Als Mitglieder der Staatskapelle Berlin 2009 das ›Orchester des Wandels‹ gründeten, war es eine der ersten Klima- und Umweltschutzinitiativen innerhalb der deutschen Klassiklandschaft. Die regelmäßig veranstalteten Klimakonzerte waren nicht nur eine »kreative Spielwiese«, wie es Staatskapellen-Hornist und Mitinitiator Markus Bruggaier bezeichnet. Mit den Erlösen wurden außerdem über die eigens gegründete Stiftung NaturTon auch Projekte in Indien, Moldawien und Madagaskar unterstützt. Angestiftet von der Idee der Staatskapellen-Musiker:innen wurde mit dem Verein »Orchester des Wandels Deutschland e.V.« letzte Woche eine bundesweite Klimaschutzinitiative deutscher Orchester ins Leben gerufen, die mit Benefizkonzerten und der Unterstützung eines Aufforstungsprojekts in Madagaskar sichtbare Zeichen für Klima- und Umweltschutz setzen möchte. Neben der Staatskapelle stehen unter anderem die Duisburger Philharmoniker, das Staatsorchester Braunschweig, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sowie die Bremer Philharmoniker als erste Partnerorchester fest.Hartmut Welscher sprach mit Bruggaier über Ziele des neuen Vereins und die Herausforderung, das Klimaschutzthema institutionell anzubinden.

Markus Bruggaier • Foto © Peter Adamik
Markus Bruggaier • Foto © Peter Adamik

VAN: Wie kam es zu der Entscheidung, den Verein als Zusammenschluss vieler Orchester aus Deutschland neu zu gründen?

Markus Bruggaier: Im letzten Jahr haben sich einige Musiker:innen anderer Orchester bei uns gemeldet, die das starke Bedürfnis hatten, auch etwas zu tun, gerade auf privater Ebene. Unser Engagement ist ja nicht institutionell von oben verordnet, wir organisieren und bezahlen seit zehn Jahren alles privat. Die Anfragen haben uns darin bestärkt, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, etwas gemeinsam mit anderen Orchestern auf die Beine zu stellen. Der neue Verein ist deshalb total unabhängig von der Staatskapelle Berlin.

Mit dem neuen Verein wollen Sie schwerpunktmäßig ein Wiederaufforstungsprogramm in Madagaskar unterstützen. Wieso gerade dieses?

Wir hatten dort schon Erfahrungen aus dem laufende Madagaskar-Projekt, in dem wir über den Verein Eben!holz, den wir zusammen mit einigen Bogen- und Instrumentenbauer:innen gegründet haben, die Wiederaufforstung im Makira Natural Park unterstützen, die die Wildlife Conservation Society (WCS) zusammen mit dem Zoo Zürich und lokalen Partnern durchführt. An den Reaktionen der anderen Orchester haben wir aber schnell gemerkt, dass es wichtig ist, etwas Neues in Gang zu setzen, auch um sich damit zu identifizieren. Der WCS und der Zoo Zürich, die in unseren Augen skandalfreie und seriöse, auch flachhierarische Organisationen sind, haben uns dann erzählt, dass sie sehr gerne ein größeres Projekt in der Region Masoala entwickeln würden. Dort gab es tatsächlich früher sehr viel Ebenholz und Palisanderhölzer, die unter anderem für den Instrumentenbau genutzt wurden. Aber es geht in diesem Programm nicht nur um Aufforstung, sondern auch darum, den Menschen, die ums Überleben kämpfen, wirtschaftliche Alternativen zu Brandrodung und Abholzung anzubieten, um nachhaltige Landwirtschaft, Wasserversorgung, Hygiene, Schulbildung von Kindern …

Die Projekte werden vor Ort von WCS und anderen durchgeführt. Welche Rolle sehen Sie dabei für sich als Verein deutscher Orchestermusiker:innen? Die des edlen Spenders?

Wir haben uns nie in erster Linie als Geldgeber verstanden, es ging uns immer auch darum, ein Bewusstsein zu schaffen, zu inspirieren. Mit dem zweiten Klimakonzert hatten wir 2012 gemeinsam mit dem WWF ein Renaturierungsprojekt in Moldawien ins Leben gerufen. Das war erst relativ klein geplant, ist dann aber dadurch, dass auf politischer Ebene wahrgenommen wurde, dass ein deutsches Spitzenorchester sich in einem Land engagiert, das innerhalb Europas im Prinzip vergessen ist, wahnsinnig erfolgreich geworden. Der WWF hat uns gesagt, wie wichtig es sei, dass wir dabeibleiben, weil wir eine Triggerfunktion haben. Dasselbe erhoffe ich mir auch für Madagaskar – dass die deutsche Orchesterlandschaft ein tolles gemeinsames Projekt macht und mehr Öffentlichkeit schafft für das, was dort seit Jahrzehnten stattfindet: Der größte Teil der Insel ist mittlerweile Wüste, über 90 Prozent der Wälder sind zerstört, vor dreißig Jahren waren es noch 10 Prozent. Das heißt, wir haben diese Insel in den letzten 30 Jahren praktisch zerstört, rein ökologisch gesehen, und es hat niemanden interessiert. Ich habe ein Vorwort von Helmut Kohl zu einem Buch über Madagaskar aus dem Jahr 1989 gelesen. Da hat er davor gewarnt, dass die Abholzung zunehmen könnte. Aber Tropenholzgesetze hat seine Regierung nicht verabschiedet.

Nun könnte jemand sagen, dass die Unterstützung eines Projekts in Madagaskar ein gutes Feigenblatt ist, um sich nicht den Klimaschutz-Problemen vor der eigenen Haustür zu stellen. Was würden Sie antworten?

Ich finde es auch sehr wichtig, etwas vor der eigenen Haustür zu machen, das ist auch ein Bedürfnis der anderen Orchester, mit denen wir im Gespräch sind. Wir haben als Orchester des Wandels zum Beispiel das Klangkunstprojekt ›Grün hören‹ in den Gärten der Welt veranstaltet. Für uns ist das Madagaskar-Projekt der Anker. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es da um das Holz geht, aus dem viele unserer Instrumente gemacht sind und es dort gleichzeitig einen großen Handlungsbedarf gibt. Außerdem hat die Geschichte der Brandrodung ihren Ursprung im Kolonialismus und geht einher mit der Vertreibung und Ausrottung der lokalen Bevölkerung, die in diesen Gebieten gelebt hat. Das Bewusstsein, was wir durch unser Verhalten in anderen Gegenden der Welt anrichten, ist zum Teil überhaupt nicht da.

Unter den Zielen des bisherigen Vereins heißt es unter anderem, das gesamte Orchester wolle ›eine positive Umweltbilanz erreichen, auch unter der Anrechnung seiner berufsbedingten Reisetätigkeit‹. Wie weit sind Sie bei diesem Ziel gekommen?

Da legen Sie den Finger in die Wunde. Natürlich hätten wir gerne auch intern mehr erreicht. Letztendlich ist es aber immer so, dass es Chefsache sein muss, wenn man innerhalb einer Institution etwas bewirken will. Jemandem wie Daniel Barenboim [Chefdirigent der Staatskapelle und Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin] muss man zugestehen, dass sein Thema das Friedensthema ist. Ich kann nicht von ihm erwarten, und er wäre damit auch nicht glaubwürdig, wenn er sich da auch noch gegen Klimawandel positionieren würde.

Sie reisen mit der Staatskapelle in der nächsten Saison unter anderem nach Wien und Paris … denken Sie darüber nach, mit dem Zug zu reisen?

Wir stehen als Opernorchester vor der Herausforderung, dass der Opernbetrieb immer weiterlaufen muss. Dadurch haben wir eine viel engere Taktung als andere große Symphonieorchester. Schon ein einzelnes Konzert in Hamburg oder Dresden ist eine enorme Herausforderung, das muss alles im Spielplan langfristig geplant werden. Natürlich ist es trotzdem das Ziel, da vieles zu verbessern. Es geht nicht, für ein Konzert nach China zu fliegen, auch weil man weiß, dass man sich dadurch angreifbar macht. Zum Bewusstseinswandel trägt auch bei, dass bestimmte Orchester wie das NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg gesagt haben, dass sie innerhalb Europas nur noch Konzerte machen, die sie mit dem Zug erreichen können. Das ist ein tolles Statement, finde ich.

Auf Ihrer Vereinsseite listen Sie auch viele andere Maßnahmen auf, vom klimaneutralen Postversand über ökologisches und regionales Speisenangebot in Kantine und Catering bis zur energetischen Sanierung der Staatsoper. Wurde davon bisher schon etwas umgesetzt?

Man muss ganz klar sagen, dass es mit dem vorherigen Intendanten [bis 31. März 2018 Jürgen Flimm] nicht möglich war, überhaupt über das Thema zu sprechen. Es  hat ihn überhaupt nicht interessiert. Wir haben natürlich auch versucht, uns bei der Sanierung der Staatsoper einzubringen, aber hatten damals noch nicht genug Einfluss, um etwas zu bewirken. Mit dem jetzigen Intendanten Matthias Schulz sind wir im Gespräch. An manchen Stellen kann man ein Zeichen setzen, in Bezug auf das Reisen zum Beispiel, aber eigentlich geht es bei diesem Thema um die Summe ganz vieler Stellschrauben wie den Kantinenbetrieb und Verwaltungsabläufe im Haus.

Foto USAID Biodiversity & Forestry (CC BY-NC 2.0)
Foto USAID Biodiversity & Forestry (CC BY-NC 2.0)

Geht es bei dem Verein auch darum, solche Maßnahmen voranzubringen bzw. sich darüber auszutauschen? Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber spricht oft davon, dass es für den Kampf gegen den Klimawandel eine ›Koalition der Willigen‹ brauche…

Wir wollen auf unserer Webseite auch die verschiedenen Maßnahmen darstellen, die die Orchester ergriffen haben. Das soll ein Netzwerk werden, in dem eine Art positiver Wettbewerb stattfindet. Andere Orchester sind gerade dabei, Konzepte zu entwickeln, die noch viel weiter gehen und umfassender sind als das, was wir bisher machen. Das freut mich, denn dann kann man sich darauf berufen, und sagen: ›Guck mal, die machen das so, das wollen wir jetzt auch.‹ Ich glaube, dass die Standards einfach hochgeschraubt werden müssen.

Sie haben gesagt, wie wichtig es sei, gerade für eine nachhaltige institutionelle Veränderung, dass das Thema Klimaschutz Chefsache wird. Glauben Sie, dass es dort angekommen ist, bei Intendantinnen und Generalmusikdirektoren?

Ich glaube schon, dass es immer mehr auf dem Schirm haben, Leute wie Alan Gilbert in Hamburg, die wirklich etwas bewegen wollen. Ich glaube aber auch, dass es sehr wichtig ist, als Orchestermusiker aus diesem Musikbeamtendasein herauszutreten und tatsächlich Eigenverantwortung zu übernehmen, dass man eben nicht nur das spielt, was auf dem Notenständer steht, sondern sich als Musiker ganzheitlicher begreift. Deswegen ist es bei dem neuen Verein auch spannend, dass dort Musiker:innen abstimmen und sagen: ›Wir nehmen selber Geld in die Hand, um gemeinsame und eigene Projekte zu finanzieren.‹

Wenn zu viel an der Eigeninitiative Einzelner hängt, ist aber die Gefahr auch immer groß, dass etwas schnell verschwindet, sobald diese Einzelnen ausfallen.

Genau. Das ist natürlich auch eine Herausforderung. Letztlich gibt es uns nur deshalb, weil wir mit dem Thema sehr penetrant geblieben sind und gleichzeitig gesagt haben, dass es uns wichtig ist, dass das ganze Orchester hinter uns steht.

Wie haben Ihre Kolleg:innen reagiert, als Sie den Verein gegründet haben?

Ein Orchester bildet die ganze Gesellschaft ab. Wir haben bei der Staatskapelle 130 Stellen, und natürlich gibt es da Mitglieder, die das Anliegen nicht wichtig finden. Was dieses Thema aber nicht gebrauchen kann, sind interne Machtkämpfe. Man muss da sehr aufpassen, es geht immer darum, alle mitzunehmen. Was uns damals sehr schnell klar war: Es kann nur funktionieren, wenn wir bei den Klimakonzerten den höchsten künstlerischen Anspruch haben, weil wir sonst die Kolleg:innen nicht an Bord halten. Das wird bei anderen auch so sein. Insofern ging es uns immer darum, die positiven Möglichkeiten, auch die kreativen Möglichkeiten zu zeigen. Mittlerweile merke ich, dass das Orchester stolz darauf ist. Das ist eine wichtige Basis, um die Dinge auch im Haus weiter zu bewegen. Natürlich hätte ich mir das schneller gewünscht. Aber man muss den Leuten die Zeit geben.

Sie organisieren alle Veranstaltungen selbst, nächste Saison ist zum Beispiel ein Filmkonzert im Kraftwerk Mitte geplant mit Musik von Ashley Irwin. Inwieweit hat sich dabei auch ihre Perspektive auf das Konzertgeschäft geändert?

Ich habe realisiert, was für ein hammerhartes Pflaster das ist. Allein die enormen Kosten, die damit verbunden sind, haben wir auch immer als hohe Belastung empfunden. Man nimmt ein kleines zeitgenössisches Stück ins Programm und ist sofort in einem höheren vierstelligen Bereich, was das Notenmaterial und die GVL-Gebühren angeht. Dazu kommen dann noch die hohen Mieten. Das bedeutet, dass solche Konzerte eigentlich nicht stattfinden können, weil es meistens zu teuer ist. Da wird wahnsinnig viel jüngere Musik verhindert. Wenn ein Barenboim sagt, er möchte ein bestimmtes Stück machen, dann ist das überhaupt kein Problem, weil die Ressourcen einfach zur Verfügung stehen. Aber wenn ein freischaffendes Ensemble ein bestimmtes Stück machen möchte, ist es eine wahnsinnige Herausforderung. Man muss eigentlich verrückt sein, wenn man sagt, ich mache neue Musik. Ich habe inzwischen wirklich den allergrößten Respekt vor freischaffenden Musiker:innen und Ensembles, die teilweise auf höchstem Niveau musizieren, aber eben, das hat die Corona-Krise gezeigt, gar nicht abgesichert sind.

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass ›das rechte Maß für das Fliegen in den letzten Jahren verloren gegangen ist‹. Gleiches kann man vielleicht auch für andere Teile des Klassik-Jet-Sets sagen. Ist Corona hier auch eine Chance für eine Gesundschrumpfung?

Na ja, ich denke, das mit der Rumfliegerei hat oft auch eher mit der Bedienung von Eitelkeiten zu tun, dass man sich wichtig macht und im Duty-Free-Shop einen Whisky kauft. Ich glaube, dass die Relationen nicht mehr stimmen, wenn jedes Jugendorchester nach Japan fährt; auch bei den Dumpingpreisen für’s Fliegen, in denen die tatsächlichen Schäden, die für die Allgemeinheit und natürlich auch für die nachfolgenden Generationen entstehen, nicht eingepreist sind. Ich habe vor zwei Jahren mal eine Anfrage bekommen, als Aushilfe nach Japan zu fliegen – für ein einziges Konzert eines deutschen Orchesters. Das habe ich nicht gemacht, die hätten doch auch einfach einen japanischen Hornisten fragen können. Solche Auswüchse wird es sicher bald nicht mehr geben. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.