Stimmen von Sängern werden fast immer mithilfe sehr abstrakter Begriffe beschrieben. Doch wenn man Matthias Goerne hört, kann man sehr konkret werden beim Sprechen über das, was seine Kunst ausmacht: Zum Beispiel die Art, wie sein Wotan zum Ende vom Rheingold die Zeile »hehr verlockend vor mir« (es geht um Walhall) so zart herüberbringt, als wäre es eine Liebeserinnerung aus der Winterreise. Oder das zynisch flache Timbre, dass er in Hanns Eislers Lied Der Sohn anwendet, um den Zeilen »Daß zwei Stück Brot mehr ist als eines / Das wirst Du auch so merken« eine Bitterkeit zu verleihen. Goernes Stimme und vor seine allem Interpretationen können einen geradezu süchtig machen, man sucht solche Tiefe überall. Ich treffe den 1967 in Weimar geborenen Bariton in seiner Künstlergarderobe in der Elbphilharmonie. Es stehen die Proben für Mahlers Kindertotenlieder an. Er trägt eine Jeans und ein Hemd mit blauen und weißen Streifen, gebraucht häufig den Genitiv und wechselt ab und zu ins Englische, wenn er von meinem Gesicht abliest, dass ich einen Begriff oder Zusammenhang nicht verstanden habe.


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... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.