Musik spielte in der Entstehung der Werke Bertolt Brechts eine erhebliche Rolle. Oft schwebten ihm beim Dichten bestimmte Melodien vor. Dies prägte dann auch wiederum die Rezeption – denn die größte Wirkung erzielten Brechts Texte in Verbindung mit Musik.


Bertolt Brecht: Das Lied der Seeräuber-Jenny (Urfassung)

Carola Neher, Gesang

Als Teil des Hörbuchs Die Entstehungsgeschichte der Dreigroschenoper. Hörcollage von Peter Eckhart Reichel. Duophon 07 02 3, Track 6

Der junge Bertolt Brecht trat in seiner Geburtsstadt Augsburg zunächst als Liedermacher hervor: Er sang eigene Lieder zur Gitarre. Viele der Melodien hatte er selbst geschrieben. Als im Dezember 1926 die von ihm bewunderte Schauspielerin Carola Neher bei einem Berliner Kabarett-Programm mitwirkte, steuerte Brecht sein Lied der Seeräuber-Jenny bei. Auch hier stammte die Melodie von ihm. Kurt Weill hörte die Aufführung (Franz Servatius Bruinier begleitete dabei die Neher am Klavier) im Radio und lobte gerade dieses Lied als vorzüglich. Unter Verwendung des Gehörten schrieb er ein Jahr später für die Dreigroschenoper seine eigene Seeräuber-Jenny, welche für Carola Neher als Polly Peachum gedacht war. Wegen der Erkrankung ihres Mannes musste die Schauspielerin jedoch kurzfristig absagen, so dass bei der Premiere Lotte Lenya – Weills Ehefrau – für sie einsprang. Sie machte das Lied von dem einfachen Dienstmädchen, das von der Revolution und plötzlicher Macht über Leben und Tod träumt, weltberühmt.

Es lohnt sich jedoch, Lenyas bekannte Wiedergabe von Weill-Brechts Seeräuber-Jenny mit der von Carola Neher zu vergleichen. Besonders aufschlussreich ist, wie die Neher die Brechtsche Urfassung singt. Ihre Probeaufnahme  vom März 1927, die damals nicht veröffentlicht wurde, hat sich erhalten. Sie enthält schon die Melodie des berühmten Refrains »Und ein Schiff mit acht Segeln« und war auch mit ihrem Wechsel von strophischem Sprechgesang und gesungenem Refrain die Vorlage für Weill und Lenya. 


Hanns Eisler/Bertolt Brecht: Solidaritätslied

Ernst Busch, Gesang 

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Aus: Ernst Busch, Wie könnten wir je vergessen. Originalaufnahmen 1946 – 1953 (I).  BMG EdBa 0184-2, Track 1

Trotz des sensationellen Erfolgs ihrer Dreigroschenoper kam es zum Streit zwischen Brecht und Weill. Es ging dabei nicht allein um die unterschiedliche Bewertung von Text und Musik, sondern auch um politische Fragen. Mehr Gemeinsamkeiten entdeckte Brecht mit dem Schönberg-Schüler Hanns Eisler, mit dem er ab 1929 zusammenarbeitete. Auch für den im Berliner Arbeitermilieu angesiedelten Film Kuhle Wampe (1931) steuerte Eisler die Musik bei. Der Film mündet ein in einen Aufruf zur gemeinsamen Aktion der Arbeiter. Der Schauspieler Ernst Busch singt zum Schluss das Solidaritätslied, das aus synkopischen Rhythmen federnden Drive erhält. Mit seinem klaren, ganz aus der Textdeklamation entwickelten Vortragsstil machte Busch dieses Lied rasch bekannt.

Unter Hitler wurden die von ihm eingesungenen Schallplatten verboten und vernichtet. Nach dem Krieg hat Ernst Busch viele seiner früheren Lieder neu aufgenommen. Die hier ausgewählte Aufnahme entstand um 1946/47 in Ost-Berlin. Die erste Strophe erklingt nur instrumental, gespielt vom Jazzorchester. Dann singt Busch mit metallischer Stimme das Solidaritätslied mit einem neuen Text, der die durch den Krieg zerstörten Städte erwähnt.


Hanns Eisler/Bertolt Brecht: Hollywood-Elegien aus dem Hollywooder Liederbuch

Matthias Goerne, Bariton
Eric Schneider, Klavier  

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Aus: The Hollywood Songbook. DECCA 460 582-2, Tracks 21-25

Brecht und seine Komponisten Weill und Eisler waren 1933 vor der politischen Verfolgung ins Ausland geflohen. Während sich Weill in New York niederließ, gingen Brecht und Eisler nach Los Angeles. Als scharfe Kritik an der kapitalistischen Kulturindustrie schrieb Brecht im Sommer 1942 acht Hollywood-Elegien, welche ihren Gegenstand in verfremdende Distanz rücken. Die Palmen erscheinen hier als »grüne Pfefferbäume«, und die in Hollywood tätigen Autoren, die mit Filmen ihren Lebensunterhalt verdienen, werden mit Dante und Bach verglichen. Eisler vertonte diese Gedichte in seinem Hollywooder Liederbuch. Seine Musiksprache hebt sich durch aphoristische Knappheit vom Stil der in Hollywood üblichen Soundtracks deutlich ab.

Das Hollywooder Liederbuch gehört zu Eislers wichtigsten Werken, kam in der DDR aber erst lange nach dem Tod des Komponisten zur Aufführung. Überzeugender noch als die 1987 in West-Berlin entstandene Aufnahme mit Dietrich Fischer-Dieskau und Aribert Reimann wirkt die mit dem Bariton Matthias Goerne und dem Pianisten Eric Schneider, die 1998 zum 100. Geburtstag von Brecht und Eisler herauskam und Eislers Lieder aus der Kunstlied-Tradition von Schuberts Winterreise und Schumanns Dichterliebe deutet.


Hanns Eisler/Bertolt Brecht: Anmut sparet nicht noch Mühe

Hanns Eisler, Gesang
Andre Asriel, Klavier 

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Aus: Hanns Eisler: Dokumente. Berlin Classics 0090582BC, CD 1, Track 1

Das Deutschlandlied mit dem Text von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und der Melodie von Joseph Haydn war nach dem 2. Weltkrieg von den Alliierten verboten worden. Konrad Adenauer setzte jedoch 1950 im Alleingang die dritte Strophe des Deutschlandlieds als Hymne der Bundesrepublik durch. Brecht reagierte darauf mit seiner Kinderhymne (Anmut sparet nicht noch Mühe), die sich rhythmisch an das Deutschlandlied anlehnt, inhaltlich aber ein Gegenentwurf ist. Auf die Zeile »Deutschland über alles« antwortete er mit der Formulierung »und nicht über und nicht unter andern Völkern woll’n wir sein«. An den Anfang setzte er den in seinem Werk sonst seltenen Begriff »Anmut«. Eisler knüpft in der Zartheit seiner Vertonung direkt daran an. Obwohl er damals schon herzkrank war, hat er das Lied noch kurz vor seinem Tod auf anrührende Weise selbst gesungen. Als nach der deutschen Wiedervereinigung eine neue Nationalhymne gefordert wurde, plädierten Wolf Biermann und mehrere Bürgerinitiativen für Brecht-Eislers Kinderhymne.


Paul Dessau/Bertolt Brecht: Das Lied der Mutter Courage

Gisela May, Gesang

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Aus: Gisela May, Brecht-Songs. Berlin Classics BC 2165-2, Track 14

Die Premiere von Mutter Courage und ihre Kinder am 11. Januar 1949 am Deutschen Theater war nach dem Krieg die erste Inszenierung eines eigenen Stücks in Berlin, an der Brecht beteiligt war. Das Stück hatte er 1939 im schwedischen Exil geschrieben. Mit Helene Weigel, Brechts Ehefrau, in der Rolle der Titelfigur wurde die Aufführung zu einem Triumph. Über Jahrzehnte prägte sie das Bild der Mutter Courage, jener egoistischen Frau, die aus dem Krieg ihren Profit schlägt. 1978 übernahm dann Gisela May diese Rolle. Bereits seit 1951 war sie am Deutschen Theater tätig, wo Hanns Eisler ihr Gesangstalent erkannte. Als Mutter Courage war sie bis 1992,  bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Ensemble, zu erleben.

Mit der Melodie seiner frühen Ballade von den Seeräubern im Kopf hatte Brecht 1939 den Text zum Lied der Mutter Courage geschrieben. Als er 1946 in Los Angeles mit Paul Dessau die Bühnenmusik erarbeitete, forderte er den Komponisten auf, bei diesem Lied diese einfache Melodie zu verwenden. Der Komponist verfremdete sie durch Einfügungen, Taktwechsel und die Gliederung in irreguläre Fünftaktgruppen, wodurch sie schwerfällig polternd wirkt. Um Mitleid mit der Titelfigur zu verhindern, sang Gisela May ihr Auftrittslied mit harter Stimme, schnell und fast brutal.


Hanns Eisler/Bertolt Brecht: Das Lied von der Moldau

Gisela May, Gesang 

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Aus: Gisela May, Brecht-Songs. Berlin Classics BC 2165-2, Track 8

Große Teile von Brechts Schaffen beruhen auf der Bearbeitung fremder Vorlagen. So ließ er sich bei der Dreigroschenoper durch die Beggar’s Opera von John Gay und Johann Christoph Pepusch anregen. Großen Eindruck hinterließ bei ihm der Roman Der brave Soldat Schwejk des tschechischen Autors Jaroslav Hašek, den er 1928 für eine Theateraufführung bearbeitete. Als Brecht 1943 in den USA vom Widerstand der Tschechen gegen die deutsche Besetzung erfuhr, erinnerte er sich an diesen Roman und machte daraus sein Drama Schweyk im Zweiten Weltkrieg. Das Lied von der Moldau wurde dabei zum Ausdruck des Widerstands, wobei die Bewegung des Flusses die geschichtliche Bewegung darstellte.

Bei diesem Theaterstück hatte Brecht zunächst mit Weill zusammenarbeiten wollen. Dessen Chanson Complainte de la Seine mit der wiederkehrenden Zeile »Au fond de la Seine« inspirierte ihn zu der Formulierung »Am Grunde der Moldau«. Da die Kooperation mit Weill nicht zustande kam, blieb das Stück unvollendet. Hanns Eisler hatte sich schon 1943 anlässlich des Fritz-Lang-Films Hangmen Also Die! (Auch Henker sterben) mit dem tschechischen Widerstand beschäftigt. 1956 schrieb er die Musik zu Schweyk im Zweiten Weltkrieg. Dem Lied von der Moldau gab er mit Zustimmung des Dichters die heute gültige Textfassung. In seiner Musik zitierte er Smetanas bekanntes Orchesterstück Die Moldau. Eisler konnte seine Bühnenmusik dem Dichter noch wenige Wochen vor dessen Tod vorspielen. Die Uraufführung fand im Januar 1957 in Warschau statt. Als das Stück Ende 1962  erstmals am Berliner Ensemble zu erleben war, sang Gisela May als Wirtin Kopecka auch das Lied von Moldau. Ihre Stimme wirkte bei dieser positiven Vision deutlich wärmer und freundlicher als beim Geschäftslied der Courage.


Hanns Eisler/Bertolt Brecht: Und es sind die finsteren Zeiten

Udo Lindenberg, Gesang

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Aus: Udo Lindenberg, Atlantic Affairs. BMG Berlin Musik 74321937582, Track 11

Und es sind die finsteren Zeiten
in der anderen Stadt
Doch es bleibt beim leichten Schreiten
und die Stirn ist glatt
Harte Menschheit, unbewegt
Lang erfror’nem Fischvolk gleich
Doch das Herz bleibt schnell geregt
Und das Lächeln weich

Brecht hatte dieses Gedicht 1934 im dänischen Exil geschrieben. Mit den finsteren Zeiten meinte er den Hitler-Staat, der ihn ins Ausland getrieben hatte. Trotz dieser schlimmen Erfahrung bemühte sich der Dichter um Fassung, um Haltung, ja sogar um ein Lächeln. Hanns Eisler vertonte dieses Gedicht zwanzig Jahre später, als er schon in der DDR lebte. Erinnerte er damit an die Jahre des Exils? Oder bezog er sich auf die damalige Situation in Ost-Berlin, wenige Monate nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953? 

In Eislers musikalisch schlichter Komposition erhebt sich über nur zwei wechselnden Begleitakkorden eine dreiteilige, leicht dissonante C-Dur-Melodie. Udo Lindenberg hat das Lied 1988 für sein Album Hermine aufgegriffen, in dem er den Tod seiner Mutter verarbeitete. Trotz dieses Schocks bemühte auch er sich damals um Haltung. Als er 2002 sein Programm »Atlantic Affairs« entwickelte, in dem er vor Hitler geflohenen Künstlern wie Marlene Dietrich, Kurt Weill, Brecht und Eisler ein Denkmal setzte, sang er noch einmal dieses Lied, rhythmisch frei und leise, nur von Klavier und Schlagzeug begleitet – jetzt auf die von Brecht ursprünglich gemeinte Exilsituation bezogen. ¶

… lebt als Musikwissenschaftler und Musikpublizist in Berlin. Nach seiner Promotion 1978 bei Carl Dahlhaus war er bis 1998 Musikkritiker des Tagesspiegel. Ab 1988 betreute er die weltweit gezeigte Ausstellung Entartete Musik. Eine kommentierte Rekonstruktion. Seit 1990 Vorsitzender von musica reanimata, Förderverein für NS-verfolgte Komponisten und ihre Werke. 1994 war er Mitbegründer der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft. Danach arbeitete er an einem Forschungsprojekt zum Musikerexil...

Eine Antwort auf “Finstere Zeiten, weiches Lächeln”

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