Das alte Verdikt, Rachmaninows Musik sei verkünstelter Gefühlsüberschuss – »gefühlvolle Jauche«, wie Richard Strauss gesagt haben soll – wirkt lange nach. Noch vor drei Jahren, zu Rachmaninows 150. Geburtstag, fühlten sich daher Paavo Järvi, Vladimir Jurowski und Francesco Piemontesi genötigt, sich für ihn in die Bresche zu werfen: »Hört diese Musik ohne all den Unsinn, der euch von euren Professoren vorab eingetrichtert wurde. Schaut in die Partituren! Lest nach, was dort geschrieben steht, aber nicht so aufgeführt wird!« (Paavo Järvi)
Dabei ist die Klage darüber, dass Rachmaninow zu oft als Kitsch missverstanden wurde, mittlerweile selbst überholt – denn viele Pianistinnen und Pianisten interpretieren ihn inzwischen ganz anders. Zum Beispiel Anna Vinnitskaya, die sich am vergangenen Sonntag in der Berliner Philharmonie in ihrer Interpretation von Rachmaninows 1. Klavierkonzert – begleitet vom RSB – erfolgreich gegen jedes Vorurteil von Überzuckerung anstemmte: Kein Ton fällt vor lauter Selbstverliebtheit unter den Tisch, alles ist bedeutsam und genau durchgearbeitet, von tiefer Ernsthaftigkeit, voller Farben – auch mal mit der nötigen Schroffheit. (Rachmaninow selbst spielte seine eigenen Konzerte übrigens erstaunlich nüchtern.)
Am Tag zuvor treffe ich Vinnitskaya nach der Generalprobe am Potsdamer Platz. Sie entpuppt sich als zugewandte, neugierige Gesprächspartnerin.
VAN: Sie haben mir vor ein paar Jahren eine Mail geschrieben, in der Sie die Ausbeutung junger – vor allem osteuropäischer – Pianisten durch einen Veranstalter kritisieren. Sie schreiben darin: ›Dort spielen viele ganz tolle Pianisten, die leider nicht so eine steile Karriere gemacht haben, aber trotzdem nicht schlechter als namhafte und große Künstler spielen.‹ Was entscheidet im Klassikgeschäft zu wieviel Prozent über Erfolg: Talent, Glück, Sichtbarkeit, Netzwerke?
Anna Vinnitskaya: Wenn ich unterrichte, denke ich ständig über diese Frage nach. Ich glaube, es ist wie ein Puzzle: Wenn ein Teil fehlt, ist das Bild nicht vollständig. Talent haben viele. Dazu braucht es Fleiß, einen ›Eisenarsch‹, wie man auf Russisch sagt. Gute Lehrer, das Glück, zum richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Heutzutage spielt auch der menschliche Faktor eine wichtige Rolle: Man muss sich ›verkaufen‹ können. Als ich 2003 meine ersten Konzerte spielte, habe ich noch Veranstalter erlebt, die keine Manager waren, sondern entweder selbst Musiker oder die einfach aus Liebe zur Musik Konzertreihen gemacht haben. Das ist heute anders.
Sind Sie froh, dass Sie nicht jetzt zwanzig sind?
Ja, sehr. Und dass ich dieses ganze Geschäft nicht mitmachen muss. Als ich anfing, war ich bei einer kleinen Agentur, die alles für mich geregelt hat. Ich hatte keinen Facebook-Account, Instagram habe ich immer noch nicht. Würde ich heute anfangen, käme ich so nicht weit, das ist mir klar. Es gibt viele Beispiele aus meiner Klasse: talentierte Pianist:innen, die alles haben – außer vielleicht ein bisschen Geschick im persönlichen Umgang. Die machen dann oft keine Karriere. Und es gibt andere, bei denen ich anfangs dachte: ›Ich weiß nicht, ob daraus etwas wird‹, die heute viele Konzerte spielen.
Was ist für Sie eine ›gelungene‹ Karriere?
[überlegt] Wahrscheinlich, wenn man eine Balance findet. Zufriedenheit mit sich selbst. Wobei das wahrscheinlich unmöglich ist.
Gehen Sie nach Auftritten sehr hart mit sich ins Gericht?
Ja.
Das, was andere sagen – Publikum, Dirigent, Orchester – spielt das da überhaupt eine Rolle?
Nein, gar keine.
Wenn Sie selbst unzufrieden sind, der Dirigent aber sagt: ›Anna, so toll hat das noch niemand vor dir gespielt‹ – das macht keinen Unterschied?
Nein. Es gibt ein paar Menschen, denen ich hundertprozentig vertraue und deren Feedback in dem Moment hilfreich wäre. Aber sonst: nein. Das heißt nicht, dass ich die anderen nicht respektiere oder ihnen nicht zuhöre. Was Dirigenten angeht, bin ich, glaube ich, schon ziemlich nett und freundlich [lacht].
Nervt es, dass man es sich als Solistin mit Dirigenten nicht verscherzen darf, weil man darauf angewiesen ist, dass Sie einen bei der Karriere ›mitnehmen‹?
Ich habe solche Schachzüge nie gemacht. Abgesehen davon: Keine Frau will älter werden, aber in dem Punkt bin ich froh, dass ich nicht mehr ›das kleine Mädchen‹ bin, die junge Pianistin. Keiner guckt mehr auf mich und sagt: ›Schätzchen, könntest du es soundso machen?‹ Das habe ich von manchen Dirigenten gehört. Älter zu werden als Musikerin hat definitiv auch seine schönen Seiten.
Sie kommen aus einer Musikerfamilie, haben mit fünf mit dem Klavier angefangen und mit zwölf Ihren ersten Wettbewerb gewonnen. Sie haben öfter gesagt, dass Sie allerdings erst in Ihrem Studium bei Evgeni Koroliov in Hamburg ›die Liebe zur Musik‹ entdeckt haben. Was war denn vorher?
Vorher war es ›Musik als Beruf‹. Berufsmusiker. Ich möchte nichts Schlechtes über meinen ersten Lehrer in Russland sagen. Er war derjenige, der mir alles ermöglicht und alles gegeben hat, vor allem auf technischer Ebene. Nur dank ihm bin ich da, wo ich bin. Er hat alle Studenten auf unglaublich hohes Niveau gebracht, egal ob sie talentiert waren oder nicht, aber dann kam dieser Schock mit 18 oder 20: Was bin ich überhaupt ohne meinen Lehrer? Bei Koroliov bekam das, was ich tue, einen Sinn. Dass Musikmachen etwas mit Kreativität zu tun hat, bei dem ich experimentieren kann, mit dem ich mich trösten kann – das habe ich bei ihm gelernt, oder entdeckt, oder in mir entdeckt.
Wie hat er das gemacht?
Er hat mich in Ruhe gelassen. Ich bin durch ihn selbständig geworden. Er hat oft gefragt: ›Was möchtest du hier an dieser Stelle, es klingt ein bisschen leer?‹ Dann habe ich überhaupt erst angefangen, darüber nachzudenken: Was möchte ich mit dem Stück sagen oder erzählen? Bei Klassenabenden bei meinem ersten Professor konnte man bei jedem Pianisten genau sagen, aus welcher Schule er kam. Bei Koroliov hingegen hat jeder Student anders gespielt. Das hat mich geradezu schockiert. Es gibt Professoren, die sagen: ›Nur wenn du so spielst wie ich, kannst du etwas von mir lernen.‹ Ich habe einmal bei einem Meisterkurs zugehört, bei dem ein Student eine Chopin-Sonate gespielt hat. Die Professorin hat wirklich jeden Takt so geändert, dass am Ende ihre und nicht mehr seine Interpretation zu hören war. So unterrichte ich nicht.
Unterrichten Sie wie Evgeni Koroliov?
Ich versuche es. Tatsächlich frage ich oft die gleichen Sachen: Was meinst du, was möchtest du ausdrücken?
Sind Sie eine strenge Lehrerin?
Ja, ich glaube schon. [lacht]
Wie äußert sich das?
Ich bin ziemlich direkt, das wissen auch meine Studenten. Außerdem ertrage ich keine Konserven. Das geht für mich überhaupt nicht. Meine Klasse weiß schon, was ich damit meine: wenn man ein Stück vorbereitet hat und vorträgt, ohne in dem Moment etwas zu erleben oder zu spüren. Dann bin ich sauer. Ich bin aber schon sehr verständnisvoll, wenn es um persönliche Umstände geht. Ich glaube, dass ich eine gute persönliche Verbindung zu meinen Studenten habe, das ist wichtig für beide Seiten. Eine Beobachtung wollte ich dazu noch loswerden: Sportler, aber zum Beispiel auch Balletttänzer, egal wie alt oder berühmt sie sind, haben immer Trainer oder Coaches, die ihnen Feedback geben. Das ist etwas ganz Normales. Aber wir Instrumentalisten hören auf zu studieren – und ab dann sind wir alleine. Uns scheint es fast peinlich zu sein, mit 40 noch einen Lehrer zu haben.
Sie haben nach wie vor einen engen Kontakt zu Evgeni Koroliov. Mit ihm und seiner Frau Ljupka Hadzi Georgieva spielen Sie oft Bachs Konzerte für mehrere Klaviere, haben diese auch eingespielt. Aber das Solorepertoire von Bach spielen Sie gar nicht. Woran liegt das?
Da traue ich mich nicht so richtig ran. Ich höre kaum Musik zu Hause, aber wenn, dann nur Bach. Das geht 24/7. Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass ich seine Musik lieber höre als selber spiele. Da kann ich mich nur auf die Musik konzentrieren. Durch Üben und ständiges Wiederholen geht bei mir manchmal ein Stück von dieser Begeisterung verloren.
Bei Rachmaninow, dessen Konzerte Sie sehr oft spielen, ist das nicht so?
Da ist es nicht so. Da bin ich wie auf einer Welle, da bin ich so emotional, das ist wie meine Heimat.
Haben Sie auch eine geographische Heimat?
Die ist in mir drin, Rachmaninow, Prokofjew, in meinen Erinnerungen. Das hat nichts mit dem heutigen Russland zu tun. Was ist noch von damals geblieben, von diesem Land, das nicht mehr existiert? Ich war 2017 zuletzt dort. Ich hatte nie eine Karriere in Russland. Aber das hat mich auch nicht traurig gemacht. Ich habe dort in den letzten 10 Jahren einmal gespielt, das war ein Jubiläum des Konservatoriums.
Ebenfalls seit vielen Jahre spielen Sie gar nicht Mozart oder Beethoven. Warum nicht?
Das liegt daran, dass ich … [überlegt und setzt neu an]. Die besten Konzerte sind die, in denen ich einfach eintauche, bei denen ich mich wie in einem Tunnel befinde. Das kann ich bei Wiener Klassik irgendwie nicht. Oft gibt es Kleinigkeiten: Fehler, Dinge, mit denen ich unzufrieden war und die mich so frustriert haben, dass ich nicht mehr eintauchen wollte. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass es nicht so ist, dass mir diese Musik fehlt. Vielleicht ändert sich das noch. Ich unterrichte natürlich Mozart und Beethoven in der Hochschule.
Beschreiben Sie doch mal dieses ›Eintauchen‹ …
Der physische Prozess tritt in den Hintergrund, stattdessen folge ich der Musik. Das klingt ein bisschen banal, aber ich höre die Musik und komme mit, ich mache nichts, die Musik macht etwas und ich komme mit der Musik mit. Das ist was Schönes, ich erlebe da wunderschöne Momente.
Was brauchen Sie, damit das gelingt, abgesehen vom Repertoire?
Nicht zu viele Konzerte. Sonst kommt aus mir nichts heraus, nur Erschöpfung und Energielosigkeit, was furchtbar ist, was ich auch bei manchen Kollegen manchmal beobachte. So zu tun, als ob ich etwas spüre, als ob du Freude hättest an der Musik, ein bisschen Fake. Als ich 2007 den Queen Elisabeth Wettbewerb gewann, ging es ziemlich steil los: viele Angebote, viele Konzerte. Da habe ich gemerkt, dass das für mich so nicht geht, weil es in Schauspielerei endet. Ich habe 2008 ein ziemlich berühmtes Festival abgesagt, weil ich gemerkt habe: Ich hätte spielen können, aber es wäre nicht ich selbst gewesen. Das Festival hat mich dann sehr viele Jahre nicht eingeladen. [lacht] Seitdem spiele ich nicht mehr als 50, 55 Konzert pro Saison, als die Kinder noch klein waren, waren es vielleicht 35 oder 40. Ich wollte nie von einem Konzert zum nächsten reisen, das ist für mich eine Hölle. Wozu lebt man dann, was will man da überhaupt vom Leben? Die Sommerferien halte ich mir schon seit sieben, acht Jahren frei. Diese Zeit ist nicht nur schön für die Familie, in der Zeit passieren auch viele Sachen im Kopf.
Machen Sie mittlerweile nur das, was Sie machen wollen?
Ich erinnere mich nicht, dass ich jemals etwas gemacht habe, was ich in dem Moment nicht machen wollte. Und jetzt umso mehr nicht.
Alles, was Sie jetzt machen, ist hundertprozentig das, was Sie machen wollen?
Ja. Ich bin auch froh, dass ich nein sagen kann.
Was sind denn No Gos?
Beethovens Tripelkonzert. [lacht]
Das ist Platz 10 unseres Rankings von Beethovens schlechtesten Werken!
Oder allgemein die Beethoven-Konzerte. Warum soll ich etwas spielen, bei dem ich nicht dahinterstehe, bei dem ich weiß: Meine Interpretation wird mich nicht zufriedenstellen und es gibt Hunderte von Interpreten, die Beethoven besser spielen können als ich. Ich spiele nur Sachen, bei denen ich etwas Besonderes aussagen kann. Bei Rachmaninow spüre ich das zum Beispiel.
Wenn Ihre Kinder Musiker werden wollen würden, würden Sie sich freuen?
Nein. [lacht]
Warum nicht?
Weil es so schwierig ist. Koroliov hat einmal gesagt: Musik muss man aus der Not machen – wenn man ohne Musik nicht leben kann. Wenn man merkt, dass man ohne sie leer ist. Aber Musik zu machen, wie ich es bei vielen jungen Leuten erlebe, nur weil es ›cool‹ ist, oder weil Lang Lang das macht, oder weil man auch Sieger des Chopin-Wettbewerbs werden will, das finde ich sowas von falsch. Dagegen habe ich eine regelrechte Allergie. Ich kann mir das nicht ansehen. Wenn man die musikalische Sprache nicht beherrscht, aber trotzdem so tut, als ob man gut sprechen kann, und damit Erfolg hat. Das ist einfach Nachahmung und Copy Paste. Und 80 Prozent des Publikums merken es nicht. Das ist ziemlich traurig.
Betrifft das auch Sie und Ihre Zukunft?
Das betrifft eher die jüngere Generation. Es kann sein, dass Sie mich in zehn Jahren fragen und ich spiele kein einziges Konzert mehr und bin todtraurig. Aber im Moment denke ich: Ich muss das alles nicht machen. Wo ich kann, mache ich es; wo ich merke, dass es mir nichts bringt oder mir keine Freude bereitet, lasse ich es. Ich gehe dann irgendwann in Rente, nach Sardinien oder so, trinke guten Wein und genieße das Leben. ¶

Kommentare sind geschlossen.