Es ist immer wieder ernüchternd zu beobachten, wie schwer es im Falle Israels und des Terrors in Nahost vielen Menschen fällt, nicht in totalitäre Position und tribale Logik zu verfallen: Wie hältst du es, bist du »Pro-Palästina« oder »Pro-Israel«, sagst du »Genozid« oder nicht?
Bei Teilen der »Free Palestine«-Bewegung geht der Aktivismus gegen das Handeln der Netanjahu-Regierung einher mit einer Glorifizierung der Hamas als »Freiheitsbewegung« – selbst nach dem Terrorangriff des 7. Oktober – und der Aberkennung des Existenzrechts Israels.
Und in Deutschland dachten viele lange Zeit, die Staatsräson schließe Israelkritik grundsätzlich aus.
Letzteres ändert sich zumindest in Politik und Medien langsam (wenn man mal von der Springer-Presse und der Rechtspresse wie Nius absieht), zumindest mit Blick auf Gaza. Es wird mittlerweile auch in Deutschland erkannt, dass das Vorgehen Israels – das Aushungern, das Töten, die schrittweise Umsetzung des Plans zur Zwangsumsiedlung – weder rechtlich noch moralisch zu rechtfertigen ist. Es gibt klare Belege dafür, dass das israelische Militär in Gaza schwere Kriegsverbrechen begeht, egal, ob man dies Völkermord nennt – wie gerade gestern die unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats und auch viele Israelis – oder nicht. Nach Angaben von UNICEF wurden seit Kriegsbeginn mehr als 50.000 Kinder in Gaza getötet oder verletzt. Die aktuelle Bodenoffensive, die der israelische Verteidigungsminister Israel Katz mit den Worten »Gaza brennt« einleitete, lässt befürchten, dass die Zahl noch weiter steigen wird. Über 70 Prozent der Israelis fordern mittlerweile eine Beendigung der Angriffe.
Bei deutschen Klassikinstitutionen und dem hiesigen Klassikfeuilleton scheint all dies nicht anzukommen – oder nicht der Rede wert. Besonders augenfällig wurde dies letzte Woche in der Kritik an der Ausladung Lahav Shanis und der Münchner Philharmoniker beim belgischen Flanders Festival in Gent.
Die Debatte wäre ein geeigneter Anlass gewesen, die Augen gegenüber den Realitäten in Gaza und der Westbank zu öffnen. Ja, es geht: Solidarität mit Shani und den hungernden Menschen in Gaza. Und es wäre gar nicht so schwer gewesen: Wir sehen die Menschenrechtsverletzungen und das völkerrechtswidrige Handeln der israelischen Regierung, wir kennen die Bilder und wissen, dass sie schwer zu ertragen sind. Gleichzeitig halten wir Bekenntniszwang und Gesinnungsprüfungen in der Kunst für gefährlich und unsinnig, erst recht bei einem Künstler, der kein ideologischer Propagandist (wie etwa Valery Gergiev) ist. Ein pauschaler Kulturboykott hilft keinem, sondern führt nur zu weiterer Polarisierung und Spaltung – und bestraft im Falle Israels absurderweise oft gerade oppositionelle Stimmen.
Ein Hinweis auf den Horror in Gaza, und sei es auch nur in Form von Empathie mit der Zivilbevölkerung – wir sehen das Leid, wir sehen das Unrecht, wir sehen die Empörung und Ohnmacht angesichts all dessen –, war indes in keiner Stellungnahme zu lesen, und blieb auch im Feuilleton die Ausnahme. Ein FAZ-Kommentator hängt sich lieber deflektierend an dem vom Genter Festival verwendeten Begriff »genozidal« auf – »das müssen Gerichte entscheiden«. Als ob die Anerkennung von Unrecht wirklich von einem juristischen Begriff abhängt. So blieb am Ende ein irritierendes Missverhältnis zwischen dem empörten Furor gegenüber der Ausladung Shanis und der scheinbar kompletten Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid in Gaza.
Dabei hätte eine Perspektive, die die Verbrechen an den Palästinensern einbezieht, die Kritik an der Ausladung Shanis in keinster Weise whataboutisiert, sondern, im Gegenteil, aufgewertet, weil sie nicht entlang der üblichen Verdächtigungen (»Israel-Lobby«) hätte verortet und entsprechend stigmatisiert werden können. Kritik am Vorgehen Israels ist dabei in erster Linie nicht »pro-palästinensisch« – was auch immer das sein mag –, sondern »pro Menschlichkeit«, »pro Menschenrecht«, »pro Völkerrecht«.
Stattdessen fokussierte sich die Debatte ganz und gar auf den Antisemitismusvorwurf: Shani sei allein deshalb ausgeladen worden, weil er Israeli sei, hieß es übereinstimmend bei Medien, Bundeskanzler (»blanker Antisemitismus«) und dem israelischen Botschafter in Deutschland (»purer Antisemitismus«). Kulturstaatsminister Wolfram Weimer beweist dabei gleich noch seine geballte Inkompetenz beim Thema Antisemitismus mit der tatsächlich problematischen Gleichsetzung von Israeli und Jude.
Das Flanders Festival hatte die Ausladung Shanis explizit nicht mit dessen Pass oder Religion, sondern Position als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra (IPO) und der »unzureichenden Klarheit über seine Haltung zum genozidalen Regime« in Israel begründet. Ob das – ohne über ›eigentliche‹ Motivationen zu spekulieren – wirklich ein »Antisemitismus-Eklat« ist, darüber könnte man zumindest streiten. Shani selbst sieht hinter der »bedauerlichen Entscheidung« eher politischen Druck am Werk. Auch Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, bezeichnet die Ausladung Shanis zwar als »extrem unsinnig, aber nicht antisemitisch«. Er erinnert im SZ-Podcast auch daran, wie sehr der reflexhafte Antisemitismus-Vorwurf dem Netanjahu-Regime in die Karten spielt, das die Instrumentalisierung dieses Vorwurfs zur Immunisierung gegen Kritik von außen »schon vor dem 7. Oktober perfektioniert hat« (und dafür rechtsextreme internationale Allianzen schmiedet).
Ohnehin fällt auf, wie wenig israelkritische israelische und jüdische Stimmen aus der Klassikwelt in deutsche Debatten einbezogen werden. Der Dirigent Ilan Volkov wandte sich beispielsweise vor einer Woche nach einem Konzert bei den BBC Proms mit einer beeindruckenden wie bedrückenden Ansprache ans Publikum: »In meinem Herzen ist großer Schmerz … Ich komme aus Israel und lebe dort. Ich liebe es, es ist meine Heimat. Aber was dort geschieht, ist grauenhaft und schrecklich in einem Ausmaß, das unvorstellbar ist. Tausende unschuldige Palästinenser werden getötet, immer wieder vertrieben, ohne Krankenhäuser und Schulen, ohne zu wissen, wann sie ihre nächste Mahlzeit bekommen werden. Israelische Geiseln werden seit fast zwei Jahren unter schrecklichen Bedingungen festgehalten, und politische Gefangene schmachten in israelischen Gefängnissen. Ich bitte Sie alle, alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, um diesen Wahnsinn zu stoppen.«
Das Statement ging in sozialen Netzwerken viral und erzeugte auch medial große internationale Resonanz, wurde in Deutschland aber nur vom Bayerischen Rundfunk aufgegriffen.
Barrie Kosky, der zehn Jahre lang als Intendant die Komische Oper Berlin leitete, erklärte schon 2022 im VAN-Interview: »Was eine israelische Regierung nach der anderen im Westjordanland und im Gazastreifen macht, ist falsch, ganz einfach. Das sollte Fakt sein, egal ob man Zionist:in oder nationalistischer Israeli oder orthodox oder was auch immer ist. Und es muss etwas unternommen werden, um das zu beenden.« Es helfe nicht, wenn »in Deutschland die Haltung der meisten deutschen und jüdischen Organisationen lautet, dass Israel nichts falsch machen kann und jede Kritik an Israel antisemitisch ist«.
Und der Geiger Michael Barenboim, Konzertmeister des West-Eastern Divan Orchestra und lange Dekan der Barenboim-Said Akademie, bezeichnet den »Völkermord an den Palästinensern als das große Verbrechen unserer Zeit«: »[Der ehemalige israelische Verteidigungsminister] Joav Galant spricht von ›menschlichen Tieren‹ und verweigert den Menschen in Gaza Lebensmittel, Strom, Wasser und Treibstoff. Und gleichzeitig wird das Brandenburger Tor blau und weiß angestrahlt und Vertreter der deutschen Regierung sagen, dass der einzige Platz für Deutschland an der Seite Israels ist. Dass beides gleichzeitig passiert – die Ankündigung eines Völkermords und das Versprechen der Unterstützung dieses Völkermords –, hat mich zum Nachdenken gebracht, wie man im deutschen Diskurs effektiv darüber sprechen kann.«
Sowohl Kosky als auch Barenboim haben in der Vergangenheit kritisiert, dass es hierzulande die Tendenz gebe, nur eine Art von jüdischer Stimme gelten zu lassen. In Deutschland werde die Vielfalt der jüdischen Stimmen zu wenig gefeiert, sagte Kosky im VAN-Interview: »Die erste Person, die in einem Artikel zitiert wird, ist der Antisemitismusbeauftragte, der wahrscheinlich nicht jüdisch ist und sehr wahrscheinlich eine bestimmte politische Agenda hat. Und das zweite Zitat stammt vom Zentralrat, der die gleichen Ziele verfolgt. Und ich denke: Niemand hat mich angerufen!« Und auch Barenboim erklärte in einem Interview im Juli 2024: »Im Kampf gegen den Antisemitismus ist es nicht hilfreich, jüdische Stimmen zu unterdrücken.«
Dem Kampf gegen Antisemitismus, so könnte man ergänzen, ist auch nicht geholfen, indem man den Anschein erweckt, mit Mitgefühl und Empörung selektiv umzugehen und beim Thema »Ausladung« zweierlei Maß anzulegen, je nachdem, wie es einem gerade ideologisch in den Kram passt. Dass die israelische Regierung und ihr Botschafter in Deutschland das tun, zum Beispiel im Fall Omri Boehm, wundert nicht. Aber dass dieselbe große deutsche Kulturinstitution, die den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis auslud, weil er ein Ultimatum zur öffentlichen Positionierung gegen den russischen Angriffskrieg verstreichen ließ, im Fall Shani dies nun als Bekenntniszwang kritisiert, zeugt schon von erstaunlicher Doppelmoral.
Die Forderungen nach Boykott haben in der Kultur auf allen Seiten mittlerweile ein Ausmaß angenommen, das mal ängstlich, mal kindisch (»wie du mir, so ich dir«), mal aufmerksamkeitsheischend, mal identitätsstiftend (»ich cancel, also bin ich«) wirkt. Das Bedürfnis, der eigenen Ohnmacht im Angesicht von Unrecht und Leid irgendetwas entgegenzusetzen, und sei es eine symbolische Ersatzhandlung, ist verständlich. Angesichts der offensichtlichen Wirk- und Sinnlosigkeit der meisten Kulturboykotte, und angesichts der Tatsache, dass es in der Kultur wirklich nur sehr wenige »Gergievs« gibt, fragt man sich bisweilen, ob es den Aufrufenden nicht eher um Stabilisierung der eigenen Gruppen-Identität und Feindbilder geht als um politische oder gesellschaftliche Veränderung.
Für letzteres bräuchte es die Bereitschaft, die eigene Echokammer zu verlassen, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, das Reden miteinander statt übereinander – all das, wofür das West-Eastern Divan Orchestra einmal von Daniel Barenboim gegründet wurde. Es sind auch Tugenden, die sich die Kultur oft auf die Fahnen schreibt. In der letzten Woche wirkte allerdings zumindest die deutsche Klassikwelt wie ein enger Mikrokosmos, der mit den Rändern des Konzertsaals und den dort auftretenden Menschen endet: moralisch selbstgerecht, empathielos, ewiggestrig, entkoppelt. Dazu passte eine angesichts des Themas deplatzierte Selbstbeweihräucherung ob der eigenen Haltung: »Wir laden die ein, die woanders ausgeladen werden.«
So musste am Ende ausgerechnet Lahav Shani selbst, Barenboims Ziehsohn, das Mitgefühl und die Differenzierung leisten, zu denen seine deutschen Fürsprecher nicht in der Lage waren. Die israelische Gesellschaft trauere weiterhin um die Folgen des unmenschlichen Angriffs der Hamas und sehne sich nach der Rückkehr von 48 Zivilisten, »die nach wie vor unter unerträglichen Bedingungen als Geiseln gehalten werden«, schrieb er gestern in seinem ersten Statement nach der Ausladung. »Dennoch habe ich, wie viele Israelis, meine menschlichen Werte nicht aufgegeben. Die Bilder und Zeugnisse aus dem Gazastreifen sind zutiefst erschütternd, und es ist unmöglich, dem Leiden der Zivilbevölkerung im Gazastreifen inmitten der Katastrophe, die dieser Krieg über sie gebracht hat, gleichgültig gegenüberzustehen. Es muss alles getan werden, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden und den langen Prozess der Heilung und des Wiederaufbaus beider Gesellschaften zu beginnen.« ¶


