Als der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter letzte Woche ein Schreiben an Valery Gergiev veröffentlichte, in dem er den Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker aufforderte, sich bis zum 28. Februar von der russischen Invasion in der Ukraine zu distanzieren, andernfalls werde sein Vertrag in München beendet, kommentierten dies einige in den Sozialen Netzwerken entrüstet als Einschränkung der Meinungsfreiheit. 

Nein, Valery Gergiev ist nicht das Opfer. Dass er nun fast überall seine Engagements verliert – nach Rotterdam, Lucerne, Verbier und Mailand nun auch seine Position als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker – ist keine Begleiterscheinung einer aufgeheizten Freund-Feind-Stimmung. Er ist nicht das Opfer, weil er nicht einfach nur Musiker ist. Gergiev hat sich wie wenige klassische Musiker vor ihm mit der Macht eingelassen, von dieser profitiert und instrumentalisieren lassen. Dazu gehören das bizarre Konzert vor russischen Truppen im eroberten Palmyra 2016 genauso wie sein Auftritt bei Putins Wahlkampfveranstaltung im Moskauer Luschniki-Stadion 2018 oder Aufführungen für das Oberkommando der russischen Streitkräfte. Im Kuratorium seiner »Valery Gergiev Charitable Foundation«, deren Ziel unter anderem ist, »Russlands kulturellen Einfluss in der Welt zu vergrößern«, sitzen die kremltreuen Oligarchen Gennadi Timtschenko und Alischer Usmanow, die die EU gestern auf ihre Sanktionsliste gesetzt hat. Putin revanchierte sich, indem er Gergiev zum einflussreichsten Künstler Russlands machte. Das Mariinsky-Theater, dessen künstlerischer Leiter und Intendant Gergiev seit 1988 ist, wurde unter ihm sukzessive zu einem Theaterimperium erweitert: eine zweite Bühne, Mariinsky-2, eine Konzerthalle, Mariinsky-3, außerdem zwei bis dato unabhängige Theater in Wladiwostok und Wladikawkas und ein Theaterneubau auf der Insel Sachalin. In Putins Machtsystem ist Gergiev so etwas wie der kulturelle Oligarch.


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