Ist die Herausbildung von neuen Klassikern eine Lebensbedingung für Klassik überhaupt? Was die Oper angeht, kann einen bedenklich stimmen, wie selten eines der neuen Werke, die ja geflissentlich in Auftrag gegeben werden, nach der Uraufführung anderswo wieder gespielt wird. Oder gar von leidenschaftlichen Operngängern, auf die es doch unbedingt ankäme, wieder und wieder gehört werden will. Im Bereich der neuen Konzertmusik gibt es immerhin manches, was sich in den Wunschohren des Publikums festgesetzt hat. Auch in kleinen Formaten: Eines der kammermusikalischen Werke, das zuverlässig seine Liebhaber anlockt, sind György Kurtágs umwerfende Kafka-Fragmente von 1985 bis 87, die am zweiten Tag des diesjährigen Ultraschall in Berlin zu hören waren, dem traditionellen Vor-Berlinale-Festival für Neue Musik von Deutschlandfunk Kultur und jenem rbb-Sender, der alle paar Jahre irgendwie anders heißt (aktuell »radio3«).
Geschlafen – aufgewacht!, hat darin die Sopranistin mehrfach zu deklamieren, nach einem Tagebucheintrag Kafkas von 1910: geschlafen, aufgewacht, geschlafen, aufgewacht, elendes Leben. Ein Gedanke, den treue Besucher von Neue-Musik-Festivals ganz gut kennen. Die Sängerin Johanna Vargas aber, Mitglied der Neuen Vocalsolisten Stuttgart, hat die kleinen Szenen präzise durchgearbeitet, nicht nur stimmlich flexibel und effektvoll (wenn auch nicht immer optimal textverständlich), sondern auch darstellerisch durchdacht, im schwarzen Anzug mit variablem Stuhl-Requisit, als listiger Klown; bei Kafka schreibe ich den natürlich mit K.! Der Geiger Ilya Gringolts steuert dazu gestisch zurückhaltend, aber musikalisch intensive Interaktion bei, mit wirklich großem Ton. Der trägt dazu bei, diese Sammlung kleiner Stücke zu einem größeren Bühnenwerk zu machen als Kurtágs tatsächlich für die große Bühne gedachte Oper Fin de partie, die letztes Jahr auch an der Berliner Staatsoper Unter den Linden zu erleben war und bei der ich den Eindruck nicht loswurde, dass dieser große Kleinkunstzauberer sich im Format verzettelte.

