Deutschland ist lange nicht mehr Exportweltmeister, doch mit der Ausfuhr deutscher Musikmanager zumindest in die frankophone Nachbarschaft läuft es erstaunlich. Seit 2020 ist der deutsche Altphilologe Alexander Neef Directeur général der Pariser Oper, seit dieser Spielzeit leitet die gebürtige Hamburgerin Christina Scheppelmann die Brüsseler Monnaie; von der Neuen Musik im Westdeutschen Rundfunk ging Patrick Hahn als Direktor ans Ensemble Intercontemporain, und eben hat die Dramaturgin Barbara Eckle, zuletzt bei der Ruhrtriennale, ihre Intendanz der Opéra de Lille gestartet. Ich schreibe dies auf der Rückfahrt einer Reise nach Lille, gestrandet in Bruxelles-Midi nach einem Anschluss-Desaster zwischen den Bahnunternehmen Eurostar, TGV und Deutsche Bahn. Wie diese Mobilitätsdienstleister mit Absicht nicht kommunizieren, weil sie konkurrieren, ist auch eine europäische Realität. Lille-Cologne, es könnte so einfach sein, ist es aber nicht, aber das ist hier nicht das Thema.
Sondern die Entschiedenheit, mit der die neue Chefin im historistischen Prunkbau der Oper Lille an der Zeitgenossenschaft des Musiktheaters arbeitet. Nicht, weil sie als Initiale die Boris-Vian-Oper L’Écume des jours programmiert hat, die selten zu sehen ist, ein interessant vielfarbig polystilistisches Opus aus dem Jahr 1986. Die Avantgarden von einst kommen in die Jahre, und auch Vians surreal-traurige Liebesgeschichte zwischen dem jungen, reichen, unbekümmerten Pariser Jazz-Fan Colin und der schön fragilen Chloé reproduziert neben fantastischem Einfallsreichtum das eine oder andere Opern-Klischee, zwischen Tristan, Traviata und La Bohème. Schließlich muss Chloé ja an einer in ihrer Lunge wuchernden bösen Blume sterben, auch ihr geht die Luft aus.
Das Repertoire der Oper ist nicht arm an Männern, die am ungerechten Sterben ihrer Geliebten verzweifeln, allzu oft geht es »nur über ihre Leiche« – und es stellt sich die Frage, wie damit umgehen, wenn die Geschichte einem Publikum von heute erzählt werden soll. Zumal einem, das – was Alter und Dresscode angeht – gut gemischt erscheint wie das an diesem Abend in Lille. Das ist mal schön, und noch schöner, wie die polnische Regisseurin Anna Smolar ihren Weg findet, die ziemlich männliche Perspektive durch eine weibliche zu ersetzen, ohne das Stück zu überschreiben oder durchzustreichen. Im Kern geht es ja nicht ums Leiden des Mannes, sondern um den Schmerz, wenn eine geliebte Person verloren geht. Smolar stellt dem Abend einen Prolog voran, der Chloé als bereits Kranke zum Tode mit ihrer Geliebten zeigt. Wie sie um eine letzte Zigarette bettelt, und darum, den Anfang ihrer Liebesgeschichte noch einmal zu erzählen, womöglich zum hundertsten Mal. Und sich dann eine neue wünscht, eine Variante: die Liebesgeschichte mit einem jungen Mann. Und die junge Frau erzählt, was dann die Oper ist, in der sie in die (stumme) Rolle der Hausmaus tritt.
Klingt kompliziert, ist aber, wie die Sopranistin Josefin Feiler und die Schauspielerin Małgorzata Gorol den Schmerz und die Angst vor dem Ende der Geschichten zeigen, von einer Intensität, die in der Oper selten ist, soviel dort auch immer gestorben wird. So oft schauen wir daran vorbei. Mimì oder Violetta stehen ja wieder auf, kassieren ihr Bravo, und hinterher geht man zum Italiener. Hier zerreißt es einem das Herz. Als es schließlich, nach der allerallerletzten Zigarette und einer erlösenden Todesspritze, vorbei ist, herrscht lange Ruhe im Saal.
Es ist die erste Opernarbeit dieser Regisseurin, die vom Theater kommt; hoffentlich nicht die letzte. Der Weg nach Lille lohnt, auch durch das Gestrüpp konkurrierender Mobilitätsunternehmen hindurch. Ach, Europa! ¶

