TITELILLUSTRATION MORITZ VON SCHWIND (PD)

Goethes Erlkönig ist einer der schrecklichsten Texte der Weltliteratur.

Ein grausiges Ereignis – der Tod eines Kindes – wird in einer Sprache dargestellt, die das Leiden des sterbenden Knaben völlig ausspart.  Den breitesten Raum erhalten die Emotionen des Erlkönigs – jener Gestalt, die den Tod des Knaben bewirkt. Die Sprache des Kindes wirkt in merkwürdiger Weise gekünstelt: »Erlkönig hat mir ein Leids getan« – Gretchens Bruder im Faust stirbt realistischer. Die Qual des Sterbenden ist Goethe kein Wort wert, wohl aber das Grausen des Vaters, der das ächzende Kind in den Armen hält.

Das Geschehen wird in einer eiskalten Technik der Objektivierung erzählt.

Schuberts Vertonung verändert diese Erzählposition grundsätzlich. Er besingt das Geschehen aus der Perspektive des leidenden Kindes. Er setzt die von Goethe ausgesparten Emotionen des Knaben in Musik: die Aufschreie, die Angst, die Verzweiflung, den Schmerz.

Franz Schubert Erlkönig, D. 328, op. 1; Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton), Gerald Moore (Klavier) (Deutsche Grammophon, 1999) Link zur Aufnahme

Vieles in dieser Komposition ist ungewöhnlich: Die Klavierbegleitung mit dem unaufhörlichen Vibrieren der rechten Hand ist eine für den Beginn des 19. Jahrhunderts höchst merkwürdige Art des Klaviersatzes. Man könnte die resultierende Musik als Illustration von Pferdegetrappel verstehen – freilich äußerst artifiziell verarbeitet, denn das Pferd hat ja bekanntlich 4 Beine und nicht 3 oder 6. Das Lied Gretchens am Spinnrade klingt wesentlich realistischer.

Die Dissonanz bei »Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif« ist in geradezu provokanter Weise irregulär behandelt. Das Intervall einer nackten großen Sekund wird aufwärts (!) in den Einklang (!!!!) aufgelöst – fehlerhafter kann man diese Dissonanz in der Musiksprache des frühen 19. Jahrhunderts kaum behandeln.

Das Ende wirkt ungewöhnlich abrupt. Während das Leiden des Kindes von Schubert klar und eindeutig in Musik gesetzt worden ist, wird der Tod in keiner Weise musikalisch besungen. Eine quasi rezitativische Floskel, ein paar Klavierakkorde: das ist alles. Auffallend ist, dass Schubert sogar auf die nächstliegende Möglichkeit, den Tod zu besingen, verzichtet: die Generalpause. Die Klavierakkorde sind ausgehalten, nicht staccato. Es gibt keine Fermate.

Selbst wenn wir annehmen, er hätte die Grundlagen der musikalischen Rhetorik zu diesem Zeitpunkt nicht gekannt (was sehr unwahrscheinlich ist), hätte er doch genügend Hörerfahrung mit Musik gehabt, die den Tod mit einer Generalpause illustriert, dass es für ihn naheliegend gewesen wäre, diese Ausdrucksmöglichkeit auch hier anzuwenden. Er hat es nicht getan.

Aber: Wovon handelt Goethes Erlkönig wirklich?

Vieles spricht dafür, dass hier die Vergewaltigung eines Kindes dargestellt wird. Und zwar aus der Erzählposition des Täters. »Ich liebe Dich, mich reizt deine schöne Gestalt.« Auch die auffallende Tatsache, dass der Erlkönig nicht nur eine Kron’, sondern auch einen Schweif hat, würde darauf hinweisen. Und der Satz »Und bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt« wirkt nur für unsere heutigen, in politischer Korrektheit geschulten Ohren abscheulich. In einer Zeit, in der die Vergewaltigung in der Ehe üblich war, in der die Grenzen zwischen Verführung und Druckausübung fließend waren, in der sozial Schwache kaum einen Zugang zu Rechtsmitteln hatten – und in der ein Goethe ungestraft den Hexameter »Knaben liebt‘ ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mädchen, // Hab‘ ich als Mädchen sie satt, dient [sic!] sie als Knabe mir noch« dichten konnte – hatte diese Formulierung einen anderen, weit alltäglicheren Unterton. Wir müssen wohl annehmen, dass zum Beispiel diese Mädchen, falls sie nicht willig waren, anal benutzt zu werden, mit Gewalt dazu gezwungen worden sind.

Schubert vertont den Text assoziativ. Das Lied ist frei durchkomponiert, formale Zusammenhänge lassen sich nur schwer finden – abgesehen von der Wiederkehr des einleitenden Triolenmotivs.

Umso erstaunlicher ist die harmonische und melodische Parallele zwischen den Textteilen »Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm« und »Erlkönig hat mir ein Leids getan.« Die Harmonien sind die selben, sie erscheinen nicht einmal transponiert. Lediglich ein Akkord ist ausgespart.

Die Linie des Basses (also jene Melodie, die den Knaben sicher fasst und ihn warm hält) wird zum Aufschrei des sterbenden beziehungsweise des vergewaltigten Kindes.

Schubert sagt uns klar und unmissverständlich, wer der Täter ist. Es ist das sichere und warme Anfassen des Vaters, das zum Leid wird, welches dem Kind angetan wird. Jetzt verstehen wir auch die irreguläre Dissonanzbehandlung beim Wort »Sohn«. Hier stimmt etwas nicht. Diese Vater-Sohn-Beziehung steht jenseits jeglicher Gesetzmäßigkeit.

Die Triolen-Begleitfigur der rechten Hand lässt sich sexuell deuten. Man nehme in Gedanken die rechte Hand weg von der Klaviertastatur, drehe sie um 90 Grad, sodass der Daumen nach oben weist und halte sie – immer in konstanter Triolenbewegung – vor das (männliche) Geschlecht. Es entsteht eindeutig eine Masturbationsbewegung. Schuberts Naturalismus geht hier sehr weit. Wenn wir annehmen, dass der Täter Rechtshänder war (er war es mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit), hat er vermutlich mit der rechten Hand onaniert.

Auch die Methode, wie Schubert vor dem Ende des Liedes zu einem Höhepunkt kommt, ist analog zu einem männlichen Orgasmus komponiert. Und der Schluss wird jetzt sehr direkt und illustrativ. Man verzeihe mir die eindeutige Sprache:

»Erreicht den Hof mit Müh und Not« –  Ende der Ejakulation – »In seinen Armen das Kind«  – Hose hinauf – »war tot.« Knöpfe zu.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Schubert sein Kindheitstrauma vorsätzlich in das Lied hineingearbeitet hat. Aber es ist offensichtlich, dass er zumindest unbewusst über diese schreckliche Erfahrung berichtet.

In seiner berühmten und vielfach zitierten Erzählung Mein Traum schreibt er:

»Da führte mich mein Vater wieder einstmals in seinen Lieblingsgarten: er fragte mich, ob er mir gefiele. Doch mir war der Garten ganz widrig und ich getraute mir nichts zu sagen. Da fragte er mich zum zweiten Mal erglühend: ob mir der Garten gefiele? Ich verneinte es zitternd. Da schlug mich mein Vater und ich entfloh.«

Ist denn niemand auf den naheliegenden Gedanken gekommen, bei dem Lieblingsgarten, der dem kleinen Franz so widrig war, könnte es sich um das schamhaarumwucherte Genital des Vaters handeln?

Die furchtbaren Sätze »Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wiederum Schmerzen nur singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich Liebe und Schmerz« würden dann keine emotionale, romantische Grund-Traurigkeit beschreiben, sondern sie bekämen eine ganz andere Bedeutung: Sie wären die Dokumentation der durch den väterlichen Missbrauch für immer beschädigten Emotionalität des Franz Schubert. ¶

Der Erstdruck erfolgte im Programmheft zur Aufführung der Oper Bluthaus beim Musikfest Hamburg im Juni 2014.