Titelbild © Nancy Horowitz

Wir sitzen in der Kantine des Neubaus neben dem Nationaltheater München, wo der Tenor gerade die Meistersinger geprobt hat, in der Rolle des Gesellen David, mit der er im vorigen Jahr in Bayreuth debütierte. Daniel Behle ist nicht groß, ein jungenhafter 43-jähriger, kommt ohne Bugwelle daher und spricht so leise wie einer, der mehr nachdenkt als singt. Dabei ist der gebürtige Hamburger, der mit seiner Frau und drei Kindern in Basel lebt, ein extrem vielseitiger Tenor und dazu noch Komponist und Produzent seiner eigenen CDs. Ein Gespräch über lyrische und heldische Töne, Emotion und Authentizität – und die wahre Identität des Leiermanns in Franz Schuberts Winterreise.

VAN: Herr Behle, Sie sind zur Zeit der David vom Dienst. Zwei Jahre hintereinander in Bayreuth, nun auch noch in der Bayerischen Staatsoper, wieder mit Michael Volle und Klaus Florian Vogt. Macht es noch Spaß?

Daniel Behle: Oh ja. In Bayreuth haben die Leute in den Meistersingern dieses Jahr gefühlt 80 Prozent mehr applaudiert als im letzten Jahr. Da hatten sie über Barry Koskys Inszenierung noch nicht so viel gelesen, ein Wahnsinnskonzept!  Sie haben uns jetzt gefeiert wie Rockstars. Ich sagte zu Michael Volle, unserem Hans Sachs: So viel besser als letztes Jahr sind wir aber nicht! Er meinte bloß: ›Naja, wir sind schon gut…‹

Nun sind Sie ja schwer einzusortieren. Als nächstes kommt der Freischütz-Max in Stuttgart und dann in Zürich Belmonte in Mozarts Entführung aus dem Serail mit historischen Instrumenten. Sie begleiten sich zu Seemannsliedern am Klavier, Sie singen Léhar und Ligeti. Außerdem ist eine Sony-CD mit Weihnachtsliedern fertig, deren Bearbeitungen Sie selbst komponiert haben… Wie hält Ihre Stimme diese Bandbreite aus?

Indem ich auch Schubert singe. Wir hatten neulich ein tolles Konzert mit der Limburger Camerata, seltene Chorstücke mit Tenorsolo. Sehr hoch, weich, kopftonlastig, damit habe ich mich gesund gesungen. Nicht, dass David mich krank macht, aber grundsätzlich gibt es bei Wagner den Anspruch, mit allem Material, das du hast, ein Stück zu bringen. Und man kann nicht auf den Zinsen singen… Aber meine Mutter hat ja auch viel übereinandergesungen, Rosina an einem und Tosca am nächsten Tag. Eine Zeitlang kann man das schaffen.

Ihre Mutter Renate Behle begann als Mezzo und wurde in hochdramatischen Sopranrollen von Reimanns Kassandra bis Wagners Brünnhilde gefeiert. Sind Sie durch sie früh zum Gesang gekommen?

Nein, für mich stand Singen zuerst gar nicht zur Debatte, ich war auch nie ein Fan von Operngesang. Ich habe meiner Mutter, als ich sechs war, sogar gesagt: Mach doch mal weniger Vibrato! Erst mit 22 habe ich überhaupt mal was gesungen, im Nebenfach des Schulmusikstudiums in Hamburg. Vierzig Minuten Unterricht pro Woche, das habe ich gar nicht ernst genommen.

Was hatten Sie denn vor?

Mein Vater war Oboist im Hamburger NDR, ich saß jeden Sonntag in den Sinfoniekonzerten, viel Bruckner, es war die goldene Ära mit Günter Wand. Das war ein Grund, warum ich Posaune spielen wollte. Vorher hatte ich schon Cello gelernt. Posaune, das war die größere forza, drei, vier Posaunen gegen den Rest des Orchesters! Ich begann einen Diplomstudiengang, Schulmusik, und habe gemerkt, dass mir der Lehrbereich nicht so liegt. Und die Posaune – für den Orchesterberuf muss man geschaffen sein! Dann habe ich mit Komposition angefangen, nebenbei noch Jazzklavier gespielt, und bei Peter Michael Hamel das volle Kompositionsstudium absolviert bis 2003, da war ich aber schon als Sänger in Oldenburg engagiert…

Aber wie ging es los mit dem Singen?

Als ich 24 war. Irgendwann braucht man ja mal was, wovon man auch leben kann. Ich habe gemerkt, dass ich auf der Posaune nicht der Bringer bin und auf dem Klavier auch nicht und dass die Kompositionen schön ins Mittelfeld abfallen. Da habe ich meiner Mutter vorgesungen. Das erste war Horch, die Lerche singt im Hain aus den Lustigen Weibern. Es war stimmlich fast nichts da, aber das gis fand sie so schön, dass sie sagte: Wir müssen unbedingt am Rest arbeiten, du hast eine gute Höhe, und es gibt nicht so viele Tenöre.

Das klingt sehr pragmatisch!

Es gab auch ein Erlebnis bei einem Wettbewerb in Hamburg. Da sang ein Tenor, ein untersetzter Italiener, der hat die großen Arien, zum Beispiel die Händchenarie aus La Bohème, so gesungen, dass ich dachte: Das ist Musik, so macht man Musik. Wenn ich jetzt anfange zu singen, dann so, wie ich das gern hätte. Der war sensationell, die Juroren haben das schwarz mitgeschnittene tape untereinander verteilt, weil sie das immer wieder hören wollten.

Wie heißt der denn?

Ich habe den Namen vergessen! Ich glaube nicht, dass es den noch gibt. Man weiß nicht, wann Karrieren funktionieren. Ob du die Leistung abrufen kannst, ob du zu anfällig bist, zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn? Ob die Agentur dich unterstützt? Qualität in gewissem Rahmen setzt sich immer durch, aber eine Beständigkeit in der Leistung und Zuverlässigkeit ist sehr viel wert.

Wie ging es nach der Lerche weiter?

Danach kam ganz lange Vacchai,  [ein Zeitgenosse Rossinis und Verfasser von Gesangsübungen], Vokalisen, richtige Etüden. Meine Mutter sagte immer: Wenn du mit dem passaggio Probleme hast, bleiben die ein Leben lang. Dann ging es ins Fach, lyrischer Tenor, Entführung, mit der haben wir ganz früh angefangen, Rossini, Schuberts Müllerin. Es war auch ein bisschen Familientherapie, denn mein Vater ist früh gestorben, schon 1996. Ich habe jeden Tag Unterricht bekommen, über lange Zeit, und meine Mutter mehr kennengelernt, vorher war ich eher ein Papasohn.

Wie kommen die Veranstalter klar mit einem, der Bach und Mozart in historischer Stimmung singt, außerdem Schubert- und Seemannslieder und jetzt auch noch den David in den Meistersingern?

Wenn ich eine Barockoper gesungen habe, kommen die Angebote von dem Haus im barocken Fach, wenn ich Königskinder gesungen habe, was ja schon so jugendlich dramatisch ist, wird mir der erste Siegmund angeboten, zu früh, und nach der Zauberflöte mit René Jacobs hätte ich mein Leben lang nur noch den Tamino singen können. Ich höre natürlich auch: Willst du nicht nur eine Sache machen? Ja, ich bin vielleicht ein superguter lyrischer Tenor fürs Mozartfach. Aber ich kann nicht die ganze Zeit nur Mozart singen!

Also weiter in Richtung Wagner?

Ich bin jetzt 43, und beim ersten Lohengrin werde ich 45 Jahre alt sein. Ein gutes Alter, um das große Fach auszuprobieren… Ich strebe keinen Tristan an, auch nicht Siegfried. Meine Stimme ist nicht auf ›Peng!‹ trainiert. Aber Lohengrin hat ja einen großen lyrischen Anteil. Und Klaus Florian Vogt hat mir ein bisschen die Angst genommen vor diesem (er hebt beschwörend die Hände) Wagner. Seine Texte sind oft sehr schwurbelig. Es sind nicht immer nur die Sänger schuld, wenn man da etwas nicht versteht!  

Wie profitiert der Opernsänger vom Liedsänger?  

Das Lied bringt mich zum perfekten Zustand zurück. Wo man begreift, wie ein stimmlicher Muskel funktioniert, durch Spannung und Entspannung, ohne dass ein Orchester einen pusht.

Was ist der ›perfekte Zustand‹?

Ein Punkt, ein Zentrum, so, wie es wirklich zu sein hat. Ah… (er stößt den Vokal zart und entspannt an) Ah… Und dazu das mmmm… schmeckt das gut… Wenn das da ist, dann kannst du daraus auch das Heldische entwickeln: Seeenta, willst du mich verderben (er parodiert den Erik aus dem Holländer mit beengter Stimme). Man muss es entwickeln, sonst… (es folgen unbeschreibliche Würgegeräusche, er lacht)

Die technische Sicherheit, der Stimmsitz – wird so etwas nur von Kolleg*innen und Operndirektor*innen wahrgenommen oder auch vom Publikum?

Es geht viel mehr darum, ob eine Emotionalität die Leute trifft. Tamino wird nie mehr Applaus kriegen als Papageno, da die Leute mit einem normalen Menschen mehr anfangen können als mit diesem arroganten Pinsel. Als ich noch fest engagiert war in Oldenburg, war zum Beispiel die tollste Vorstellung der Cenerentola an einem Dienstag, aber sie hat nicht den Effekt gemacht wie am Wochenende, weil das Publikum dann ausgeschlafen war, während ich mich am Dienstag besser gefunden hatte.  

Jetzt steht der Belmonte in Zürich bevor. Sie kennen die Partie schon lange, ist sie immer noch eine Herausforderung?  

Das ist eine ›i‹- Rolle. Sehr viele stehende Töne auf dem ›i‹-Vokal. Die Liebe… Hoch gelegen, unangenehm. Und es gibt da Bandwürmer, endlos, die mit Ausdruck gebracht werden müssen, ohne dass stimmlich Schwäche zu hören ist. Das muss passen, perfekt, damit du dich total auf die Emotionalität stürzen kannst.

Zeichnet Mozart schon einen bestimmten Typen vor?  

Sein Idomeneo und Titus, das sind so die Helden, andererseits sind die lyrischen Rollen wie Ottavio die Verlierer. Belmonte ist ein Zwischending. Er kommt eigentlich mal kurz in den Orient, um seine Frau zu befreien, jammert sie aber voll, anstatt zu sagen: ›Hier bin ich, komm zu mir, lass uns heimfahren!‹ (das spricht Daniel Behle so heldisch wie der friesische Komiker Otto Waalkes zu seinen besten Zeiten.) Er weiß gar nicht so richtig, ob sie das noch möchte… Man muss schauen, dass er nicht eindimensional bleibt. Er muss irgendwie eine Leiche im Keller haben. Das ist gar nicht so einfach.

Abgesehen von den zeitlosen Themen Liebe, Tod, Eifersucht, Macht – was macht eigentlich Oper noch aktuell?

Oper ist aktueller denn je wegen der ganzen fake news und der virtual reality. Wenn du eine Oper hast, bist du authentisch, egal ob dir die Musik gefällt oder nicht. Ein live event wie die Oper, wo zweihundert Leute zusammenwirken, ist immer echt. Dabei können wir anders als die Schauspieler das Metrum nicht improvisieren. Wir müssen im musikalischen Rahmen authentisch sein, das ist das Schwierige. Aber der Mensch will das heute, der will Operndarsteller!

»Man weiß nicht, wann Karrieren funktionieren. Ob du die Leistung abrufen kannst, ob du zu anfällig bist, zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn?« Daniel Behle, quasi Tenor auf dem zweiten Bildungsweg, in @vanmusik.

Sie sind aber auch Komponist und haben es gewagt, Schuberts Winterreise auszubauen. Zum Sänger kommt ein Klaviertrio. Was steckt dahinter? Eine ›komponierte Interpretation‹ wie bei Hans Zenders Winterreise?

Zender hat das, was an Naturbeschreibung stattfindet, in Musik gebracht. Mich interessierte, was innen abgeht. Ich wollte mit den Instrumenten die Idee unterstützen, dass der Leiermann, der am Ende hinter dem Dorf steht, in Wirklichkeit der Ich-Erzähler selbst ist. Anders als der Müller in der Schönen Müllerin bringt er sich nicht um. Er hat sich hinausjagen lassen und ist seiner Liebe nicht gefolgt. Er wird alt und leiert seine Lieder immer wieder. Das machen Menschen, wenn sie einen Fehler begangen haben. Sie wiederholen sich ständig, kratzen an der Wunde und hoffen, dass irgendwann der Schmerz nachlässt. Was er nicht tut.

Er weiß von Anfang an, was kommt?

Ja, deswegen hört man vor dem ersten Lied schon die Quinte vom Leiermann. Und die Krähe aus dem fünfzehnten Lied taucht schon ganz früh auf, nur drei Töne (er singt sie), das reicht schon, ein kurzes Tremolo. Mit zwei Streichern wird die ganze Reise verängstigter.

Haben Sie diese Produktion selbst finanziert?

Ja, ich bezahle alles. Ich hab mir da einiges von Max Emanuel Cencic abgeguckt …  Dadurch kann ich selbst entscheiden, was ich mache. Wie jetzt auch die Weihnachts-CD. An der habe ich ein Jahr lang komponiert, sogar eine dreistimmige Fuge à la Bach über O Tannenbaum! Wie ist es hinzukriegen, dass man die Lieder alle mitsingen kann und es doch die Metaebene bekommt, die in den Themen angelegt ist? Geige, Cello, Klavier, Akkordeon, Gitarre, Perkussion – wir machen eigentlich Hausmusik. Fast ein bisschen Biedermeier! Vielleicht liegt es an der Familie und den Kindern – ich freue mich über jede Minute, in der ich zuhause sein kann. Ich spiele Ihnen mal was vor.

Daniel Behle stellt sein Smartphone an, es erklingt eine Art Kreuzung aus Meistersinger-Vorspiel und ›Oh Tannenbaum‹ für sechs Instrumente.

Sehr durchgeknallt, sehr elegant!

Das können mir die Traditionalisten gern um die Ohren hauen. ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016) und »Der Klang von Paris« (2019), ein weiteres Buch ist in progress.