Das mit dem »Radio Cologne Sound« steht in The Crying of Lot 49 von Thomas Pynchon, einem für seine enigmatischen Riesenromane und wohl auch für seine weitgehende Unsichtbarkeit verehrten Autors. In einer schummrigen Bar namens The Scope, nahe Los Angeles, trifft sich die kleine Gemeinde der »Elektroniker von Yoyodyne«. Es wird viel getrunken und etwas gepopelt. Dann geschieht es: »Aus einer Art Jukebox am anderen Ende des Raumes brach plötzlich ein wildes Pfeifen und Keuchen los. Alle waren sofort schlagartig ruhig.« – »Was ist los?«, fragt darauf Oedipa Maas, die Hauptfigur dieser doppelbödigen Verschwörungsstory, den Bartender. »›Das ist von Stockhausen‹, informierte sie der smarte Graubart, ›die Leute, die früh hier sind, stehn mehr auf dem Radio Köln Sound. Später swingen wir dann noch richtig. Wir sind der einzige Laden in der Gegend,[…] der eine streng elektronische Musikpolitik betreibt.‹«

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Schöne Szene. 1966, als Pynchon Lot 49 schrieb, reichten die rätselhaften Schallwellen aus dem Kölner Studio für Elektronische Musik bis nach Übersee, und das geniale Geblubber, Rauschen und Fiepen, der magische Knabengesang von Stockhausens Gesang der Jünglinge im Feuerofen (1955) war ein Stück Weltkunstmusik. Der junge Mann Stockhausen, unter deutlichem Genieverdacht, war der Star dieser kühnen Nachkriegsszene, die eine radikal andere Musik wollte, und beim Nachkriegsrundfunk NWDR hatten ein paar Entscheider den Mut, der Neutönerei im Funkhaus am Wallrafplatz ein Labor einzurichten, mit Geräten eher aus der Messtechnik als aus dem klassischen Instrumentenbau. Man stelle sich vor: mitten in einer noch sehr kaputten Stadt ein Spielplatz fürs wirklich Neue. Ein Tüfteln, Schnipseln und Probieren ohne Ende, die Ergebnisse wurden dann in Lautsprecherkonzerten präsentiert, wie UFOs landeten die Werke von Gottfried Michael König, Herbert Eimert, Stockhausen und anderen im Sendesaal des WDR, und später am Abend diskutierte Professor Stuckenschmidt über »Die unerhörte Musik« mit dem Untertitel »Komponisten ohne Publikum?«

Das aber, die Massentauglichkeit des Unerhörten, war nicht wirklich die Frage, und vielleicht ist »Spielplatz« gar nicht das richtige Bild für dieses Neue. Es regierte großer Ernst und einiges Pathos des Neuanfangs. Es wurde ein Biotop, mit der Kölner Elektronik befassten sich auch Komponisten, die dann andere Wege gingen, György Ligeti, Bernd Alois Zimmermann. Stockhausen aber landete 1967 auf dem Sgt. Pepper-Cover der Beatles, die auch mal gern ein Tonband rückwärts laufen ließen. Radio Cologne Sound.

Die wundersame Geschichte des Studios für Elektronische Musik kann man nachlesen in einem von Harry Vogt und Martina Seeber mit Liebe und Verstand gemachten Buch und dabei nachhören auf fünf CDs, es geht von Morgenröte des Tontechniker-Tüftlers Heinz Schütz (1951) bis in die letzten Jahre des 20. Jahrhunderts, mit Luc Ferrari und Marco Stroppa. Wobei vor allem die Dokumente aus der Frühzeit nachklingen, man hört es gerührt (mir fielen die frühen TV-Techniktricks und Sounds der Raumpatrouille Orion ein). Denn das sind Flaschenposten aus einer postkatastrophalen Epoche, in der der Horizont noch einmal wirklich offen war. So funken die Kölner Elektroniker nicht nur bis in Pynchons Amerika, sondern aus historischer Ferne auch in unsere Gegenwart, mit ihren präkatastrophischen Ahnungen vor einem bei allen technischen Möglichkeiten bestürzend begrenzten Horizont. Der Radio Cologne Sound, ein Fall fürs Museum, aber auch ein Antidepressivum, eine Erinnerung an die Gesänge mutiger Jünglinge, als in der großen Jukebox noch Platz für Überraschungen war. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹

Eine Antwort auf “Gesänge der Jünglinge”

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