»Was ist der Mensch?«, lautete die Frage, die den legendären Universalgelehrten Arnold Hau zeitlebens umtrieb. Die letzten kirchlich Geprägten mögen das autovervollständigen: »Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst?« So heißt es im Buch Hiob in der revidierten Lutherbibel von 1984. Den einleitenden Hauptsatz (und damit die ewige Hau-Frage) stellte Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, in ihrer ergreifenden Hiob-Kantate isoliert aufs große gesangliche Podest, wie ein Mantra, allerdings in der ursprünglichen Lutherfassung: Was ist ein Mensch?
Hört man das Mendelssohn-Konzert des RIAS Kammerchors in der Philharmonie, könnte man der Hiob-Frage auch die Gegenfrage des großen Georg Christoph Lichtenberg stellen: Dass die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden – Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr, ja was ist der Mensch anders als ein verworrenes Bündel Röhren? Man müsste freilich unbedingt die Luftröhre ergänzen, aus der aller Wind pustet, welchen der Mensch zu Gesang presst; besonders kunstvoll, wenn es sich um diesen Chor handelt. Und eben um Fanny Hensels Kantate von 1831, die uns 2024 zu Tränen zu rühren vermag.

