Man braucht weder Kommunist noch Ostalgiker zu sein, damit einem Hanns Eislers spätes Lied mit dem wenig einladenden Titel XX. Parteitag ans Herz greifen kann – wetten? Unter allen berühmten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts ist dieser Eisler vielleicht der vielseitigste, oder der widersprüchlichste: herausragender Schüler von Arnold Schönberg und später vielgeehrter Tonsetzer der DDR-Nationalhymne, zorniger Verfasser aufpeitschender Arbeitermärsche und wandlungsfähiger Filmmusiker, der feinsinnige Klänge zum experimentellen Stummfilm-Gedicht schuf und ebenso den passenden Sound zur Hollywood-Schmonzette.
Trotz dieser Vielseitigkeit und seines berühmten Namens dürfte Hanns Eisler (1898–1962) heute einer der überhörtesten Komponisten sein. In Konzertprogrammen taucht er kaum auf, und ein ansonsten vorzügliches Musiknachschlagewerk wie der verbreitete Rowohlt-Konzertführer widmet seinem Schaffen kaum mehr als ein paar merklich verlegene Sätze.

