

Das änderte sich quasi über Nacht mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar. Während sich einige russische Kolleg:innen wie Vladimir Jurowski oder Kirill Petrenko öffentlich schnell gegen den Angriff und das Regime Putin positionierten, blieb Currentzis stumm. Auf Anfragen nach einer Stellungnahme oder einem Beitrag zu den Statements russischer Musiker:innen gegen den Krieg reagierte er nicht. Als der SWR wegen des Schweigens seines vielleicht teuersten Angestellten zunehmend unter Druck geriet, veröffentlichte der Sender Ende März ein verzagtes Statement, demzufolge »Teodor Currentzis und die Mitglieder des SWR Symphonieorchesters mit aller Deutlichkeit hinter dem gemeinsamen Appell für Frieden und Versöhnung« stehen.

Je länger Currentzis schwieg, desto mehr schossen die Theorien ins Kraut, wes Geistes Kind dahinterstecken könnte. Schnell fand man heraus, dass das Orchester und der Chor, die Currentzis unter dem Namen MusicAeterna gegründete, von der sanktionierten, halbstaatlichen VTB-Bank unterstützt werden und deren Vorstandsvorsitzender Andrej Kostin im Vorstand des Orchesters sitzt, genauso wie Elwira Nabiullina, die Chefin der Russischen Zentralbank. Eine Tour durch Russland ließ man sich jüngst von Gazprom sponsern, dessen Chef Alexei Miller wiederum am 2. September bei einem Konzert von Currentzis in Sankt Petersburg gesichtet wurde. Dort residiert MusicAeterna im ehemaligen Haus des Rundfunks, zu dessen Eigentümern eine Mediengesellschaft gehört, in deren Vorstand Alina Kabajewa, die mutmaßliche Geliebte Putins, sitzt. So kam eins zum anderen. Und weil Currentzis selbst sich weiterhin nicht äußern wollte, fügte sich für einige Journalisten und Kommentatoren in Sozialen Netzwerken bald das Bild zusammen von Currentzis als eine Art zweitem Gergiev. Ein Skandal, dass man ihn in Dortmund, Salzburg oder Hamburg weiter auftreten lässt!

Letzte Woche nun schienen sich zwei Institutionen dem öffentlichen Druck zu beugen und die Reißleine zu ziehen: Am Freitag verkündete das SWR Symphonieorchester, den Vertrag mit Currentzis 2024 auslaufen zu lassen und ab 2025 mit François-Xavier Roth als Chefdirigent weiterzumachen. Und gestern teilte die Kölner Philharmonie mit, ein für Januar 2023 geplantes Konzert mit Currentzis und dem SWR Symphonieorchester abzusagen. 

Die Entscheidung des SWR wurde von einigen Kommentatoren sogleich in den Kontext der politischen Debatte gestellt. Die New York Times schrieb von einem »Rücktritt« Currentzis, der Klassik-Boulevard-Blog Slipped Disc titelte: »Deutsche schmeißen Currentzis raus«. Sabrina Haane, Gesamtleiterin des SWR Symphonieorchesters, erklärt dagegen auf VAN-Anfrage, dass die Entscheidung schon bei Currentzis‘ Vertragsverlängerung 2021 festgestanden habe und »absolut einvernehmlich« getroffen wurde. Man wolle Currentzis auch nach 2024 am Pult des Orchesters sehen und halte an allen geplanten Konzerten mit ihm fest, sowohl in dieser als auch in der kommenden Saison: »Dann sollen es mehr gemeinsame Konzerte als in der aktuellen Spielzeit sein.« Auch Currentzis’ Nachfolger François-Xavier Roth bestätigt, dass die Verhandlungen mit dem SWR schon lange vor Kriegsbeginn aufgenommen wurden. 

Die Kölner Philharmonie hingegen begründet die Absage des Konzerts mit Currentzis dezidiert politisch. »Die Aktivitäten und Finanzierung seiner Ensembles MusicAeterna und auch Utopia lassen vermuten, dass er dem russischen Regime sehr nahesteht«, so Philharmonie-Intendant Louwrens Langevoort in der Pressemitteilung. Currentzis war zuletzt Ende März in der Philharmonie aufgetreten. Langevoort hatte dessen Schweigen damals mit den Worten verteidigt, dass der Dirigent »aus Sicherheitsgründen für alle in Russland lebenden Parteien keine Erklärung abgeben wolle«. Warum jetzt der Sinneswandel? Es habe schon länger in ihm gegärt, erzählt Langevoort am Telefon. Er habe erwartet, dass Currentzis als Künstler mit Vorbildfunktion in der Zwischenzeit eine kritische Haltung zum Krieg geäußert hätte. Nach den Ereignissen der letzten Wochen, insbesondere der Annexion besetzter Gebiete durch Russland, sei bei ihm der Geduldsfaden gerissen. »Russland besetzt ein anderes Land, unschuldige Menschen sterben, und Currentzis ist nur mit Tristan und Isolde beschäftigt und lässt sich von dem System da drüben finanzieren. Er kann das machen, aber ich muss dabei nicht länger mitspielen.« 

Langevoorts Entscheidung überraschte gestern auch den SWR. Man werde die grundsätzliche Haltung des Senders jedoch nicht verändern, so Haane gegenüber VAN. »Der SWR hat immer betont, dass die Zusammenarbeit mit Teodor Currentzis nur auf der Basis gemeinsamer Werte und Überzeugungen fortgesetzt werden kann. Wir stehen in regelmäßigem Austausch mit ihm und können Ihnen versichern, dass diese Gemeinsamkeiten nach wie vor Bestand haben.« 

Mit der Vermutung, dass er »dem russischen Regime sehr nahesteht«, rückt auch Langevoort Currentzis öffentlich in die Nähe Valery Gergievs. Indizien dafür sieht er in den Finanzierungsquellen von MusicAeterna und dem bisherigen Schweigen des Dirigenten. Tatsächlich hat Currentzis allerdings im Gegensatz zu Gergiev, der so etwas wie der kulturelle Arm von Putins Oligarchie ist, nie eine weltanschauliche Affinität zum russischen Regime erkennen lassen. In Russland sei »alles korrupt, wir kennen das seit mehr als 1000 Jahren«, schrieb er vor vier Jahren anlässlich der Uraufführung von Philippe Hersants Tristia. 2017 kritisierte er in einem schriftlichen Statement die Verhaftung des Regisseurs Kirill Serebrennikov: »Bekannte Männer veruntreuen offen riesige Geldsummen und bleiben frei, leiten nach wie vor Staatstheater und genießen große Privilegien. Gleichzeitig landen Menschen, die echte Arbeit leisten, Menschen, die in der modernen Kunst etwas Neues schaffen, das in der ganzen Welt anerkannt wird, im Gefängnis.« Currentzis gehörte auch zu den Erstunterzeichnern einer Petition, die Serebrennikovs Freilassung forderte. 

Menschen, die Currentzis in den letzten Monaten gesprochen haben, sagen, dass sich an dessen Ablehnung des Putinismus nichts geändert hat. Auch das unterscheidet ihn von Gergiev, der weder im bilateralen Gespräch noch öffentlich jemals einen Hehl aus seiner Loyalität gegenüber Putin gemacht hat. Warum Currentzis sich nicht öffentlich äußert, darüber lässt sich nur spekulieren. Anders als etwa Vladimir Jurowski oder Kirill Petrenko lebt Currentzis in Russland. Orchester und Chor von MusicAeterna, die er aufbaute, galten hierzulande bei Künstler:innen wie Veranstaltern jahrelang als Rollenmodell für ein künstlerisch freies Arbeiten, unabhängig von staatlichem Einfluss. »Eigentlich ist das, was er dort macht, das einzig Wahre«, sagte Currentzis‘ Kollegin Joana Mallwitz 2017 über das damals noch in Perm ansässige MusicAeterna. So wie viele andere avancierte und ambitionierte Kunst- und Kulturprojekte in Russland hat sich auch Currentzis Geld organisiert von privaten Stiftungen und Oligarchen, auch um sich der Kontrolle und Homogenisierung staatlicher Kulturpolitik zu entziehen. Schon vor sechs Jahre schrieb der russische Komponist Sergej Newski in seinem Text mit dem prophetischen Titel »Musik in den Zeiten des Krieges«, dass für Künstler:innen in Russland eine Zusammenarbeit mit staatlichen Strukturen kaum mehr möglich sei, weil die Staatsdoktrin für Kultur »ausschließlich patriotische und ›ein positives Bild von Russland unterstützende‹ Kunst als förderungswürdig definierte«. »Die einzige Hoffnung auf eine positive Entwicklung für die junge Musikszene und für die Kunst in Russland überhaupt besteht momentan im Wachstum privater Förderung, das gerade in den letzten zwei Jahren, nachdem sich der Staat als nicht mehr verhandlungsfähig in Sachen Kunst erwiesen hat, rapide steigt.« Zu diesen privaten Förderern gehörten Oligarchen wie Sergey Adoniev, der MusicAeterna in Perm unterstützte, sowie Stiftungen wie die VAC-Stiftung und die Aksenov Family Foundation.

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Eine öffentliche Positionierung gegen den Krieg, Putin und seine Sponsoren hätte für Currentzis vielleicht persönliche Konsequenzen, vor allem wäre es aber wohl das Ende für sein Orchester und seinen Chor. »Dass sich Teodor Currentzis nicht öffentlich äußert, ist für einen Teil der Öffentlichkeit schwer zu akzeptieren. Gleichwohl wissen wir, dass die große Mehrheit des Publikums Verständnis dafür hat, dass sich Currentzis nicht öffentlich gegen Putin ausspricht. Die möglichen Konsequenzen, die ein solches Bekenntnis für ihn bedeuten würden, sind ja hinlänglich bekannt«, so SWR-Orchestermanagerin Haane gegenüber VAN. 

Interessanter scheint sowieso die Frage, ob man Künstler:innen, die in einer Diktatur leben, zu kritischen, öffentlichen Bekenntnissen drängen sollte, und ob es richtig ist, ein Schweigen unter Generalverdacht zu stellen. »Man muss sich fragen, was man davon eigentlich hat«, so der Münchener Musikwissenschaftler Friedrich Geiger. »Für mich ist es immer ein wenig mit dem Verdacht behaftet, dass es eigentlich mehr um denjenigen geht, der solche Fragen stellt. Dass es mehr eine Strategie ist, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Nach dem Motto: Ich unternehme zwar keine weiteren Anstrengungen, um herauszufinden, was du sonst so gemacht hast oder was du denkst, es ist mir eigentlich auch egal, aber wenn du jetzt sagst: ›Putin ist böse‹, dann darfst du auch spielen.«

Intendant Langevoort scheint das anders zu sehen. Er begründet die Entscheidung für die Currentzis-Absage damit, nur noch Künstler:innen einladen zu wollen, die eine »pazifistische Grundhaltung« haben und den Krieg in der Ukraine öffentlich verurteilen. Das führt dann allerdings zu einigen Ungereimtheiten. So treten in der Kölner Philharmonie auch weiterhin russische Künstler:innen auf, die sich zur Ukraine bisher gar nicht öffentlich geäußert haben. Und Ende August war dort Anna Netrebko zu Gast, die im Gegensatz zu Currentzis in der Vergangenheit tatsächlich eine Nähe zum Putin-Regime hat erkennen lassen und deren öffentliche Äußerungen zum russischen Angriffskrieg mindestens widersprüchlich waren. Und wenn wir noch etwas weiter über den Tellerrand schauen: Müsste man dann nicht auch ein Engagement Lang Langs kritisch sehen, der sich schon seit vielen Jahren als Staatskünstler eines Landes vereinnahmen lässt, das in Xianjing und Tibet Genozid begeht?

Die Zuschreibung eindeutiger Täter-Opfer-Rollen, wie sie im Falle des Ukraine-Krieges möglich ist, lässt sich nur in den seltensten Fällen auf die komplizierte gesellschaftliche Wirklichkeit übertragen. Die meisten von uns kennen das Bedürfnis, der eigenen Ohnmacht angesichts des von Russland verursachten Leids und Unrechts etwas entgegenzusetzen. Man will selbst etwas tun, vor der eigenen Haustür, dem eigenen Unbehagen und der eigenen Empörung Ausdruck verleihen, die Hilflosigkeit überwinden, Stellung beziehen. So ähnlich scheint es auch bei Philharmonie-Intendant Langevoort gewesen zu sein. Die Frage ist nur, ob mit diesen symbolischen Ersatzhandlungen mehr gewonnen wird als die Befriedung des eigenen Gewissens. Denn, mit etwas Abstand betrachtet: In welchem Wirkungszusammenhang stehen Currentzis und sein multinationales MusicAeterna mit dem Kriegsregime Putins und dessen Verbrechen? Systemstabilisierender sind wohl eher die 19 Milliarden Euro, die allein Deutschland seit Kriegsbeginn für den Import fossiler Brennstoffe nach Russland überwies.

Vielleicht würde sich eine »klare Haltung«, die Langevoort hinter seiner Absage zu erkennen glaubt, eher im Mut zur Differenzierung zeigen. Man könnte zum Beispiel darüber nachdenken, ob man nicht dem System Putin in die Karten spielt, wenn man Künstler:innen und potentiell kritische Geister in Russland unter Druck setzt, das Land zu verlassen, oder ihre Veranstaltungen absagt. Höhlt man damit die ohnehin schon zerstörte russische Zivilgesellschaft nicht weiter aus und nährt ein Narrativ von der Russophobie des Westens?

Das SWR Symphonieorchester setzt die Zusammenarbeit mit Chefdirigent Teodor Currentzis fort, die Kölner Philharmonie erklärt ihn zur Persona non grata. @vanmusik über eine aus den Fugen geratene Debatte. Klick um zu Tweeten

Ob Currentzis die Debatte um seine Person egal ist, wissen wir nicht. Bisweilen hat es den Anschein, als folge er dem Motto: »Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.« So trat er am Rande der Salzburger Festspiele in einem Interview für den österreichischen Sender Servus TV mit dem ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender auf, der 2018 die Krim als »russischer als russisch« bezeichnete. Beide redeten über Schostakowitsch, Demokratie und Utopien, während neben ihnen der rosa Elefant auf dem Sofa saß. Don’t mention the war! Und diese Woche tourt Currentzis mit seinem neu gegründeten Orchester Utopia durch Luxemburg, Deutschland und Österreich, das just von Servus TV-Gründer und Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz gefördert wird. Alles ziemlich ambivalent und nicht gerade sympathisch. Was uns wiederum zu Currentzis’ Nachfolger beim SWR bringt, dem stets freundlichen Franzosen François-Xavier Roth. Der scheint um seinen guten Ruf besorgter. Er lässt sich von der Kanzlei Ralf Höcker vertreten, die unter anderem Alice Weidel oder Recep Tayyip Erdoğan zu ihren Mandanten zählte und für die auch der ehemalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen tätig war. In einem Interview legte Kanzlei-Gründer Höcker, ehemaliger Pressesprecher der WerteUnion und »gefürchtetster Medienanwalt Deutschlands« (NZZ), seine Berufsauffassung so dar: »Bevor ein Bericht erscheint, versuche ich zu ergründen, wie der Bericht aussehen wird und was da an Rechtswidrigem drinstehen könnte. Und dann versuche ich zu verhindern, dass das passiert.« Journalisten-Bedrohung sei okay, schrieb er vor einigen Jahren in einem Gastbeitrag. Bei Hintergrundrecherchen für einen Beitrag über Roth trudelte letztes Jahr in der VAN-Redaktion dann auch gleich ein Schreiben der Kanzlei Höcker ein, in dem daran erinnert wurde, dass eine nicht ordnungsgemäße Berichterstattung »grundsätzlich auch Geldentschädigungsansprüche des Betroffenen« auslöse. Meistens ist die Welt halt nicht schwarz und weiß, sondern ziemlich grau. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com