Wer am 1. Mai auf die Straße geht, hört auf Demos wahrscheinlich Ton Steine Scherben oder The Clash, andere denken bei politischer Protestmusik vielleicht an Hannes Wader, Joan Baez oder Pete Seeger. Doch auch der historische und zeitgenössische Kanon der Klassik kann Systemkritik. Hier eine Auswahl von Stücken, die am Tag der Arbeit den Kampfgeist schüren.
Demokratenlied von Johanna Kinkel
Johanna Kinkel war eine Frau der Tat. Nachdem ihr Ehemann Gottfried Kinkel, ein aufrechter Demokrat und Systemkritiker, im Rahmen der revolutionären Unruhen von 1848 verhaftet wurde, organisierte sie kurzerhand eine spektakuläre Befreiungsaktion: Mit der Unterstützung eines vorab bestochenen Gefängniswärters wurde Gottfried bei Nacht und Nebel aus dem obersten Stockwerk des Spandauer Zuchthauses in die Freiheit abgeseilt. Gemeinsam flüchtete das Paar ins englische Exil und verbrachte seine restlichen Jahre in London.
Während es sich bei dem Großteil von Johanna Kinkels Oeuvre um typisch romantische Betrachtungen zu Mondschein, Waldesrauschen und Vogelzwitschern handelt, ist das Demokratenlied, dessen Text von ihr selbst stammt, ein klares politisches Bekenntnis. Unmissverständlich fordert es:
Die Menschlichkeit war unsres Kampfes Ziel!
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht –
Heran Demokratie!
Kinderhymne von Hanns Eisler
Als Westdeutschlands erster Bundeskanzler Konrad Adenauer 1950 auf einer Veranstaltung im Berliner Titania Palast demonstrativ die dritte Strophe des Deutschlandlieds anstimmte, schieden sich daran die Geister. Die einen sahen darin einen Ausdruck deutschen Selbstbewusstseins gegen die Gängelung der alliierten Siegermächte, die anderen fanden, dass in dem traditionsreichen Stück immer noch zu viele Erinnerungen an die deutschen Verbrechen der Weltkriege mitschwangen. Unter ihnen waren auch Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Gemeinsam schrieben sie eine alternative Nationalhymne, die statt auf territorialen Willen zur Macht auf Friedfertigkeit und Dialog setzt:
Dass die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin,
sondern ihre Hände reichen,
uns wie andern Völkern hin.
Weiter heißt es:
Und nicht über und nicht unter
andern Völkern wolln wir sein,
von der See bis zu den Alpen,
von der Oder bis zum Rhein!
Eine klare Absage an die in der ersten Strophe des Deutschlandliedes skandierten großdeutschen Grenzen »von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt«, wie sie die Nationalsozialisten gefordert hatten. Durchsetzen konnten sich Brecht und Eisler freilich nicht – die dritte Strophe des Deutschlandlieds, beginnend mit den Worten »Einigkeit und Recht und Freiheit« auf die bekannte Melodie von Joseph Haydn ist bis heute offiziell die Hymne des Landes. Praktischerweise ist das Versmaß der Brecht-Eislerschen Alternative so gewählt, dass man ihren Text problemlos auf die Melodie der aktuellen Nationalhymne singen könnte.
Arno Lücker hat in VAN übrigens bereits ausführlich erläutert, warum die aktuelle deutsche Nationalhymne samt historischem Ballast durch die Kinderhymne (mit der Eislerschen Melodie) ersetzt werden sollte und liefert einen vereinfachten, massentauglicheren Chorsatz und die entsprechender Klavierstimme gleich mit.
Stimmen von Hans Werner Henze
Hans Werner Henze war einer, der sowohl in künstlerischen als auch in politischen Fragen zwischen den Stühlen saß. Die Kollegen der Darmstädter Schule, die nach Kriegsende mit streng organisierter serieller Musik einen ästhetischen Neuanfang wagten, warfen ihm vor, sich mit seiner eklektischen und zutiefst sinnlichen Klangsprache beim bürgerlichen Establishment anzubiedern. Das Establishment wiederum rümpfte die Nase, als herauskam, dass Henze in seine römische Villa allerlei linkspolitische Aktivisten einlud und sogar Rudi Dutschke, dem unbequemen Wortführer der 68er-Bewegung, Obdach gewährt hatte. Wie konnte ein arrivierter Künstler wie Henze sich nur mit den Marxisten einlassen? Doch Henze war es wichtig, sich politisch zu positionieren: Ein gutes Beispiel dafür ist der Liederzyklus Stimmen für Mezzosopran, Tenor und Instrumentalensemble von 1973. Die Textgrundlage liest sich wie ein schillerndes Kaleidoskop politischer Debatten der damaligen Zeit: Politische Lyrik auf deutscher, englischer, spanischer und italienischer Sprache thematisiert den Vietnamkrieg, die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und das revolutionäre Kuba. Zu den vertretenen Dichtern gehören Namen wie Bertolt Brecht, Erich Fried, Victor Hernández Cruz, Hans Magnus Enzensberger und nicht zuletzt der vietnamesische Revolutionsführer Hồ Chí Minh.
Lied des Verfolgten im Turm von Gustav Mahler
Gustav Mahler wird eher mit schönheitstrunkenem Weltschmerz als mit emanzipatorischer Programmatik in Verbindung gebracht. Nichtsdestotrotz hat er mit dem Orchesterlied Lied des Verfolgtem im Turm ein Stück von politischer Durchschlagskraft geschaffen. Grundlage ist das bekannte Volkslied Die Gedanken sind frei.
Eingangs- und Schlusschor aus Intolleranza von Luigi Nono
Luigi Nonos musiktheatralisches Plädoyer für die Menschenwürde hat auch 60 Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner traurigen Aktualität eingebüßt: Ein heimwehkranker Geflüchteter kämpft vergeblich gegen die Seelenlosigkeit der Bürokratie, gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen Polizeigewalt. Er muss in einem Bergwerk schweißtreibende Arbeit verrichten, in einem Internierungslager hungern und ertrinkt am Ende in den reißenden Fluten eines Flusses an der Landesgrenze.
Eröffnet wird das Ganze mit den markerschütternden Worten des Dichters Angelo Maria Ripellino:
Lebendig ist, wer wach bleibt
und sich für andere einsetzt,
immer das Beste von sich gibt
und niemals hinterlistig ist.
So singt der Chor und schließt im großen Finale mit einem nachdenklichen Zitat aus Bertolt Brechts An die Nachgeborenen:
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt (…) Ihr, wenn es soweit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unsrer mit Nachsicht
March of the Women von Ethel Smyth
London, 1912: Dirigent Thomas Beecham will seine Freundin Ethel Smyth im Frauengefängnis Holloway besuchen. Wegen eines beherzten Steinwurfes auf einer Großdemonstration für das Frauenwahlrecht wurde sie verhaftet. In Holloway angekommen, bietet sich Beecham ein erstaunliches Bild: Eine Gruppe frisch inhaftierter Frauenrechtlerinnen marschiert im Gefängnishof auf und ab und schmettert aus voller Kehle: »Shout! Shout! Up with your song! Cry with the wind for the dawn is breaking!« Von einem der oberen Zellenfenster blickt indes wohlwollend die Urheberin dieser kampfeslustigen Hymne auf ihre singenden Genossinnen herab und schlägt mit der Zahnbürste den Takt dazu.
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges war Smyth aktives Mitglied der englischen Suffragetten- Bewegung, der sie den March of the Women widmete. Als Dank für ihren Einsatz schenkte ihr Chef-Sufragette und Gründerin der Women’s Political and Social Union, Emmeline Pankhurst, einen goldenen Taktstock.
The People United Will Never Be Defeated von Frederic Rzewski
Im Jahr 1976 nutzte der amerikanische Komponist und Klaviervirtuose Frederic Rzewski ein Konzert zur 200-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten von Amerika zur Solidaritätsbekundung mit der Bevölkerung Chiles – einige Jahre zuvor war dort das linke Parteienbündnis Salvador Allendes durch einen Militärputsch unter Augusto Pinochet und mit Unterstützung der US-amerikanischen Regierung zu Fall gebracht worden. Ausgangsmaterial für die 36 enorm anspruchsvollen Klaviervariationen ist die Melodie des berühmten chilenischen Revolutionssongs ¡El pueblo unido, jamás será vencido!
Als weitere Symbole des musikalischen Widerstandes gegen rechts verbergen sich im Notentext außerdem Zitate aus dem italienischen Arbeiterlied Bandiera Rossa und dem Solidaritätslied von Hanns Eisler.
Youkali und Seeräuberjenny von Kurt Weill
Wie kaum ein anderer Komponist gilt Kurt Weill als der Vertreter des politischen Musiktheaters schlechthin. Das bitterböse Lied der Seeräuberjenny aus der Dreigroschenoper – entstanden in Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht – ist die Rachefantasie eines unterjochten Dienstmädchens: Eines Tages, träumt sie, wird eine Mannschaft bis an die Zähne bewaffneter Piraten zu ihrer Befreiung herbeieilen und auf ihr Geheiß alle ihre Peiniger töten. Jennys Zorn steht für die Ohnmacht der ausgebeuteten Klasse. Hinter wütend steckt eben oft traurig. Weill muss das gewusst haben, denn in der französischen Tango-Ballade Youkali besingt er in herzverzehrender Melancholie eine fiktive Insel irgendwo am Rande der Welt, wo sich alle menschlichen Sehnsüchte auf magische Weise erfüllen. Youkali ist die Verzagtheit einer politischen Utopie, deren letztgültige Erfüllung so unwahrscheinlich ist wie die Rückkehr des Menschen ins Paradies.
One Day The Bird Will Be Free von Aida Shirazi
Die in den USA lebende Iranerin Aida Shirazi ist Komponistin akustischer und elektroakustischer Musik und Mitbegründerin der 2017 aus der Taufe gehobenen Iranian Female Composers Association – einer Organisation, in der sich iranische Komponistinnen auf der ganzen Welt vernetzen. Viele dieser Künstlerinnen leben im Exil oder arbeiten in ihrer Heimat unter massiver rechtlicher Benachteiligung, trotz Verboten, Repressalien und drohenden Verhaftungen, Misshandlungen und Folter.
Das Geigen-Solo One Day The Bird Will Be Free entstand wenige Jahre vor der Ermordung Jina Masha Aminis, die den Beginn der noch immer andauernden Proteste der Women Life Freedom-Bewegung markierte. In Shirazis Vogelflug klingen der bittersüße Ruf der Freiheit und die Hoffnung auf die Zukunft.
Die Forelle von Franz Schubert
Auf den ersten Blick ist der viel gesungene Schubert-Klassiker ein keckes Liedchen über einen Fisch, der das Pech hat, in die Fänge eines Anglers zu geraten. Auf den zweiten Blick handelt es sich um ein etwas biederes Stück Sittlichkeitslehre, das junge Mädchen gemahnt, sich vor den Männern in Acht zu nehmen. Auf den dritten Blick hingegen lässt sich in Schuberts Forelle aber ein gewisser politischer Tiefgang erkennen: Ihr Textdichter, Christian Friedrich Daniel Schubart, wurde von seinem Landesherrn, dem Württembergischen Fürsten Karl Eugen, 10 Jahre lang für seine Kritik an Adel und Klerus in der Festung Hohenasperg eingekerkert. Dort entstand auch das Gedicht über die Forelle, die als freiheitsliebender Bürger gelesen werden kann, während der absolutistische Herrscher in Gestalt des tückischen Anglers auftritt.
My Angel, his Name is Freedom von Gabriela Lena Frank
Das 2015 entstandene Chorwerk der US-amerikanischen Komponistin Gabriela Lena Frank ist eigentlich eine Hommage an die Oratorien Georg Friedrich Händels. Die poetische Textvorlage von Ralph Waldo Emerson jedoch macht es zu einer zeitlosen Ode an Freiheit und Gleichheit:
My angel, his name is Freedom.
Choose him to be your king.
Call the people together.
Choose men to rule.
None shall rule but the humble.
Govern the land and sea.
Make just laws under the sun.
Beware from right to swerve.
Carry my purpose forth
which neither halts nor shakes.
Lift up a people from the dust.
Trump of their rescue, sound!
Es gibt außerdem eine ganze Reihe (klassischer) Werke zu Arbeitskämpfen in den USA, zu finden in Olivia Giovettis VAN Playlist.
Rote Nelken von Hedda Wagner
Die österreichische Komponistin und Schriftstellerin Hedda Wagner wurde bereits 1912 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), wo sie sich im Landesbildungsausschuss und der Frauenbewegung einsetzte. 1929 wurde sie Mitarbeiterin des sozialdemokratischen Tagblattes in Linz, für das sie die Redaktion der Frauenbeilage übernahm. 1934 erteilte ihr die Regierung Schreibverbot.
Wagner hinterließ dennoch ein umfangreiches Oeuvre, darunter fast 300 Lieder. Viele sind von ihrer Hingabe zur Sozialdemokratie inspiriert, darunter das Chorstück Rote Nelken nach einem eigenen Text oder Der Tag des Proletariats und Das Spiel vom letzten Krieg – beides für Soli, Chor und Orchester. Leider existieren von Hedda Wagners Musik bis heute keine Aufnahmen. ¶


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