Einer der zu wenig beachteten Gründe, warum Gegenwartsoper kaum je so reinknallt wie die Ewigen Repertoire-Rosse (oder heißt es Rösser?), ist das Fehlen von Pausen. Die meisten Gegenwartskomponierenden spulen stringentes äußeres oder inneres Drama, straffe 100 Minuten am Stück, wie ein konziser Kinofilm. Künstlerisch oft verständlich, aber das Opernerlebnis nimmt sich damit auch aus der Lebenstotalität heraus, deren Teil Pausen zum Reflektieren und/oder Socialisen sind. Man spürt es schon bei einem belauschten Toilettengespräch vor der Premiere:
- Gibt es eigentlich eine Pause?
- Nee.
- Im Ernst?
Doch wo sollte man bitteschön eine Pause setzen in György Kurtágs Fin de partie nach dem Stück von Samuel Beckett? In Warten auf Godot, Becketts noch klassikerem Klassiker des modernen Theaters, wäre das klar: natürlich bevor der Ablauf des Stückes sich zum ersten und einzigen Mal wiederholt. Denn die eine Wiederholung symbolisiert darin ja die ewige; ginge es ein drittes Mal von vorn los, wäre das perfekte Stück verpfuscht. Fin de partie hingegen, englisch Endgame und deutsch Endspiel (alle Titel von Beckett autorisiert, obwohl jeder einen anderen Akzent setzt), scheint purer Stillstand, absolute Erstarrung. Obwohl es irgendwie schon Ereignisse gibt, anscheinend den Tod der Mutter Nell, dazu die enthüllenden Ereignisse des analytischen Dramas, wenn wir mehr über das Zusammenkommen der herrischen Hauptfigur Hamm und ihres Knechts Clov erfahren. Aber alles bleibt diffus und unsicher, auf der Oberfläche regt sich nichts und jede innere Entwicklung scheint fraglich an diesem zum Zustand geronnenen Ende, wo vier Personen sich in einem Raum befinden: die genannten Herr und Knecht und dazu das Elternpaar des Ersteren in zwei Mülleimern, beide beinlos (angeblich nach einem Tandem-Unfall, man neigt natürlich zum Reininterpretieren von Sexus-Verlust). Der Herr vegetiert auch schon zugedeckt im Rollstuhl, und wie lange der Knecht da noch rumhampeln wird, ist zweifelhaft. Wo wäre bloß eine richtige Pause reinschneidbar in derlei Stillstand, und wo nur sollte man neu ansetzen?

