Goldfinger und unscheinbar. Das passt nicht zusammen. Aber für Alexei Borissowitsch Lubimov ist es wie gemacht – nimmt man nur Gold nicht als ohnehin virtuellen Geldwert (sondern als Reichtum großer Klavierkunst) und geht versuchsweise einmal davon aus, dass ein begnadeter Pianist nicht unbedingt wie ein Fotomodell aussehen muss. Wenn er die Bühne betritt, wirkt Lubimov durchschnittlich, klein und schmächtig, wenige dünne Haare, eine dicke, runde Brille. Aber dann fängt er zu spielen an und alles ist wie verwandelt. Als ich ihn im März in Berlin treffe, begegne ich einem hochgebildeten, nachdenklichen und unauffällig selbstbewussten Musiker. Im Lauf des Gesprächs frage ich ihn nach einer der Symbolfiguren russischer Pianistenhistorie. »Ich hatte nie nix mit Richter zu tun«, antwortet er in fragmentarisch fantasievollem Deutsch. »Ich hatte viele Möglichkeiten, bei ihm zu Hause zu sein. Bin aber nie dort gewesen. Es war nicht meine Welt. Ich schätzte ihn. Aber persönlich wollte ich ihn nie kennenlernen. Ich war dreißig Jahre jünger als er. Es gab viele Jüngere, die ihn liebend gern als Unterstützer, Gönner oder Förderer gehabt hätten – ich nie.«Lubimov war wie Svjatoslav Richter Schüler von Heinrich Neuhaus. Aber anders als andere Klaviergrößen der Sowjetunion drängt es ihn im Anschluss an die Ausbildung nicht nach der großen Weltkarriere. Er orientiert sich an Vorbildern wie dem 1948 aus dem Schweizer Exil heimgekehrten Komponisten, Pianisten und Cembalisten Andrei Volkonsky. Der komponiert unter den misstrauischen Augen der Bürokratie im musikkonservativen Sowjetstaat der 60er Jahre Zwölftonmusik. Nach dem Gastspiel des DDR-Bachpapstes Günther Ramin in Moskau studiert er Cembalo und wird ein exzellenter Virtuose. Mit Volkonsky beginnt die Verbreitung der lange Zeit auf Bach und Vivaldi beschränkten Renaissance- und Barockmusik auch in der Sowjetunion.Volkonsky kehrt 1973 resigniert in die Schweiz zurück. Lubimov tritt Ende der 60er Jahre in Moskau mit Musik von Cage, Stockhausen und Ligeti hervor. Er spielt sowjetische Avantgarde, Silvestrov, Gubaidulina, Schnittke. Für ihn als Klaviervirtuosen schließen sich damit die Landesgrenzen. Aber auch auf die internationale Prominenz eines Sowjet-Märtyrers verzichtet er. Als er Mitte der siebziger Jahre von einer Privatreise in den Westen die ersten Harnoncourt-Aufnahmen nach Moskau mitbringt, passiert etwas. »Es war ein Bruch«, erinnert er sich. Lubimov und einige Kollegen, die sich bis dahin schon professionell mit Barockmusik beschäftigen, besorgen sich unter schwierigsten Umständen alte Cembali, Traversflöten, Gamben. Sie reisen als vielbewunderte Exoten erfolgreich durchs Land. Erst mit Gorbatschows Perestroika wird alles leichter. Lubimov, inzwischen über vierzig, bekommt seinen ersten Hammerflügel; er ist einer der ganz Wenigen im Land, die auf so etwas spielen können. In den 80er Jahren nimmt er beim sowjetischen Label Melodija Platten mit Musik von der Renaissance bis Mozart auf. Noch an der von ihm zusammen mit seinen Moskauer Studenten 1997 gegründeten neuen »Fakultät für historische und zeitgenössische Aufführungspraxis« am weltberühmten Tschaikowsky-Konservatorium bedingen sich Neue und Alte Musik gegenseitig. Er ist dort zwölf Jahre lang Dekan. Seitdem wächst in Russland die Zahl alter Instrumente und der Musikerinnen und Musiker, die sie kompetent spielen können, kontinuierlich. Der Solist Lubimov tritt bis heute mit neuestem und altem Repertoire auf, er arbeitet auf modernen wie alten Klavieren. Unbegreiflich bei einer derart überragend ausgestatteten Musikerpersönlichkeit, dass er eine Randerscheinung des weltweiten Klassikbetriebs bleibt. Er macht allerdings den Eindruck, es sei ihm recht. Er hat alles, was er braucht.


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