Zwischen Hexensabbat und Großstadtfieber, Revolution und Jüngstem Gericht, Virtuosität und Reduktion, Cholera und Pogromen, Selbstfindung und Militärparaden: So klingt Paris im 19. Jahrhundert.

Hector Berlioz, Symphonie fantastique (1830), 5. Satz, Hexensabbat

Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski

Hexensabbat oder Großstadtfieber? Das Finale der Symphonie fantastique aus dem Revolutionsjahr 1830 wird von den Musiciens du Louvre konturscharf in seiner Zerfetztheit gezeigt. Der archaische Hymnus zum »Jüngsten Gericht« unterstreicht noch die Modernität der Partitur.

Niccolò Paganini, Violinkonzert Nr. 1 Es-Dur (1831), Adagio espressivo

Ingolf Turban, Rundfunkorchester Köln, Lior Shambadal

Nur wenige spielen Paganinis 1. Violinkonzert so, wie der Geiger es auch bei seinem Pariser Debüt im März 1831 tat:  Seine Saiten sind gegenüber dem Orchester einen halben Ton nach oben gestimmt, so dass das Es als leere Saite mehr Volumen hat. Ingolf Turban bringt erzählerische Sensibilität dazu.

Franz Liszt, Totentanz, Paraphrase über Dies irae (1865)

Rian de Waal am Érard, Anima Eterna, Joos van Immerseel

Während im Frühling 1832 die Cholera um sich griff, improvisierte Liszt über den Dies irae-Hymnus. In diesen Tagen wurzelt der Totentanz für Klavier und Orchester, an dem Liszt noch drei Jahrzehnte später feilte. Die rasenden Tonrepetitionen waren durch Neuerungen im Klavierbau möglich, derentwegen Liszt am liebsten den Érard nahm. Wie auch Rian de Waal in dieser Aufnahme.

Giacomo Meyerbeer, Les Huguenots (1836), Akt 5 Szene 2

Joan Sutherland (Valentine), Anastasios Vrenios (Raoul), Nicola Ghiuselev (Marcel), New Philharmonia Orchestra, Richard Bonynge

In der Nacht zum 24. August 1572 begann in Paris eine Welle der Gewalt gegen Protestanten. Das Massaker in einer Kirche hat Meyerbeer 1836 im Finale der Hugenotten komponiert mit Musketensalven, Choralfetzen (Ein feste Burg), letzten Worten einer Konvertitin (Joan Sutherland), die vor den Augen ihres Vaters von dessen Leuten erschossen wird. »Lasst uns diese gottlose Rasse ausrotten« – diese Worte verweisen auf Pogrome aller Zeiten und Religionen.

Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Ouvertüre, Urfassung (1841)

Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski

In Paris fand Richard Wagner sich selbst. Das hat er der Stadt nie verziehen. In der Rue Jacob 14, Hinterhaus, letzte Absteige bis zum Frühjahr 1842, schrieb er die noch fehlende Ouvertüre zur Urfassung seines Holländers. Marc Minkowski und die Muciens du Louvre lassen uns hören, wie ein echter Durchbruch klingt.

Frédéric Chopin, Nocturne op. 9 Nr. 2 Es-Dur (1830–1832)

Aya Okuyama am von Fadini restaurierten Pleyel von 1838

Chopin liebte den italienischen bel canto und lauschte ihm in der Pariser Oper.  Zum Es-Dur-Nocturne op. 9 Nr.1 erklärte er Schülern, sie sollten die Melodie singen wie Giuditta Pasta. Am besten geht das auf einem Pleyel, wie Aya Okuyama ihn spielt: ein von Olivier Fadini restauriertes Pianino von 1838.

Charles Valentin Alkan, Le chemin de fer (1844)

Zwölf Töne pro Sekunde, vivacissimamente: Das Klavierstück Le chemin de fer, 1844 von Chopins eigenwilligem Freund Charles Valentin Alkan geschrieben, ist schneller als die Eisenbahn, die im Fahrplanbetrieb noch keine 50 km/h im Durchschnitt fuhr. Es erreicht daher bequem den Anschluss an eine Digitalisierung im Stil des frühen 21. Jahrhunderts. Hier eine optisch umgesetzte Digitalversion, nix Neues in der Technik, trotzdem passend zur Modernität der Eisenbahn anno 1844.

Hector Berlioz, Les Troyens (1858), 5. Akt, 2. Szene, Dido erfährt von Aeneas´ Abreise

Joyce DiDonato, Orchestre philharmonique de Strasbourg

Das ist wahrscheinlich der grandioseste Wutanfall der Musikgeschichte: Königin Dido rast, weil Aeneas sie verlassen hat und von Karthago gen Italien segelt. Berlioz bricht damit 1858 zu Ufern einer Expressivität auf, die Didos Liebestod zum großen Gegenstück der verklärten Isolde – zu gleicher Zeit von Wagner komponiert – machen. Joyce DiDonato singt überwältigend.

Gioachino Rossini, Petite Messe solenelle (1863), Agnus Dei

Birgit Remmert (Mezzosopran), RIAS Kammerchor, Marcus Creed

Mit einer Handvoll Sänger, zwei Klavieren und Harmonium realisiert der 72-jährige Rossini in einer Pariser Privatkapelle 1864 seine Petite Messe solennelle. Das finale Agnus Dei (hier mit Birgit Remmert) ist eine Szene von einer Weite, mit der er sich selbst übertrifft.

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Camille Saint-Saëns, Klaviertrio F-Dur op.18 (1864) 3. Satz Scherzo

Trio Wanderer

Vielfach begabt, von Berlioz als Hoffnungsträger gefeiert: 1864 schreibt der 29jährige Camille Saint-Saëns sein Klaviertrio F-Dur und öffnet im opernfixierten Paris einen neuen Weg der Kammermusik. Im Scherzo wird dem Anreger Beethoven der Arbeitsschweiß von der Stirn getupft, unter den Wonnen metropolitaner Koketterie gibt er den deutschen Idealismus auf …

Jacques Offenbach, La Grande-Duchesse de Gérolstein (1867), Ah, que j´aime les militaire

Felicity Lott, Inszenierung: Laurent Pelly, Musikalische Leitung: Marc Minkowski

Nochmal Minkowski, diesmal als Dirigent der erfolgreichen Produktion am Châtelet 2004: Felicity Lott singt als »Grande-Duchesse de Gérolstein«. Mit dieser irrwitzigen Militärparodie antwortete Jacques Offenbach 1867 auf die 50-Tonnen-Kanone, die die Deutschen zur Weltausstellung brachten. ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016) und »Der Klang von Paris« (2019), ein weiteres Buch ist in progress.