Mit seinen virtuosen Variationen über das chilenische Protestlied ¡El pueblo unido jamás será vencido! hat der Komponist und Pianist Frederic Rzewski die diesjährige MaerzMusik eröffnet. Die physische Erschöpfung des Pianisten ist in das Werk hineinkomponiert, so wie es Kräfte raubend ist und Zeit braucht, eine Gesellschaft dazu zu bringen, an einem Strang zu ziehen – heute vielleicht noch mehr als vor 50 Jahren. Ein Interview mit einem Sozialisten, der eigentlich nur komponieren will.
VAN: Sie haben The People United Will Never Be Defeated! auf ein chilenisches Widerstandslied gegen Pinochet 1975 komponiert. Ist es heute ein anderes Stück geworden, weil es in anderen politischen Zeiten erklingt?
Frederic Rzewski: Das ist eine philosophische Frage… Manchmal nehmen Werke eine eigene musikalische Existenz an, und warum oder wie, ist schwierig zu sagen. Als Pierre Degeyter Die Internationale komponiert hat, wusste er sicherlich noch nicht, welche Rolle dieser Song in der Welt einmal spielen würde. Er hat nur die Musik geschrieben. Ein Stück kann ein Eigenleben entfalten, unabhängig vom Komponisten. So wie alles in der Musik auch der Interpretation ausgesetzt ist. Wichtiger als der Urtext der Bibel ist der Kommentar, der Jahrhunderte später im Talmud erschien. Dazu fällt mir ein jüdischer Witz ein. Wollen Sie ihn hören?

