»Wahrscheinlich muss man erst 90 werden, um dieses Orchester richtig dirigieren zu können«, sagte Simon Rattle bei seinem Abschied als Chefdirigent von den Berliner Philharmonikern. Den Beweis dafür liefert der Auftritt des Orchesters mit dem 95-jährigen Herbert Blomstedt Ende September: Sonst bekannt dafür, Gast- und Chefdirigenten schonmal sichtbar die kalte Schulter zu zeigen, spielen die Philharmoniker an diesem Abend voller Achtsamkeit mit Blomstedt und für ihn. Er dirigiert nach einem im Juni bei einem Sturz zugezogenen Beinbruch , wegen dem er einige Konzerte absagen musste, im Sitzen, aber Schuberts dritte und Beethovens siebte Sinfonie klingen unter seinen Händen so transparent, schlank und lebendig, als wären sie in einen Jungbrunnen gefallen. Das Blomstedt-Phänomen: Je älter er wird, desto frischer klingen seine Interpretationen. Da ist nichts von Starrsinn, Dogma oder Rechthaberei, aber viel von ewiger Neugier.
Blomstedt wird oft als der »Dienstälteste« seiner Zunft bezeichnet, aber er ist – trotz beeindruckender Karriere – kein Dirigent äußerlicher Superlative. Er war nie der teuerste oder berühmteste, schnellste oder langsamste, sondern einer, dem es wie kaum einem anderen gelingt, die Mitte zu halten und aus dieser Musik zum Leuchten zu bringen. Ein Stück fällt bei ihm niemals auseinander, zerfranst oder perforiert in Extreme. Er lässt sich nie von überschwänglichem Pathos oder eigener Hybris überwältigen. Stattdessen hat man stets das schöne Gefühl, dass alles am richtigen Platz ist und deshalb der Spaß erst richtig losgeht. »Jetzt bin ich der älteste und alle lesen von meinen Lippen, dabei bin ich derselbe wie vor siebzig Jahren«, erzählt mir Blomstedt, als wir uns am Morgen nach seinem ersten von drei Konzerten mit den Philharmonikern in einem Hotel am Potsdamer Platz gegenübersitzen.
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