Nur wenige prominente klassische Musikerinnen oder Musiker – und nur wenige prominente Deutsche – haben sich so konsequent, leidenschaftlich und detailliert über den brutalen Krieg Israels in Palästina geäußert wie Michael Barenboim, Geiger (und Sohn des Dirigenten Daniel Barenboim). Als ich ihn im Mai in Berlin treffe, in einer ruhigen Ecke eines Biergartens in der Nähe der Barenboim-Said-Akademie, deren Dekan er von 2020 bis 2024 war und wo er eine Professur für Violine und Kammermusik innehat, diskutiert und argumentiert er präzise – ganz im Gegensatz zu vielen Musiker:innen, die bei Äußerungen zum politischen Geschehen Sachverhalte oft vereinfachen. »Es gibt die Gefahr, dass man – wenn man ein bisschen speziell in seinem Feld ist – die Illusion bekommt, die eigenen Aussagen seien automatisch auch in anderen Feldern bedeutsam: ›Ich gehe auf die Bühne vor 2.500 Leuten, also kann ich auch mal kurz was zur politischen Situation sagen.‹ Manchmal ist es klug, manchmal ist es weniger klug«, beschrieb Pianist Kirill Gerstein dieses Phänomen in VAN. Ganz anders ist es bei Barenboim. Für ihn wird die Musik, so mein Eindruck, angesichts des großen palästinensischen Leids fast zur Nebensache.
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