Wie kann ein richtig gutes Programm aussehen? Das Kuss Quartett zeigt es mit der Uraufführung von Aribert Reimanns Die schönen Augen der Frühlingsnacht. Wie man so ein Programm richtig gut versteckt, wurde jetzt in Hannover vorgeführt. Ein Berliner Club zeigt, dass es auch anders geht.

Reden wir mal nicht über Zahlen zur »Akzeptanz« neuer komponierter Musik, zur »Nachhaltigkeit« von Uraufführungen, zur »Publikumsentwicklung«. Fangen wir nicht mit Quoten, sondern mit Noten an und verkünden ohne spätadventliche Harmoniesucht eine frohe Botschaft: Es gibt tatsächlich so etwas wie das ideale Novitätenprogramm im Genre der Kammermusik. Eines, in dem neue Musik mit einem Klassiker so verbunden wird, dass der wie gerade erst geschrieben klingt. Eines, in dem die noble Besetzung Streichquartett sich selbstverständlich in eine Richtung öffnet, in die trotz Schönbergs opus 10 gar nicht viele gegangen sind: der Kombination mit Singstimme. Ein Konzert, in dem ein Komponist so entspannt über die Musik spricht, als könnte all das ganz normal zum Alltag gehören. So war das jetzt im Kleinen NDR-Sendesaal an Hannovers Maschsee zu erleben, als Erstaufführung nach der Amsterdamer Premiere.

Der Komponist ist 81 Jahre alt, trägt lässiges Schwarz, heißt Aribert Reimann und hat sein jüngstes Werk im Sommer so halb während der Proben zum Salzburger Lear geschrieben. Das ist eine extrem spannende Oper von 1978, eine der meistgespielten von Zeitgenossen und keineswegs seine einzige: Im Oktober wurde Reimanns neuntes Bühnenwerk in Berlin uraufgeführt, L´invisible nach Kurzdramen von Maeterlinck. Da Reimann notorisch urlaubsuntauglich ist, hat er sich von dieser Partitur gleich bei der nächsten erholt, mit der ihn das Kuss Quartett beauftragt hatte – vier Musiker, denen Hype und Crossover sowas von egal sind, dass man das schon fast als unique selling point verbuchen könnte. Für sie und die Sopranistin Mojca Erdmann hat Reimann sechs Lieder eines komplett vergessenen Romantikers namens Theodor Kirchner  bearbeitet und in sieben Bagatellen für Quartett eingebettet, die man auch ohne die Lieder spielen darf – für eine Sängerin reicht ja nicht immer das Geld.

Die Besetzung mit Sopran und Streichquartett hat der Komponist schon 1996 für sich entdeckt. Was dabei entstand, spielt das Kuss Quartett am Schluss, nach Kurtágs Officium Breve (ein Werk, das sie im Repertoire haben wie andere ihren Haydn). In … oder soll es Tod bedeuten? bearbeitete Reimann damals Lieder von Mendelssohn und verband sie durch Intermezzi. Als letztes nahm er eines, das Fragment geblieben war, zu Heines Gedicht Warum sind denn die Rosen so blaß. »Mendelssohn fing an, den Text zu komponieren. Aber als er zum Wort Leichenduft kam«, sagt Reimann, »hörte er nach Leichen auf. Mittendrin. Das konnte er nicht komponieren.« Das konnte aber Reimann, ohne Worte, er ließ das Fragment in dissonantem Klang in eisiges Dunkel ragen, so wie er zuvor schon die Lieder des Kollegen in den Intermezzi reflektiert hatte und in den Bearbeitungen ausgeleuchtet: »Mit dem Streichquartett kann man aufdecken, was sich hinter den Liedern befindet.«

So auch die Verzweiflung des Theodor Kirchner im jüngsten Zyklus, Die schönen Augen der Frühlingsnacht. Als Kirchner dieses Heinegedicht vertonte, war der hochbegabte Lebenschaot gerade bei Clara Schumann, der Witwe seines Förderers, abgeblitzt (»ein unnatürliches Verhältnis…für eine Frau in meinem Alter«, schrieb die  43-jährige dem Jüngeren). »Schöne Augen«, meint Reimann, »können auch ein negatives Erlebnis auslösen.« Das hört man, wenn Sopranistin Mojca Erdmann die dramatischen Linien verfolgt, man hört es auch, wenn im  instrumentalen Kurzstück danach ein Akkord Kirchners in einen Strudel von Metamorphosen gerät. Diese Bagatellen für Streichquartett sind heftige, autarke statements, oft das Ensemble polarisierend, immer völlig klar in Struktur und Ereignis, dennoch abgründig, Lyrik von reifem Sturm und Drang. Wenn das Kuss Quartett danach Beethovens komprimiertes opus 95 spielt, klingt es, als hätten Ludwig und Aribert den Abend gemeinsam konzipiert.

Dieser Abend, jetzt folgt die weniger frohe Kunde, war in Hannover so schütter besucht, dass man daraus einiges lernen kann. Aber nicht, dass auch die tollste Kammermusik nur ein paar arme Irre einer aussterbenden Tierart interessiert. In der rappelvollen Carnegie Hall haben die Kuss-Musiker vor Dreißigjährigen gespielt, die sich im teuren New York noch keine Familie, aber ein Konzert leisten können. In Madrid wird im »Auditorio 400« wöchentlich neue Musik gespielt. »Eintritt frei, proppenvoll«, sagt Oliver Wille, Geiger im Kuss Quartett. Nicht gratis (außer dem Wein in der Pause) und nicht proppenvoll, aber intensiv ist es im Amsterdamer Muziekgebouw, einem lichten Bau am Amsterdamer Hafen. Da wird jeden Donnerstag Zeitgenössisches gespielt, und als dort vor einer Woche Reimanns Kirchner-Zyklus uraufgeführt wurde, gab es eine öffentliche Probe, ein Essen für 50 Förderer, ein rundes event.

Im Berliner Watergate spielen die Küsse auch gern. Eigentlich eine etablierte Heimstatt für elektronische Musik, ist der Club mittlerweile aber auch Kultadresse für Quartettfreaks, die nicht in die Philharmonie wollen. Auslastung bei Reimann: 90 Prozent, Durchschnittsalter: Anfang dreißig. Geht doch! Aber nicht in Hannover, einer Musikhochschulstadt, deren Studenten, so Wille, nur ins Konzert gehen, wenn ein Professor wie er sie anschreibt. Was ohnehin nötig ist, da »Musik 21«, die veranstaltende Niedersächsische Gesellschaft für Neue Musik, sparsam sein muss und Plakate nur da aufhängt, wo das nichts kostet, und der NDR zwar den Saal stellt und einen Mitschnitt einheimst, für das Ganze aber keinen Cent rausrückt, geschweige denn Sendezeit und einen professionellen Moderator. Auch so setzt man Zeichen, nur nicht in Richtung Zukunft. Gelobt seien dafür verschärft die Verkehrsbetriebe, die alle Konzertbesucher gratis vom Zentrum hin und zurück fahren. Das gibt es nicht mal in Madrid, New York und Berlin. ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016) und »Der Klang von Paris« (2019), ein weiteres Buch ist in progress.