Jorma Panula hat drei wichtige Ratschläge für Dirigent:innen: »Erstens: Studiert die Partitur. Zweitens: Studiert die Partitur. Drittens: Studiert die Partitur!« Dieses Mantra verbreitet der finnische Dirigierlehrguru – der unter anderem Esa-Pekka Salonen und Simon Rattle gecoacht hat – auch bei der Nordic Masterclass for Conductors im Sommer 2013. Neun junge Dirigent:innen sind damals ins dänische Sønderborg gekommen, um mit dem Südjütländischen Sinfonieorchester zu arbeiten, und sich dabei dem wohlwollend strengen Blick von Panula zu stellen. »Man lernt immer etwas von ihm«, sagt ein Meisterkursteilnehmer, der besonders konzentriert zuhört. Klaus Mäkelä heißt er, ein Landsmann und Schüler von Panula. Mit gerade mal siebzehn Jahren ist er der mit Abstand jüngste in der Runde. Sein Körper wirkt noch ein bisschen schmächtig. Aber wenn der smarte Teenager mit der markanten Brille vor dem Orchester steht und die Dritte von Brahms dirigiert, hat er schon eine erstaunliche Präsenz und Klarheit. Er schlägt oft nur mit rechts und hält den linken Arm still. Alles ganz ökonomisch. Bloß nicht zuviel machen, bloß kein Firlefanz, sonst wird Panula grantig. »Nur, was das Orchester braucht, ist wichtig!«, mahnt der damals 83-Jährige in seinem kantigen Englisch und bremst den Bewegungsdrang einiger Teilnehmer. »Wir sollten das Tanzen den Tänzern überlassen. Die machen es beruflich.«

Manche der Meisterkursschüler tun sich noch schwer damit, ihre Ideen vor einem professionellen Orchester auf den Punkt zu bringen. Mäkelä nicht. Seine Präzision, seine knappen Ansagen: alles schon hochprofessionell, auch wenn die Gesten hier und da noch etwas freier sein könnten. So sieht personifizierte Frühreife aus. Als hätte er schon jahrelang Übung darin.

Klaus Mäkelä an seiner zukünftigen Wirkungsstätte, dem Amsterdamer Concertgebouw • Foto © Marco Borggreve

Und der Witz ist: Das hat er tatsächlich. Klaus Mäkelä, Jahrgang 1996 – dessen Großvater Geiger und Bratscher war und dessen Eltern beide Musiker sind – lernt nicht nur früh Cello, sondern beginnt schon mit zwölf (!) Jahren sein Dirigierstudium. Bei Jorma Panula, an der Sibelius-Akademie in der Heimatstadt Helsinki. »Es gibt dort ein Ensemble aus Bläsern, Streichern und Klavier, mit dem wir einmal pro Woche proben können«, erzählt Mäkelä beim Meisterkurs. »Das Ensemble ist mit erfahrenen Studierenden besetzt, und der Konzertmeister ist immer ein Berufsmusiker.« Ideale Voraussetzungen, um am lebendigen Objekt zu lernen. Die finnische Musikausbildung bietet viele Möglichkeiten. Aber die muss man auch nutzen. Und das tut Klaus Mäkelä, mit einem künstlerischen Ernst, mit einer Sorgfalt und einem Talent, das auch die Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters in Südjütland sichtlich beeindruckt. Wie steil seine Karrierekurve bald nach oben zeigen wird, ist damals natürlich noch nicht abzusehen. Dass er eine Ausnahmeerscheinung ist, schon. Ich bin gespannt, ob und wann ich ihm wiederbegegnen werde.

Das passiert fünf Jahre später. Bei den Nordic Music Days 2018 – einem der ältesten Festivals für Neue Musik, das im jährlichen Wechsel in verschiedenen Städten im Norden stattfindet – leitet Klaus Mäkelä das Eröffnungskonzert, im Musiikkitalo in Helsinki. Er dirigiert das Helsinki Philharmonic Orchestra, in dessen Cellogruppe er schon als 15-Jähriger mitgespielt hat; Solist des Abends ist Marko Ylönen, sein ehemaliger Celloprofessor. Keine einfache Konstellation, das könnte einen nervös machen. Aber Druck scheint er nicht zu kennen. Beim Treffen im Büro des Intendanten ist Mäkelä tiefenentspannt und aufgeräumt. Natürlich hat er sich mittlerweile verändert. Aus dem schmächtigen Schüler ist ein junger Mann geworden, schlaksig, elegant, mit einer weltläufigen Aura. Backstage trägt er Sakko mit Einstecktuch. Bei anderen Gleichaltrigen wäre das mit Anfang zwanzig wahrscheinlich eine Spur drüber, bei ihm passt es. Er ist trotzdem herzlich und zugewandt, sein Charme vereint etwas Dandyhaftes mit dem, was man früher wohl lausbübisch genannt hätte.

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Auf der Bühne präsentiert er sich wieder erstaunlich souverän. Das Programm des Eröffnungskonzerts vereint so unterschiedliche Werke wie Daníel Bjarnasons Over Light Earth mit seinen leisen Tönen und feinen Farbmischungen und Perú Negro von Jimmy López. Ein 2013 entstandenes Stück, das Einflüsse aus der afroperuanischen Volks- und der mitteleuropäischen Kunstmusik zu einem virtuosen Showpiece vereint – und mit knackigen Akzenten in Schlagwerk und Blech über so ziemlich alle Vorurteile vom vermeintlich »nordischen Ton« hinwegfetzt. Beeindruckend, mit welcher Präzision Klaus Mäkelä die hakligen Rhythmen verzahnt und deren Komplexität durchdringt. Da ist die Freude des Tüftlers zu spüren, der Spaß daran hat, selbst kleinste Partikel einer Partitur unter die Lupe zu nehmen. Kein Wunder, dass sich Mäkelä auch für Uhrmacherei interessiert. Er liebe es, Uhren in ihre Einzelteile zu zerlegen, sie zu analysieren und wieder zusammenzusetzen, wie er dem französischen Magazin Transfuge verraten hat. Diese unendliche Geduld und der Wille, einen Bauplan zu ergründen, prägt auch seinen Zugang zur Musik. Aber das ist eben nur eine von vielen Facetten. In der Aufführung von Jimmy López’ Perú Negro offenbart Mäkelä auch eine große Lust am Groove, an der Sinnlichkeit von Rhythmus und Klang, er entfacht mit dem Helsinki Philharmonic Orchestra eine mitreißende Energie. Der Finne vereint hier Sorgfalt, Kraft und Charisma mit einer seltenen Selbstverständlichkeit – und er ist ja erst 22 Jahre alt.

Wer in solchen Situationen wie bei der Eröffnung eines internationalen Festivals besteht, und auch in einem technisch heiklen Programm seine Zuverlässigkeit beweist, hat den Status des Talents fast schon abgestreift. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt. Klaus Mäkelä ist begehrt. Schon jetzt, 2018, wird er der jüngste Erste Gastdirigent in der Geschichte des Schwedischen Rundfunk-Sinfonieorchesters, zur Saison 2020/21 Chef beim Oslo Philharmonic, ein Jahr später auch beim Orchestre de Paris. Dazu kommen Gastengagements bei weiteren bedeutenden Klangkörpern, in Europa und den USA.

Im November 2021 dirigiert er das Amsterdamer Concertgebouw Orchester in der Elbphilharmonie in Hamburg. Den Saal kennt er schon von seinem Debüt beim NDR Elbphilharmonie Orchester eineinhalb Jahre zuvor – und er outet sich als Fan. »Ich mag das sehr, diese Transparenz der Akustik, wenn man wirklich alles hören kann!«, sagt er beim kurzen Gespräch vor dem Konzert. Das klangliche Profil ist ihm aus Helsinki vertraut: Der für die Elbphilharmonie verantwortliche Akustiker Yasuhisa Toyota hat auch das 2011 eröffnete Musiikkitalo nach seinen Vorstellungen designt, beide Raumkonzepte sind miteinander verwandt. Mäkelä scheint sich jedenfalls wohlzufühlen. Mit dem Concertgebouw Orchester nutzt er die Möglichkeiten des feinhörigen Saals aus. Eindringlich modelliert er die krassen Stimmungswechsel der sechsten Sinfonie von Schostakowitsch, mit ihrer Seelendüsternis im ersten und dem aufgesetzten, ins Groteske überdrehten Zwangsjubel im zweiten Satz. Seine Körpersprache hat jetzt, mit 25, noch einmal eine andere Physis, ein anderes Gewicht als früher. Er dirigiert immer in engem Blickkontakt mit den Musikerinnen und Musikern, auch in der Sechsten von Tschaikowsky, nach der Pause. Wie er mit den Bläsersolisten allerzarteste Pianissimoschattierungen erkundet, ist nur einer von vielen Belegen für seinen Klangsinn, für die Bandbreite des Orchesters und des Saals. Am Ende der Pathétique dimmt er die tiefen Streicher immer weiter herunter, bis ins von Tschaikowsky geforderte vierfache Piano, und verharrt danach regungslos, mit leicht gesenktem Kopf. Dass das Publikum diese Stille fast eine Minute lang mitträgt, zeugt von einer unglaublichen Konzentration. Für mein Empfinden ist das eins der packendsten Konzerte in der noch jungen, aber an Höhepunkten nicht armen Geschichte der Elbphilharmonie.

Klaus Mäkelä bei einer Generalprobe mit dem Orchestre de Paris am 09. Juli 2020 in der Pariser Philharmonie • Foto © Banguigui Pasco and Co.

Dorthin kehrt Klaus Mäkelä Ende Mai 2022 zurück. Mit einem Sibelius-Zyklus, der ihn und sein Oslo Philharmonic auf einer Tournee auch nach Wien, Paris und London führt. Alle sieben Sinfonien an drei aufeinanderfolgenden Abenden: Das ist eine Herausforderung, ein Kraftakt für Orchester und Dirigent. Aber von Erschöpfung keine Spur. Mäkelä und seine Musikerinnen und Musiker formen dichte Spannungsbögen, sie finden eine gute Balance zwischen sinfonischer Wucht und Schwere und intimen Momenten. Im Frühjahr 2021, als das öffentliche Leben in Norwegen coronabedingt heruntergefahren ist, hat das Oslo Philharmonic die Sinfonien mit seinem jungen Chefdirigenten aufgenommen, damals noch mit einem Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern zueinander. Diese intensive Auseinandersetzung wirkt in den Live-Aufführungen nach, in den Grundzügen bleiben sie den Ideen der Studioproduktion treu. Aber ein Konzert sei etwas anderes, da gehen sie gemeinsam noch einen Schritt weiter, wie Mäkelä bei einem Gespräch vor dem letzten Sibelius-Abend in der Elbphilharmonie Anfang Juni 2022 betont: »Natürlich habe ich eine klare Vorstellung von den Werken. Aber der Herzschlag ist jeden Tag ein bisschen anders – und die Sinfonien von Sibelius haben etwas sehr Organisches, ich möchte, dass sie leben und wachsen!« Ein besonders auffälliger Unterschied zur Aufnahme sind die Steigerungswellen. Klaus Mäkelä geht einige Höhepunkte in der Live-Situation drängender an, er wählt eine Spur straffere Tempi. Wie er sich da ins Zeug legt, wie sein Körper zu vibrieren scheint, als stünde er auf einem glühenden Pult: Das führt einen leicht in Versuchung, das Adjektiv »jugendlich« zu veranschlagen. Aber damit wird man seinen Interpretationen nicht gerecht. Weil es eben nur einen Teilaspekt erfasst. Mäkelä entspricht gerade nicht dem Klischee vom »jungen Wilden«, dem auf dem Podium immer mal die Gäule durchgehen. Ja, er hat das Temperament und diesen mitunter diebischen Spaß am Spiel mit dem Orchester. Aber er findet das richtige Maß, wägt genau ab, wie er mit seiner Kraft und den Impulsen haushalten muss. »Es kommt immer darauf an, die Energie zu kanalisieren. Man darf die Kerze nicht zu früh verbrennen«, weiß Klaus Mäkelä. »Beim Verhältnis von Dirigent und Orchester geht es immer um Vertrauen. Man sollte nie zu viel machen. Dann fühlt sich das Orchester frei und gibt von sich aus noch etwas mehr.« Bei den Sibelius-Aufführungen in der Elbphilharmonie ist das Wechselspiel, dieser Dialog von Geben und Nehmen, sehr schön zu beobachten. Ein Genuss, ihm dabei zuzuschauen. Weil es gut aussieht und trotzdem nie zur Show wird, weil seine Körpersprache zwar wohlkalkuliert, aber organisch ist. Alles, was er tut, folgt dem Charakter und den Aggregatzuständen der Musik. An manchen Stellen investiert Mäkelä hundertzehn Prozent, neigt sich nach vorne, wie bereit zum Sprung, und pumpt Kraftstöße in sein exzellentes Orchester. Und dann lehnt er sich zurück, legt den Taktstock an die Seite und beschränkt sich auf ganz kleine, reduzierte Bewegungen. So wie beim Thema der Holzbläser im Andantino der dritten Sinfonie, das er in idyllischer Ruhe atmen lässt. »Das Wichtigste sind nicht die Arme oder Hände, es ist die Präsenz.«

Mit dieser Haltung, einer tiefen Kenntnis der Partituren und dem innigen Verhältnis zu seinem Orchester, macht Klaus Mäkelä die Aufführung der Sibelius-Sinfonien zum Ereignis. Was für eine großartige Musik!

Die Gerüchte, dass Mäkelä vielleicht Chef in Amsterdam werden könne, oder beim Chicago Symphony Orchestra, wo er im April debütiert hat, sind bei seinem Hamburg-Gastspiel schon lange im Umlauf. Darauf angesprochen, lächelt er salomonisch und sagt: er fühle sich geehrt, wenn Menschen so etwas sagen und schreiben. Gut eine Woche später, am 10. Juni, gibt das Concertgebouw Orchester dann tatsächlich bekannt, dass Klaus Mäkelä ab 2027 neuer Chefdirigent in Amsterdam wird und schon ab der kommenden Saison eng mit dem Orchester zusammenarbeitet. »Selten haben wir eine so überwältigende Unterstützung unserer Musiker für einen neuen Chefdirigenten erlebt«, sagt Jörgen van Rijen, Soloposaunist vom Concertgebouw, und ergänzt: für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen sei Mäkelä ein »once-in-a-generation«-Talent. Eine mehr als kernige Ansage. Damit liegt die Messlatte endgültig ganz weit oben. Und die Fallhöhe natürlich auch. Ob er die Erwartungen erfüllen kann? 

Natürlich melden sich Zweifler und skeptische Stimmen zu Wort. Schwer zu glauben, dass da jemand so früh schon so weit sein soll. Gerade in diesem Beruf, in dem Erfahrung als eigentlich unverzichtbare Basis gilt. Aber Klaus Mäkelä hat viele von diesen Erfahrungen eben schon in jungen Jahren machen können. Und er bringt eine Disziplin, eine Neugier und geistige Wachheit mit, die seiner Begabung standhalten. Deshalb – so mein Eindruck – ist er zwar ein junger, manchmal stürmischer, aber zugleich auch sehr reflektierter Dirigent. Mit einem breiten Wissen über sich und seine Rolle und einem sicheren Gespür für den eigenen Intensitätshaushalt. Manche sehen einen Hype um Mäkelä. Es ist ja auch eine schöne Geschichte, vom vermeintlichen Senkrechtstarter aus dem hohen Norden. Und sie lässt sich gut inszenieren. Die kühlblauen Augen auf dem Cover des Sibelius-Albums. Seine schicken Anzüge. Das Interesse für Parfums, das sich demnächst sogar in einem Konzert mit Duftkreationen und Bach-Suiten niederschlagen soll.

Alles Teil der Person und der Story. Doch es steht nie im Vordergrund. Seine Karriere ist Resultat einer intensiven künstlerischen Arbeit. Und die hat ja nicht erst begonnen, als das mediale Interesse größer wurde. Seine Haltung ist klar: Es geht ihm um Musik und seine Ideen dazu, aber sicher nicht um persönlichen Geltungsdrang.

Klaus Mäkelä ist mit 26 Jahren designierter Chefdirigent beim Amsterdamer Concertgebouw Orchester. Marcus Stäbler hat den Dirigenten in den letzten 9 Jahren immer wieder getroffen und erklärt in @vanmusik den Künstler hinter dem Hype. Klick um zu Tweeten

Klaus Mäkelä hat Substanzielles zu sagen – bisher vor allem im sinfonischen Repertoire – und er möchte das in erster Linie mit dem Taktstock tun. Deshalb will er seine Interviewtermine in Zukunft noch weiter reduzieren, um nicht vom Wesentlichen abzulenken. Er ist zwar längst ein sehr eigenständiger Dirigent mit einer persönlichen Handschrift – aber die drei goldenen Regeln von Jorma Panula hat er nicht vergessen. Die sind immer noch Gesetz. ¶

Marcus Stäbler

…lebt in seiner Heimatstadt Hamburg, wo er Musikwissenschaften und Philosophie studiert hat. Als freier Journalist arbeitet er regelmäßig für verschiedene Rundfunkanstalten, Print- und Onlinemedien. Als ebenso freier Sänger ist er mit professionellen Projektensembles unterwegs und hat an preisgekrönten CD- und DVD-Produktionen mitgewirkt.