»Ich spiele Haydn nach einem schwarzen Tag und spüre eine einfache Wärme in meinen Händen«, lautet der Anfang des Gedichts Allegro von Tomas Tranströmer. Ein paar Verse weiter heißt es: »Der Klang sagt, dass es die Freiheit gibt und dass jemand dem Kaiser keine Steuer zahlt. Ich schiebe die Hände in meine Haydntaschen und ahme einen nach, der die Welt gelassen betrachtet.«

Das Bild von Tranströmers Pianist, der mit Haydn seine Selbstsicherheit findet, kam mir in den Sinn, als die Moskauer Polizei jüngst ein Konzert von Alexei Lubimov mit Musik des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov unterbrach. Lubimov nahm 2014 Haydns Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuze in einer Transkription für Klavier auf – an einem Tangentenflügel. Diese Rarität aus dem achtzehnten Jahrhundert verbindet den weichen, abgerundeten Klavierton mit dem forschen Klang eines Cembalos. Während Haydns Musik aus dem Zusammenhang gerissen trügerisch einfach klingen kann, schärft diese Mischung die dramaturgische Textur. Besonders treffend scheint dabei, wie in der ersten Zeile das Verhalten der Polizisten beim Lubimov-Konzert widerhallt: »Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.«


Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.

Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv

VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.


Sie haben schon ein Abo?

… berichtet über Musik und Kunst für Paper, die Washington Post, NPR, Gramophone und andere. Sie war Teil der Redaktion bei Time Out New York und WQXR/Q2 Music. Auf der Bühne der Brooklyn Academy of Music konnte man ihre Texte auch schon hören – beim Next Wave Festival. Seit 2020 ist sie festes Mitglied der VAN Redaktion. olivia@van-verlag.com