ANNA SCHORS
Zu Recht gehypt: Vor etwa hundert Jahren schrieb Paul Hindemith eine Kurzoper über drei Nonnen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Bis heute hat Sancta Susanna nichts von ihrer dramatischen Durchschlagskraft und ihrem symbolistischen Grusel eingebüßt. Nur, dass darin wieder mal eine Frau für ihr sexuelles Begehren sanktioniert wird, nervt. (Schwester Susanna nähert sich dem Kruzifix auf unzüchtige Weise und wird zur Strafe eingemauert.)
Zum Glück holt Regisseurin Florentina Holzinger, die mit SANCTA zum ersten Mal den Schritt ins Musiktheater gewagt hat, zum großen Befreiungsschlag aus und erweitert das Hindemith-Original zu einer fulminanten und humorvollen Bühnenshow: Sexuell befreite Nonnen fahren Rollschuh, Performerinnen mit Meißel und Klettergurt nehmen in aller Seelenruhe die Sixtinische Kapelle auseinander und zu geistlichen Evergreens von Bach und Gounod mischen sich Feel-Good-Songs aus der Rocky Horror Picture Show. Wer Premiere und Folgevorstellungen am Mecklenburgischen Landestheater verpasst hat, kann sich Holzingers gut gelaunten Feminismus im Oktober und November an der Staatsoper Stuttgart oder ebenfalls im November an der Berliner Volksbühne anschauen.

