Die auf 10 Uhr angesetzte Verhandlung wird nicht im Basmannij Sud abgehalten, in dem die Voruntersuchung stattfand, sondern im Bezirksgericht Meschtschanskij, ebenfalls nur wenige Gehminuten vom Leningradskaja Hotel und dem »Platz der drei Bahnhöfe« entfernt. Vor dem Einlass werden unsere Personalien aufgenommen. Das neu errichtete Behördenhaus wurde erst kürzlich eröffnet, »uns und Kirill zu Ehren«, wie der Dramatiker Valerij Pecheikin ironisch anmerkt; es fände sich derzeit wohl kein zweites ebenso gepflegtes Gerichtsgebäude in Russland. Im Vestibül wird ein digitaler Info-Screen vom gusseisernen Halbrelief einer überlebensgroßen Justitia im Tsereteli-Stil dominiert. Beide Objekte scheinen nicht der gleichen Epoche anzugehören. Das Spruchband, das das Haupt der Allegorie umschwebt, verkündet auf Latein und Russisch: »Die Wahrheit fürchtet nichts als ihre Verschleierung.«
Im Flur des vierten Stocks drängen sich Vertreter der Intelligenzija wie die Schauspielerin Xenia Rappaport, die auch im Westen vielgelesene Autorin Ludmila Ulitzkaja oder der Komponist Alexander Manozkov, neben ihnen viele junge und sehr junge Menschen. Zunächst wird noch im Flur nach Zeugen gefragt. »Zeugen? – Wir alle sind Zeugen!«, erhebt einer der Wartenden seine Stimme: Alle die gekommen sind, sind aus der Überzeugung hier, dass es sich bei dem bevorstehenden Prozess »nicht um ein juristisches, sondern um ein Ereignis mit historischer Tragweite« handelt, wie die unabhängige »Novaja Gazeta« am nächsten Tag formulieren wird.

