Harry Vogt hat als für Neue Musik verantwortlicher Redakteur beim WDR nicht nur die Geschicke der Konzertreihe Musik der Zeit seit 1998 gelenkt, sondern auch seit 1990 die Wittener Tage für neue Kammermusik künstlerisch geleitet, das »Donaueschingen des Ruhrgebiets«. Nun geht er in seine letzte Saison. Ein Gespräch über die immer seltener werdende Spezies des »produzierenden Redakteurs«, Uraufführungen und Wiederentdeckungen und die Rolle des Rundfunks als Impulsgeber, Bewahrer und Vermittler.

VAN: Musik der Zeit, die Konzertreihe des WDR, feiert dieser Tage ihr 70-jähriges Jubiläum. Wie geht’s denn so?

Harry Vogt: Ich bin voller Vorfreude, bin gespannt, wie unser Minifestival am 2. Oktober über die Bühne gehen wird. Das mussten wir coronabedingt recht kurzfristig planen, der Situation immer wieder anpassen und zuletzt ganz neu aufstellen.

Seit 1951 der Große Sendesaal im neu errichteten Funkhaus am Wallrafplatz mit dem allerersten Konzert von Musik der Zeit (und Strawinsky am Dirigentenpult) eröffnet wurde, hat die Reihe das Musikleben nachhaltig geprägt. Welche hier uraufgeführten Werke haben es ins Repertoire geschafft?

Was heißt schon Repertoire? Die Werke werden nicht so oft wie Beethoven-Sinfonien, aber immerhin regelmäßig gespielt, und das obwohl der aufführungspraktische Aufwand meist nicht unerheblich ist. Zu nennen wären etwa: Karlheinz Stockhausens Gruppen, Gesang der Jünglinge, Kontakte und Momente, Luigi Nonos canto sospeso, Bernd Alois Zimmermanns Sinfonie in einem Satz, Dialoge und Requiem, Karl Amadeus Hartmanns 8. Sinfonie, György Ligetis Violinkonzert, Helmut Lachenmanns Ausklang. Aus neuerer Zeit vielleicht noch: Rebecca Saunders’ dichroic seventeen, Georg Friedrich Haas’ in vain, Younghi Pagh-Paans Tsi-Shin-Kut oder Hans Abrahamsens Left, alone.

Harry Vogt, Tonmeister Christian Schmitt, Toningenieur Thomas Sehringer (2019, WDR Funkhaus, Studio) © Sebastian Solte

Eine Besonderheit der Reihe ist, dass nicht nur neue Werke erklingen, sondern meist in den Kontext anderer Musik des 20. Jahrhunderts gestellt werden. Zudem erfahren hier oftmals ältere Werke ihre verspätete Zweit- oder Drittaufführung und werden dadurch nach Jahrzehnten wiederbelebt. Was waren die wichtigsten Wiederaufführungen beziehungsweise -entdeckungen?

Komponisten wie Gérard Grisey, Claude Vivier oder auch Christophe Bertrand, deren Werke hierzulande weitgehend unbekannt waren, als sie in unserer Reihe zum Teil als Deutsche Erstaufführung erklangen. Spannend waren auch die Begegnungen mit der Musik von Stefan Wolpe, Jean Barraqué, Francisco Guerrero oder Niccoló Castiglioni. Bill Hopkins wäre ein weiterer Name. Von ihm haben wir zwei Orchesterstücke vorgestellt, die länger auf ihre Uraufführung warten mussten, als ihr Komponist, der 1981 mit nur 38 Jahren verstarb, Zeit zum Leben hatte. Seine faszinierende Musique de l’indifférence, ein Halbstünder nach Texten von Samuel Beckett, entstand Mitte der 1960er Jahre, verschwand danach ein halbes Jahrhundert in der Schublade, war völlig vergessen, als sie 2019 im WDR posthum aus der Taufe gehoben werden konnte.

Solche Stücke flattern aber nicht einfach auf den Tisch. Die Partituren müssen, fernen Hinweisen folgend, erst gefunden, mühsam ediert oder spielbar gemacht werden. Das geht nicht ohne Freude am Schatzsuchen, ohne Spürsinn und Pioniergeist. Derartige Entdeckungsreisen und Ausgrabungen, auch Wiederbegegnungen und Neulesungen sind ungeheuer wichtig, da sie zu Unrecht Übersehenes oder Verschüttetes zum Leben erwecken, weil sie unser Wissen, unseren Horizont erweitern, nicht nur nach vorne, sondern auch gewissermaßen nach hinten. Als Ergänzung zu ganz neuen Stücken und der wichtigen Förderung der aktuellen Szene, die wir dabei nie vernachlässigt haben. Neben den Hauptstraßen der Moderne verdienen auch einige der Nebenwege oder Umleitungen besondere Beachtung. Bekanntlich sind es die Mittelwege, die, wie Schönberg treffend formulierte, nicht nach Rom führen.

Neue Musik wird im Festival- und Konzertbetrieb ja oftmals nur einmal uraufgeführt und dann wieder vergessen. Woran liegt das? Und muss das so sein?

Das muss natürlich nicht so sein, aber der ›Markt‹ scheint diesen Überschuss, der ja viel Leerlauf bedeutet, zu fordern und zu fördern. Da gilt es, beherzt gegenzusteuern. Mit Programmen, die beides bieten, sowohl Erst- wie auch Zweitaufführungen, die ja beide ihren Sinn haben, nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Im Übrigen bietet ja nicht nur die Uraufführung Risiken; die Zweitaufführung braucht manchmal fast noch mehr Mut, da man nie ganz sicher sein kann, ob ein Stück bei der Premiere nicht völlig zu Recht durchgefallen ist.

Für Sie geht es nun in die letzte Saison vor dem Ruhestand. Fällt Ihnen das Abschiednehmen schwer?

Ich bin nach wie vor mit Feuer und Flamme dabei, bin neugierig, fühle mich wirklich nicht müde. Doch ist es an der Zeit, dass andere das Ruder übernehmen, um die Wittener Kammermusiktage und auch Musik der Zeit neu auszurichten. Das Feld ist bereitet, um hier weiterzumachen und neu anzusetzen.

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Glauben Sie, dass in 30 Jahren das hundertjährige Jubiläum von Musik der Zeit gefeiert werden kann? Wird es den WDR und sein Sinfonieorchester dann noch geben?

Keiner wird, in dieser schnelllebigen Zeit, sich so weit aus dem Fenster lehnen und da genaueres vorhersagen können. Doch wenn die Party steigt, werde ich nach Möglichkeit vorbeischauen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht aus verschiedenen Gründen immer wieder in der Kritik, während die Kulturradios zunehmend auf die Quote schielen, sich beim Mainstream anbiedern und dadurch tragischerweise wohl am eigenen Ast sägen. Dabei sollte man doch selbstbewusst zu den eigenen Möglichkeiten und Errungenschaften stehen, oder?

Für mich ist die Notwendigkeit klar. Die Frage muss der Hierarchie gestellt werden, denjenigen, die die Ressourcen steuern, Weichen stellen und Entscheidungen treffen.

Aber wie lautet Ihre Position hierzu?

Ich wünsche mir weiterhin ein klares Bekenntnis, wie ich es in den letzten Jahren immer wieder zu dem bisherigen Engagement vernommen habe. Dass Witten seit Jahren fast komplett an einem Wochenende im Radio übertragen wird, werte ich als Vertrauensbeweis. Auch dass das WDR Sinfonieorchester seit gut zehn Jahren in Witten jährlich gastiert und damit das Programm durch neue Kammerorchesterwerke bereichert, wenn sie zudem noch auf diesem Niveau gespielt werden. Das ist eine gute Entwicklung, die es fortzusetzen gilt.

Ich wundere mich immer wieder, warum es so oft eine Spaltung zwischen der sogenannten klassischen und der eher neueren Musik gibt. Sollte nicht aktuelle Musik viel selbstverständlicher in Abo-Konzerte integriert werden, anstatt sie in eigene Reihen und Spezialfestivals auszugliedern?

Komisch, dass diese Frage in der Musik viel häufiger gestellt wird als zum Beispiel in der bildenden Kunst. Niemand würde ernsthaft vorschlagen, alte und neue Bilder im Kunstmuseum einfach mal zu mischen, wenn, dann geschieht dies dort unter ganz bestimmten Prämissen.

Neue Musik braucht ihr Refugium, ihre Foren und Festivals, aber auch die Integration ins klassische Programm. In der Reihe Musik der Zeit hat sie beides: Einen Schutzraum, der Experimente zulässt, wie auch den Kontrast mit der klassischen Moderne. Neues steht hier im Kontinuum der Musikgeschichte, wird kontextualisiert. Das ist gut für die Stücke, fürs Publikum wie auch fürs Orchester.

Beim WDR wurde jüngst Miniaturen der Zeit gestartet, ein Projekt mit zwölf kurzen Auftragskompositionen. Können Sie die Kritik nachvollziehen, dass manche Außenstehende das als Feigenblatt wahrnehmen, wenn parallel die zeitgenössische Musik dem Anschein nach zunehmend niedriger priorisiert wird?

Ich kann nicht erkennen, dass es hier eine veränderte Priorisierung gibt. Die neue Serie steht nicht in Konkurrenz, sondern soll eine Brücke schlagen zur Reihe Musik der Zeit. Neue Musik wird im WDR weiterhin großgeschrieben. Dass die Idee zu der Serie nicht erst dann entstanden ist, als WDR 3 verstärkt in die Kritik geriet, sondern lange vorher angedacht wurde, pandemiebedingt jedoch erst verspätet an den Start gehen konnte, spricht doch für sich. Positiv sehe ich hier auch ein neues Interesse für unser Genre, ein Wunsch nach Dialog, nachdem ›von oben‹ jahrzehntelang eher gleichgültiges Desinteresse vorherrschte.

Harry Vogt (2004, Kölner Philharmonie, Studio) • Foto © Emilio Pomàrico

Neben Musik der Zeit und den Wittener Tagen haben Sie nicht zuletzt unzählige Studioaufnahmen verantwortet. Worauf kam es Ihnen dabei an?

Zentral ist für mich beim Produzieren immer die Überlegung, vornehmlich ›unser Repertoire‹ aufzunehmen, also WDR-Auftragswerke, die für Witten oder Musik der Zeit entstanden sind. Viele CD-Veröffentlichungen, gerade die im Umfeld von Musik der Zeit entstehen, sind meist verbesserte Live-Mitschnitte, da uns das Orchester oft nur für Proben und Konzerte zur Verfügung steht, selten aber in regulären Studioterminen. Das zwingt, sehr ökonomisch zu planen, Proben aufzunehmen und den Konzertmitschnitt, der meist am überzeugendsten ist, hinterher zu optimieren. Solche Aufnahmen halten dem Vergleich mit vielen Studioproduktionen stand und zeigen den gewachsenen Qualitätsstandard des WDR Sinfonieorchesters. Wichtig ist zudem, Programmkontexte der Reihe, Saisonserien, die sich Werkzyklen wie Berios Chemins oder Zimmermanns Konzerten widmen, auch durch Veröffentlichungen zu dokumentieren. Wir sind aber keine Dependance von CD-Labels. Start und Ziel aller Überlegungen ist das Radio, die Vermittlung der Musik durch bestmögliche Aufnahme und Kommentierung in Sendungen.

Teilen Sie die Sorge, dass viele Rundfunkanstalten ihre Produktionsmittel immer weiter runterfahren und Studios dichtmachen? Beim SWR in Baden-Baden wird ja bald sogar das legendäre Hans-Rosbaud-Studio abgerissen…

Dass ein so wunderbares Studio, in dem auch wir, als Gast beim SWR, viele wichtige Aufnahmen produzieren durften, einfach so verschwindet, ist todtraurig. Die Tendenz ist leider kaum zu stoppen, da ja auch die Mittel zum Produzieren immer mehr zurückgefahren werden. Da gilt es, neue Partner zu finden, um nicht nur die Studios zu erhalten, sondern noch wichtiger, Wege zu finden, um weiterhin Musik mit aller Sorgfalt und Differenzierung zu produzieren. Das ist und bleibt ein zentraler Aspekt der musikalischen Förderung.

Harry Vogt, der als »produzierender Redakteur« des WDR seit Mitte der 1980er das zeitgenössische Musikleben entscheidend mitgeprägt hat, blickt zurück – und voraus auf seine letzte Saison. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Sie haben sich selbst gern als ›produzierender Redakteur‹ bezeichnet. Was genau macht man da eigentlich alles so? Wird es diese besondere Spezies zukünftig noch geben?

Diese Gattung ist in der Tat vom Aussterben bedroht. Sie müsste unter Artenschutz gestellt werden, bevor das Modell ausläuft: der produzierende Redakteur, das unbekannte Wesen. Was alles zu seinen Aufgaben zählt, ist nicht so leicht zu umreißen. Bei umfassender Auslegung vereint der Beruf viele Tätigkeiten und Eigenschaften: Man ist Beschleuniger und Bremser zugleich, Motivator, Troubleshooter, Impulsgeber und Hebamme, um nur einige Aufgaben zu nennen. Man muss für Budget, Logistik und Produktionsmittel, für Ressourcen und Räume sorgen. Und wer die Anforderungen neuer Partituren ernst nimmt, darf sich nicht zu schade sein, all das zu beschaffen, wofür Orchesterbüros sich als nicht zuständig erklären: exotische Klangerzeuger, die in keiner Instrumentationslehre stehen, die eher in Haushaltsgeschäften oder auf dem Schrottplatz aufzutreiben sind – Küchengeräte, Spieldosen, Stoßdämpfer oder gar Helikopter. Das klingt nach Spaß und Abenteuer. Langweilig wird’s in der Tat nie. Doch gibt’s auch gravierende Widerstände und Hindernisse, die nur mit Ausdauer, Energie und Phantasie aus dem Weg zu räumen sind. Ohne dabei das große Ganze, die ästhetischen und programmatischen Ziele aus dem Auge zu verlieren.

Für mich hieß das von Anfang an, nicht nur das abzubilden, was eh schon läuft, sondern Impulse zu setzen, neues Repertoire zu initiieren, Aufträge zu erteilen, Kompositionen auf den Weg zu bringen und zu begleiten, von der ersten Idee bis zur Uraufführung, zur Aufnahme und Ausstrahlung. Ich fühle mich, im WDR, einer sehr langen Tradition verpflichtet und sehe mich dabei weniger als deren Hüter oder Bewahrer, sondern als Ermöglicher, der die lange Linie fortsetzt und weiterspinnt. ¶

Sebastian Solte

... studierte Informationswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und Musikwissenschaft. Er ist als Musikmanager tätig und gründete das Unternehmen bastille musique, das die Bereiche Künstleragentur, Live-Produktion und Plattenfirma kombiniert.