Schon vom ersten Ton der Ouvertüre an zieht diese Oper laufend den Hut und grüßt liebe alte Bekannte. Zuerst: Mozarts Don Giovanni. Der berühmte Auftrittsakkord des Komturs ist von d-Moll nach g-Moll gerutscht, er wird auch anders aufgelöst. Folgt der Einsatz der Kontrabässe, ein bisschen zu früh, rollen die auch nicht düster drohend in Tonleitern auf und nieder, sondern absolvieren vielmehr eine Dreiklangs-Kadenz. Es geht weiter mit einer Singspiel-Idylle à la Freischütz: mit Hörnerchoral und Oboensehnsucht; mit leitmotivischem Blechgetöse, sequenzierten Fanfaren; Paukenwirbeln. Man kann nicht behaupten, dass diese Musik unselbstständig wäre. Sie leiht sich Ideen von Freunden aus, verarbeitet sie weiter. Wer das schrieb, hatte offenbar viele Freunde.
Die dramatische Steigerung der Ouvertüre erinnert an die Wolfsschlucht. Die erste Arie, die gesungen wird, beginnt mit einer Melodie aus dem Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach. Aber auch Referenzen an Rossini, eine Prise Bellini und Berlioz sind eingemeindet worden in diese erste Faust-Oper der Musikgeschichte, komponiert frei nach Goethe. Sie wurde uraufgeführt am 7. März 1831 – da lebte der alte Goethe noch – am »Théâtre-Italien« in Paris. Selbstverständlich als Semiseria und, wie es die Tradition verlangte, auf italienisch.

