Am Anfang ihrer Karriere habe es einige Lehrer gegeben, die sie vom Dirigentenberuf abbringen wollten, erzählte mir Joana Mallwitz vor fünf Jahren. »Bist Du sicher? Der Druck, diese Höhle des Löwen.« Sie habe Interviews mit Simone Young verschlungen, die oft davon sprach, als Frau der bessere Mann sein zu müssen, noch weniger Zeit zu haben, um ein Orchester zu überzeugen. »Das kann ich nicht«, habe sie gedacht, »mich stärker oder weiser oder schneller zu geben«.
Als sie dies erzählte, war Mallwitz bereits Generalmusikdirektorin in Erfurt, es hatte also trotzdem geklappt, auch ohne Verwandlung. Und dass Thüringen nur eine Übergangsstation sein würde, war schon damals klar. 2018 wurde sie Generalmusikdirektorin in Nürnberg, 2020 debütierte sie in Salzburg, dirigierte Mozarts Così fan tutte und wurde dafür einhellig von der Kritik bejubelt – wie auch bei fast allen anderen Dinge, die sie in den letzten Jahren anpackte. Kaum ein Festival, Orchester oder Opernhaus, das sie derzeit nicht gerne engagieren würde. Ab der Saison 2023/24 wechselt Mallwitz von der Oper zum Sinfonischen und wird Chefdirigentin des Konzerthausorchesters Berlin. Ihr Weg steht dabei vielleicht auch modellhaft für eine neue Generation von Dirigentinnen, die nicht den männlich geformten Maestro-Habitus erfüllen müssen, um nach oben zu kommen. Nach der Geburt ihres Sohnes im Oktober 2021 gehe es nun ab März wieder »hardcore los mit den Reisen«, erzählt sie mir per Zoom. Gastspiele unter anderem in Wien, Dresden und Paris stehen an, im Sommer dirigiert sie die Neueinstudierung von Lydia Steiers Zauberflöte in Salzburg… Unseren morgendlichen Interviewtermin muss sie daher auf den Nachmittag verschieben: »Ich habe einen kurzfristigen Nottermin beim Amt bekommen, wo ich persönlich mit Baby erscheinen muss – ich muss meinen Personalausweis erneuern und der Kleine braucht einen Reisepass, sonst darf ich im März nicht nach Wien.«
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