Die J.S. Bach-Stiftung in St. Gallen will innerhalb von rund 25 Jahren das gesamte Vokalwerk von Johann Sebastian Bach aufführen. Vor Corona war dabei einmal pro Monat in der Dorfkirche in Trogen eine der über 200 Kantaten Bachs zu erleben – nach einem ritualisierten Ablauf: Man trifft sich zunächst am Freitag um 17:30 Uhr zu einer musikalisch-theologischen Werkeinführung, dann geht es zum Apéro ins Gasthaus nebenan, um sich um 19:00 Uhr für die erste Aufführung der Kantate in der Kirche zu versammeln. Danach gibt es eine 20-minütige ›Reflexion‹ zum Kantatentext, für die jeweils wechselnde Gäste wie die Autorin Sibylle Lewitscharoff, der Psychoanalytiker Tilmann Moser oder die Philosophin Annemarie Pieper eingeladen werden. Im Anschluss wird die Kantate noch einmal gespielt. Sämtliche Werkeinführungen, Konzerte und Reflexionen werden dabei auf Ton- und Bildträgern festgehalten und auf der Plattform Bachipedia zur Verfügung gestellt.
Musikalischer Leiter und kreativer Fixpunkt des Mammutprojekts ist Rudolf Lutz. Er war bis 2013 Organist an der evangelischen Stadtkirche St. Laurenzen in St. Gallen und bis 2008 Leiter des dortigen Bach-Chors. Außerdem lehrte er als Dozent an der Schola Cantorum Basiliensis (Improvisation), an der Hochschule für Musik Basel (Generalbass) und an der Musikhochschule Zürich (Oratorienkunde).
Wer Lutz’ Werkeinführungen oder Workshops zusieht –wie er durcheinander Orgel und E-Piano spielt, zum voreingespielten Basso Continuo-Playback singt und erzählt, die Zuschauer zum Mitsingen animiert–, merkt schnell: hier ist ein geborener Musikvermittler am Werk, und eine in der klassischen Musikwelt selten anzutreffende Kreuzung aus Alleinunterhalter und Kollektivspieler, Rampensau und Bandleader, Nerd und geselligem Wesen. Hartmut Welscher sprach mit Lutz über Musik, die auf den ersten Blick mehr Spaß macht als Bach, wie er sich den Kantaten nähert und warum er bei Graupner »nein« gesagt hätte.
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