Auf halber Strecke zwischen List und Kampen wachsen in Klappholttal an der Sylter Westküste mitten im Naturschutzgebiet plötzlich viele kleine und größere, meist einfache Häuschen aus dem Boden. Sie beherbergen die Akademie am Meer, eine der ältesten Volkshochschulen Schleswig-Holsteins. »Die Umgebung ist sehr einsam, rings umher ist kilometerweit erstmal gar nichts«, so der Akademie-Leiter Lukas Fendel. Der Arzt Knud Ahlhorn entdeckte hier im Nirgendwo 1919 zufällig ein altes, ausgedientes Militärgelände und baute dieses zum Ferienlager als Treffpunkt und Erholungsort für die damalige Jugendbewegung um. 1927 war der Klappholttaler Strand der erste, für den auf Sylt eine offizielle Nackbadeerlaubnis ausgesprochen wurde.

Klappholttal in den 1920er Jahren

Im Zweiten Weltkrieg wurde Klappholttal abermals militärisch genutzt, nach Kriegsende lebten hier bis 1955 Kriegswaisen und geflüchtete Kinder. Ab 1951 nahm parallel dazu die Heimvolkshochschule (nach skandinavischem Vorbild) ihren Betrieb auf. Hier trifft man sich nicht, wie in anderen Volkshochschulen, einmal wöchentlich zu Kursen, die Teilnehmenden leben in der Bildungsstätte stattdessen meist mindestens einige Tage zusammen auf dem Gelände. Immer wieder kamen und kommen auch Künstler:innen wie die Tänzerin Gret Palucca hierher, auch Kammermusikkonzerte (unter anderem im Rahmen des Kammermusikfests Sylt) gehören in Klappholttal fest ins Programm.

Die Akademie am Meer beschäftigt, getragen von einem eigenen gemeinnützigen Verein, mittlerweile um die 40 Mitarbeiter:innen, es gibt Werkstätten, Veranstaltungsräume und insgesamt 250 Betten. Lukas Fendel leitet die Akademie seit 2020 und ist neben dem Betrieblichen auch verantwortlich für die Auswahl von Kursen, Veranstaltungen und das kulturelle Rahmenprogramm, gelegentlich übernimmt er selbst die Konzerteinführungen. Während ganz Boulevard-Deutschland nach Keitum auf Christian Lindners Hochzeitsfotos schielt, erreiche ich Lukas Fendel per Videoanruf gute zehn Kilometer weiter nördlich in Klappholttal.

Lukas Fendel (rechts), mit Claude Frochaux, dem künstlerische Leiter des Kammermusikfests Sylt • Foto © KmfSylt

VAN: In Berichten und Erinnerungen von Teilnehmenden der Akademie am Meer geht es viel ums Machen: beim Morgensingen, gemeinsamen Tanzen und Baden, bei künstlerischen Seminaren … Wie funktioniert das klassische Konzertsetting in einem Rahmen, in dem es sonst sehr stark ums Selbst-tätig-Sein geht?

Lukas Fendel: Die Rückmeldung, die ich von vielen Ensembles bekomme, ist, dass unser Publikum als sehr aufmerksam und konzentriert wahrgenommen wird. Das scheint also nicht im Gegensatz zu stehen zum partizipativen Gedanken. Diesem Gedanken wird sogar Rechnung getragen, indem die Ensembles bei uns einige Tage zu Gast sind und dann hier auch sichtbar. Die Musiker:innen essen mit im Speisesaal, gehen am Nachmittag mit an den Strand und werden da auch angesprochen. Sie sind in dem Zeitraum, in dem sie hier sind, wirklich Teil dieser Klappholttaler Gemeinschaft. Sie sind eben nicht weit weg auf einer entfernten Bühne, wo sie wie heilige Wunderkinder auftreten und dann wieder entschwinden. Viele Musiker:innen heben hervor, dass sie das als Resonanzraum sehr schätzen, dass sie vor und nach dem Konzert eng in Kontakt treten können mit dem Publikum.

Wie kommt diese ›Klappholttaler Gemeinschaft‹, von der Sie sprachen, zustande?

Vor allem durch unsere Sommerakademien. In Deutschland kenne ich keine Bildungsstätte, die im Sommer so ausgedehnt über mehrere Wochen ein ähnlich reichhaltiges Programm anbietet. Der Clou dabei ist, dass die Teilnehmenden sich ihr Programm selbst frei zusammenstellen aus den angebotenen Kursen, von gesundheitsbildenden Seminaren über die Beschäftigung mit ökologischen Themen bis hin zu Kultur und Kunst. Die Gäste, die wir haben, kommen aus ganz Deutschland und teilweise sogar darüber hinaus. Viele kommen mit dem Zug, mit öffentlichen Verkehrsmitteln und haben, wenn sie herkommen, eine Tagesreise hinter sich gebracht, innerlich also ganz viel Distanz gewonnen zum Alltag.

Welchen Platz haben die Konzerte in der Sommerakademie?

Mindestens zweimal wöchentlich finden bei der Sommerakademie Kammermusikkonzerte statt, bei denen wir auch einen Bildungsauftrag verfolgen. Es geht nicht primär darum, dass die Teilnehmenden sich nach einem schönen Tag in der Natur oder im Seminarraum nochmal entspannen können. Wir wollen Musik zu vermitteln. In dem Zusammenhang fällt mir das Zitat von Mauricio Kagel ein: ›Musik hören ist ganz einfach, solange man nicht zuhört.‹ Unser Ansporn ist, Menschen zu inspirieren, zuzuhören. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise passieren. Ich würde nicht für uns beanspruchen, dass wir musikdidaktisch auf dem allerneuesten Stand sind. Es gibt ja tolle Formate wie 2x Hören, sowas wenden wir bisher noch nicht an. Bei uns ist es eher ein Einführungsvortrag, eine Moderation durch die Musiker:innen, manche Abende sind eher musiktheoretisch gestaltet. Und manche Konzerte stehen auch einfach für sich. Das Publikum ist sehr stark auf Tuchfühlung mit den Musiker:innen, weil unser Saal sehr klein ist, das ist sehr intim, man ist wirklich ganz nah dran als ›Zeugin‹ oder ›Zeuge‹.

Ein Konzert des Kammermusikfests Sylt in Klappholttal • Foto © KmfSylt

Wer sitzt bei den Kammermusikkonzerten im Publikum? Nur die Angereisten von weit her, die für eine längere Zeit in Klappholttal bleiben, oder auch Sylter:innen?

Der weit überwiegende Anteil sind Teilnehmende der Sommerakademie. Ich würde mich freuen, wenn in Zukunft ein stärkerer lokaler Bezug zur Insel – sowohl zu den Insulaner:innen als auch zu Urlaubsgästen – hergestellt wird, zumindest punktuell. Wir wollen das Programm nicht komplett öffnen, weil wir so den intimen Charakter unterlaufen, und den wollen wir ja gerade erhalten, damit eben kein anonymes oder beliebiges Publikum hier sitzt. Aber beim Kammermusikfest öffnen wir die Tore und da entsteht auch eine Synergie mit dem Festivalgedanken, durch den ein Publikum hierher findet, das sonst nie kommen würde.

Als Akademie haben wir den Anspruch, gemeinnützig und gemeinwohlorientiert zu arbeiten, sind allerdings, was unser Publikum, unsere Teilnehmenden angeht, bisher noch nicht vielfältig genug. Da haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

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Und welche Schritte gehen Sie da?

Wir versuchen, Inhalte anzubieten, die ein breites Publikum ansprechen. Dann müssen wir schauen, dass unsere Angebote zugänglich, bezahlbar sind. Und das ist eine Herausforderung, weil wir uns bisher zum allergrößten Teil selbst tragen, über Teilnehmendenbeiträge und ohne staatliche Hilfen außer der Coronahilfen. Das ist ein Bereich, den wir angehen müssen. Drittens wollen wir unsere Arbeit mit Jugendgruppen und Schulklassen ausbauen.

Die Tänzerin, Tanzpädagogin und Kunsthochschulgründerin Gret Palucca verbrachte ihre Sommer regelmäßig in Klappholttal. Studierende der Palucca-Hochschule in Dresden kommen noch immer jährlich zu Tanzwochen in die Akademie am Meer.

Sie kommen, was Ihre Berufsbiografie betrifft, eher aus dem Bereich der politischen Bildung – welchen Bezug haben Sie zu den Künsten und speziell zur Musik?

Ich bin in einem Elternhaus groß geworden, in dem Musik eine große Rolle spielte. Mein Vater [Martin Fendel] hat sich neben seiner Arzttätigkeit als Musiker verstanden, war viel freischaffend im Bereich der Alten Musik unterwegs. Er hat sein Hobby mit seinem Beruf verwoben, weil er auch sehr aktiv jahrzehntelang tätig war in der Musikermedizin. Leider ist er letztes Jahr verstorben.

Ihr Vorgänger Hartmut Schiller hat Klappholttal als Fremdkörper auf Sylt bezeichnet. Können Sie sich vorstellen, warum?

Ich würde dem etwas widersprechen. Für viele ist diese Akademie am Meer in Klappholttal alles andere als ein Fremdkörper, sondern eigentlich das viel ursprünglichere Sylt. Ketzerisch könnte man sagen: Vieles von dem, was seitdem dazugekommen ist, ist Fremdkörper. Wir stehen seit über 100 Jahren fest auf dem Inselboden.

In manchem sind wir vielleicht eher ein Stachel im Fleisch: Bei uns ist die Gemeinwohlorientierung wirklich zentral. Für manche Teilnehmende ist es frappierend, hier ein Umfeld zu finden, das von der Logik der Verwertung und Verwertbarkeit abweicht, denen unser heutiges Bildungssystem sonst folgt. Was wir hier machen, ist damit gar nicht kompatibel. Bei uns finden die Teilnehmenden außerdem ein Erlebnis vor, das sie nicht einfach konsumieren können, sondern das sie selbst mitgestalten, bei dem sie selbst ganz viel investieren müssen, damit es gut wird.

Ich bin eigentlich kein Freund davon, diesen Nimbus des Mysteriösen und des Fremdkörpers weiter zu pflegen. Wir sind im besten Sinne ein Teil der Insel. Das bedeutet auch Gemeinwohl für mich: Wenn ich irgendwo wirtschafte als Institution, dann muss es doch mein Ziel sein, eben nicht wie Wolke Sieben über allem zu schweben oder auch wie eine lebendige Provokation oder eine Gated Community dazustehen, ich will ja lokale Bezüge mit Leben füllen und der unmittelbaren Umgebung etwas zurückgeben. All das unterscheidet uns von Akteuren, die einem reinen Gewinngedanken unterliegen.

Ein Konzert des Kammermusikfests Sylt in Klappholttal • Foto © KmfSylt

Sind außer der Entscheidung gegen die Gewinnorientierung in Klappholttal noch andere Aspekte besonders Sylt-typisch im ursprünglichen Sinne?

Das ›ursprüngliche Sylt‹, das ist ja auch eine Konstruktion, das ist mir klar. Sylt als Insel oder Produkt oder Marke ist immer eine starke Projektionsfläche – für alle Seiten. Die einen definieren sich über Abgrenzung zu dem, was für Sylt als typisch wahrgenommen wird. Aber Sylt ist gleichzeitig auch durch alle Schichten und Milieus ein Sehnsuchtsort. Sylt wird aber zunehmend auch ein Ort, der gesellschaftliche Gegensätze und Spannungen sichtbar macht. Zum Beispiel durch das Wohnraumproblem, durch das sich der Tourismus, wie er heute hier funktioniert, seiner eigenen Grundlage beraubt. Dadurch, dass die Boden- und Wohnungspreise derart steigen, können die, die diesen Tourismus ermöglichen sollen, hier gar nicht mehr leben und arbeiten, sondern müssen vom Festland pendeln.

Wie würden Sie gegen diese Entwicklung vorgehen, wenn Sie Bürgermeister von Sylt wären?

Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich diesen Job nicht machen muss… Aber im Ernst: Von außen betrachtet stellt sich Sylt zwar als eine Einheit dar, aber es gibt hier mehrere Verwaltungseinheiten, die nicht immer am selben Strang ziehen und teilweise auch ganz gegensätzliche Interessen haben. Um auf der Insel Verbesserungen zu erreichen, müssten viel mehr Akteure begreifen, dass sie buchstäblich im selben Boot sitzen und nur durch kooperatives Handeln Erfolg haben können. Wie in jedem komplexen, konfliktgeladenen System wären hier womöglich Moderation und Maßnahmen der Organisationsentwicklung ein guter Ansatz. Wir laden die beteiligten Akteure gerne zu uns nach Klappholttal ein, um auf neutralem Gelände Lösungen miteinander zu suchen!

Was macht die Gemeinschaft aus Musiker:innen und Publikum mit den Kammermusikkonzerten in der Akademie am Meer auf Sylt? In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Wie beeinflussen die gesellschaftlichen Spannungen auf Sylt Ihre Arbeit in Klappholttal?

Das, was wir hier machen – als gemeinnützige Organisation auf dieser Insel ohne jegliche Trägerschaft wirtschaftlich zu bestehen – ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Allein wenn man sich den Arbeitsmarkt anguckt: Es ist schwierig, Personal zu gewinnen. Und das Preisniveau ist viel höher als auf dem Festland, die Lieferanten nehmen Zuschläge, es gibt gar nicht viel Auswahl … Die äußeren Bedingungen sind hier denkbar widrig. Und warum funktioniert es trotzdem? Weil es getragen wird von vielen Schultern, ein Gemeinschaftsprojekt ist, von Kursleiter:innen, Gästen, Künstler:innen und nicht zuletzt hauptamtlichen Mitarbeiter:innen, die hier den Laden schmeißen.

Studierende der Palucca Hochschule für Tanz Dresden am Klappholttaler Strand • Foto @ Akademie am Meer

Bekommen Sie als Sylter von den Punks mit 9-Euro-Ticket oder der Lindner-Hochzeit eigentlich in Ihrem Alltag etwas mit? Oder entspricht dieses mediale Sylt-Bild gar nicht der Realität auf der Insel?

Vieles von dem, was sich hier in den letzten Wochen abgespielt hat, ist letzten Endes Spektakel, Happening, es ist ganz viel Inszenierung. Das gilt für Lindners Hochzeit wie für die Punks. Da wird die Insel zur Bühne. Ich meine das nicht blasiert oder abgehoben: Ich will weder Lindner absprechen, dass er vielleicht auch einfach nur eine schöne Hochzeit feiern will, noch will ich den politischen Charakter der Aktionen der Punks verleugnen. Ich will nicht schmälern, dass da reale Wünsche oder auch Nöte zum Ausdruck gebracht werden, wenn ich sage: ›Das ist Kunst.‹ ¶


Die Konzerte des Kammermusikfests Sylt 2022 in der Akademie am Meer finden am 25. Juli (Matinee mit Tanz) und 27. Juli (Konzert mit Rezitation) statt.

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com