Letzte Woche war das Ensemble Pygmalion unter der Leitung von Raphaël Pichon zu Gast in der Berliner Philharmonie, mit geistlicher Musik aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) und kurz danach. Obwohl religiöse Spannungen zu den Ursachen des Konflikts, dem je nach Schätzung die Hälfte der damaligen deutschsprachigen Bevölkerung zum Opfer fiel, gehörten, war religiöse Musik – oft aus den speziellen Umständen heraus für sehr kleine Besetzungen komponiert – eine Quelle des Trostes; eine Antwort auf »die Frage, wo man in hoffnungslosen Zeiten noch Licht, noch Trost, Zuversicht und Glauben finden kann«, so Pichon. Der Abend wurde von Georg Daniel Speers Kanon Ach! Wie elend ist unser Zeit eröffnet, mit im ganzen Saal verteilten Sänger:innen. Er berührte mich wie ein grob gehauener Grabstein. Die Bach-Kantate, die am Ende des Konzerts stand, Nach dir, Herr, verlanget mich, war kunstvoller, aber ebenso bewegend. Das kleine Ensemble klang erstaunlich voll, aber nie hart. 

Der 41-jährige Pichon gründete Pygmalion im Jahr 2006. Es gibt viele großartige Ensembles für Alte Musik, aber Pygmalion ist auch unter ihnen besonders: diese subtile Phrasierung, die überirdische Wärme der Streicher, die hervorragenden Aufnahmen. (»Pygmalion hat eine schnell erkennbare Verbindung von Natürlichkeit und Dringlichkeit; freien Atem plus Genauigkeit en détail, eine Phrasierungskunst, die sich als ›Sinn‹ der Musik unmittelbar erschließt. Der Chor intoniert und artikuliert geradezu vollkommen, und plötzlich sind Worte zu verstehen, die man nur geahnt hatte, was eine elektrisierende Balance von Musik und Text schafft«, schreibt Holger Noltze.) Aber auch das Repertoire fällt auf: Norddeutsche Kantaten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts könnten auch Thema einer recht trockenen musikhistorischen Dissertation sein, die Aufführung durch Pygmalion gerät unglaublich emotional – eine musikalische Erkundung des Todes aus zwei Blickwinkeln, erst als Tragödie, dann als süße Erlösung. 
Dieses Programm bespreche ich mit Pichon bei Schokolade und Espresso in einem Wartebereich der Philharmonie. 


Raphaël Pichon: Es ist eine Hommage an diese Zeit in Form eines Rituals. Wir beginnen das Konzert mit einem sehr archaischen Kanon von Speer namens Ach! Wie elend ist unsere Zeit. Und nach diesem Kanon, in dem alle sagen, wie schrecklich das Leben ist, betreten wir [mit Buxtehudes Jesu, meines Lebens Leben] eine andere Welt: eine Welt des Trostes, der Güte, des Glaubens und der Suche nach Licht. Der lutherische Glaube hat starke Bilder, insbesondere in Bezug auf den Tod: zum Beispiel das Bild von Löwe und Honig, das zeigt, dass der Tod süß ist, ein zarter Moment und ein Übergang. Das Programm ist also ein Ritual mit einer Gemeinschaft von Sänger:innen. Innerhalb dieser Gemeinschaft nimmt sich jeder jeweils einzeln einen Moment Zeit für individuelle Klage und Gebet. Es ist kollektive Musik mit verschiedenen Momenten, in denen alle eingeladen sind, ein eigenes Gebet zu sprechen. Es ist ein bisschen wie in einer Bach-Passion, mit diesem wir oder ich. Die Kombination aus Individuum und Kollektiv gibt der Botschaft ihre wahre Kraft. 


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... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.