Im Jahr 2017 waren einige Kolleg:innen meines Orchesters an einer Werbekampagne der Deutschen Bahn beteiligt. Gezeigt wurden sie als glückliche Bahnreisende, auf ihren Musikinstrumenten spielend, an Bord eines ICE. Kernbotschaft war, dass das Reisen mit der Bahn durch Gruppentarife sehr günstig sei.

Vielleicht ist der Preis immer noch in Ordnung. Würde man meine Kolleg:innen aber heute auf unseren Zugfahrten fotografieren, wäre das Lachen höchstens als eine Art Galgenhumor zu deuten. Als Orchester mit der Bahn von A nach B zu reisen ist nämlich beileibe kein Vergnügen, sondern ein ziemlich stressbehaftetes Unterfangen.

Gruppengrößen, wie man sie in Orchestern vorfindet, sind eher eine Seltenheit. Ohne Reservierungen ist es unmöglich, in einigermaßen ausgelasteten Zügen genügend Sitzplätze zu finden. Nun ist es aber so, dass Ziele in Deutschland oder im nahegelegenen Ausland nicht immer direkt zu erreichen sind. Umstiege sind erforderlich, will man von München nach Paris reisen, oder auch nur von Dortmund nach Freiburg, wie es kürzlich bei einer Tournee meines Orchesters notwendig war. Jeder von uns hat wohl schon die Erfahrung gemacht, dass beim Verpassen eines Anschlusszuges die Reservierung für den Sitzplatz verloren geht. Das mag für einen Einzelreisenden schon unangenehm sein, für ganze Orchester ist das katastrophal.

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Kommen bei den Folgezügen noch Signalstörungen und Gleisbelegungen dazu, bis hin zu einem kompletten Zugausfall – so geschehen auf unserer Zugfahrt nach Freiburg – kann das dazu führen, dass ein Orchester, das laut Fahrplan um 9.12 Uhr in Dortmund abreist, erst gegen 18.30 Uhr in Freiburg ankommt. Und das auch nur, weil von unserem Organisationsteam (nicht von der Bahn!) für die letzten 200 km noch Busse gerufen wurden, damit die Ankunft vor Konzertbeginn um 20 Uhr überhaupt gelingen konnte.

Im Verein Orchester des Wandels, in dessen Vorstand ich seit kurzem ehrenamtlich tätig bin, versuchen wir, konstruktive Lösungen zu finden, um im Kulturorchesterbereich den Schutz von Klima und Umwelt voranzutreiben. Das ist dringend nötig, um die Ziele der vergangenen Klimakonferenzen der Vereinten Nationen zu erreichen. In den Mitgliedsorchestern unseres Vereins setzen wir dort an, wo wir unmittelbar etwas verändern können. Das sind bei den Opernorchestern vor allem die Gebäude mit der darin enthaltenen Technik, während bei Sinfonieorchestern der Fokus überwiegend auf der Reisetätigkeit liegt. Besonders das Fliegen mit Besetzungen von 80 bis 100 Musiker:innen verursacht bekanntermaßen einen hohen CO2-Ausstoß. Nun gibt es weit entfernte Ziele, die nicht ohne Flug erreicht werden können, beispielsweise die wichtigen Klassikmärkte Japan und Korea. Auf die Diskussion um die Notwendigkeit solcher Reisen, oder ob angesichts der Weltlage China noch als Ziel vertretbar ist, will ich in diesem Kommentar nicht eingehen.

Ich will meinen Fokus auf diejenigen Strecken legen, bei denen Flüge eigentlich problemlos durch die Nutzung der Bahn ersetzt werden könnten. Eigentlich. Denn an Konzerttagen mit der Bahn zu fahren, kann man als Orchester mittlerweile kaum mehr riskieren. Erhebliche Verspätungen, und damit verbunden verpasste Anschlusszüge, sind im Betriebsablauf der Deutschen Bahn einfach zu häufig. Die Wahrscheinlichkeit, nicht rechtzeitig am Konzertort anzukommen, ist zu groß – vor allem, wenn auch noch Ruhezeiten eingehalten werden sollen.

Aber was tun? Solche Strecken zu fliegen, ist in der heutigen Zeit ebenfalls nicht mehr zu verantworten.

Es muss doch möglich sein, von München nach Paris zu reisen, oder von einer Stadt in Deutschland in eine andere, ohne einen kompletten Reisetag anzusetzen. Für uns Musiker:innen ist es mittlerweile selbstverständlich, dass wir an freien Tagen den Zug nutzen, auch für längere Strecken. Es muss aber doch ebenso möglich sein, dass wir an Konzerttagen ohne Stress und mit angemessenen Ruhephasen vor dem Konzert ankommen – und zwar zu den Zeiten, die der Fahrplan verspricht, und mit reservierten Sitzplätzen. In Japan geht’s doch auch!

Die Münchner Philharmoniker entspannt unterwegs im Shinkansen in Japan. Solohornist Matías Piñeira spielt Boleros auf der Gitarre • Foto © Matthias Fischer

Es fällt wirklich schwer, beim Thema Bahn nicht zynisch zu werden. Aber haben Sie den Eindruck, dass von Seiten der Bahn oder auch von unseren Verkehrsministern ein wirklicher Wille besteht, hier grundlegend etwas zu verändern? Ich leider nicht! Und genau das macht mir große Sorgen. In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit den Themen Nachhaltigkeit, Klima- und Artenschutz beschäftigt, sowohl im Rahmen meiner Aktivitäten im Verein Orchester des Wandels, als auch in Form der Teilnahme meines Orchesters am Ökoprofit-Programm der Stadt München. Die Quintessenz aus allen Workshops, Vorträgen und Gesprächen war, dass der Klimaschutz nur gelingt, wenn wirklich alle ihren Beitrag leisten.    

Würden Orchester mit der Bahn reisen, wäre das ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung ihrer Klimabilanz. Die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn macht das Reisen als ganzes Orchester aber fast unmöglich. Ein Kommentar in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Mir ist bewusst, dass es weitere Punkte gibt, durch die wir Orchester unsere Klimabilanz verbessern können und müssen. Beim Reisen ist eine zuverlässige Bahn aber einer der wesentlichen Faktoren.

Liebe Deutsche Bahn, wir brauchen dich! ¶