Es gibt wenige Sängerinnen, die sich musikalisch so stilsicher durch verschiedene Genres und Epochen der Musikgeschichte bewegen wie Anna Prohaska. Wenn sie wie in ihrem mit Patricia Kopatchinskaja entworfenen Programm Maria Mater Meretrix an einem Abend Musik von Hildegard von Bingen, Crumb, Eisler, Tavener und Kurtág miteinander verbindet, wird das nie beliebig, aufgesetzt oder prätentiös, sondern bleibt stets glaubhaft, konzeptionell schlüssig und mit einem großen Sprachverständnis ausgestattet. Ich treffe Prohaska an einem Montagabend im »Weinverein Rote Insel« in Berlin-Schöneberg. Prohaska wohnt in der Nähe und kommt mit dem Rad. Sie erzählt sofort begeistert von einem Konzert der Berliner Philharmoniker mit Star-Wars-Komponist John Williams zwei Abende zuvor, das sie in einem Prinzessin-Leia-Kostüm besucht hat (»eher eine Esther Perbandt-mäßige Abwandlung«): »Ich war eine von zwei verkleideten Menschen. Erst habe ich überlegt, ob es mir peinlich sein soll, aber dann haben die Leute alle so nett geguckt.« 

VAN: Viele Häuser und Veranstalter kämpfen gerade darum, ihr Publikum zurückzugewinnen. Ist es für dich eigentlich schwieriger, vor leeren Rängen zu singen?

Anna Prohaska: Mir macht das ehrlich gesagt gar nichts aus. Ich habe mal vor Corona mit Isabelle Faust die Kafka-Fragmente [von György Kurtág] in der Kölner Philharmonie gemacht. Da passen 2.000 Menschen rein und es waren nur 200 oder so da. Aber die saßen ganz dicht gedrängt und hingen an unseren Lippen und Fingern, das war ein fantastisches Konzert.


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