Simon Rattle bleckt die Zähne und atmet schnaubend. Er zieht seine silbergrauen Augenbrauen hoch, formt mit dem Mund Vokale, schließt seine Augen wie in Ekstase und lässt seinen Stab hüpfen für einen weichen Akkord. Die expressive Mimik gehört zu seiner Art, auszudrücken, was Musik in ihm auslöst. Gleichzeitig sind es die Ticks, die einigen Musiker*innen der Berliner Philharmoniker auf die Nerven gehen. Ein Teil des Orchesters findet Rattle angespannt, nervös, zu stark kontrollierend. Sie wollen mehr Raum zum Spielen. Nach 16 Jahren Rattle wirkt die Beziehung zwischen Musiker*innen und Dirigent wie die eines Paares, das schon zu lange verheiratet ist. Oft kann man sich einfach nicht mehr sehen. Ein ehemaliges Mitglied der Karajan-Akademie erklärt gegenüber VAN: »Es gibt einige Mitglieder, die so viele Wochen wie möglich frei nehmen, wenn er dirigiert.«

»Keiner im Orchester guckt mehr zu ihm«, erzählt eine Streicherin, die öfter bei den Philharmonikern aushilft. Den Verlust dessen, was die Musikerin »Magnetismus« nennt, haben auch schon die beiden Vorgänger Rattles erlitten. Karajans selbstherrlicher, zunehmend wirklichkeitsfremder Machtanspruch hatte ihn und das Orchester in den letzten Jahren seiner Ära gänzlich voneinander entfremdet, und als Claudio Abbados Zeit in Berlin ihrem Ende entgegenging, machten die Musiker*innen längst Witze auf seine Kosten: Abbado schaffte es in den Konzerten, etwas Besonderes entstehen zu lassen, nicht aber in den Proben. Beliebt war die Imitation seiner bebenden Stimme, die zusammenhanglos einzelne Instrumentengruppen durch den Raum rief. »Hörner!« – »Flöten!« – und niemand wusste, was die Hörner oder Flöten tun sollten. Dass eine Beziehung nach vielen Jahren erkaltet oder zerrüttet ist, ist auch zwischen Dirigent und Orchester eher die Regel als die Ausnahme. Mit Rattle, der seit 2002 Chefdirigent ist, hatte man 2009 den bis 2012 laufenden Vertrag um weitere sechs Jahre verlängert. Nicht nur im Falle der Berliner Philharmoniker wäre es vielleicht für alle Beteiligten besser, wenn ein Dirigent nicht länger als fünf Jahre bei einem Orchester bliebe, wenn man auch mal einige Jahre ohne musikalische Leitung einschieben könnte, oder wenn das Tabu fiele, Verträge aufzulösen, wenn man merkt, dass es nicht mehr läuft.  

Die Berliner Philharmoniker machen es ihren Dirigenten besonders schwer. Berühmte Solist*innen wie Emmanuel Pahud, Albrecht Mayer oder Andreas Ottensamer haben, was die Interpretationen betrifft, ihren eigenen Kopf und sind es gewohnt, diesen auch durchzusetzen. Viele Mitglieder des Orchesters dirigieren selbst. Die Auffassung, es besser zu wissen oder zu können, sitzt tief in der DNA. Es braucht Talent und ein unerschütterliches Selbstvertrauen – manche würden vielleicht sogar sagen: Arroganz –, um dieses Orchester zu leiten, das sich wie einst Real Madrid als Team von Galácticos versteht: Jede*r Spiele*r wäre in jedem anderen Team Kapitän oder der Star der Mannschaft. Das Orchester verlangt einen Dirigenten, dem es gelingt, es zu beeindrucken. »Nach der Hälfte der Probe entscheidet es: Bleiben wir beim Dirigenten, oder machen wir unser eigenes Ding«, erzählt ein Bläser, der vertretungshalber bei den Philharmonikern spielt. Das Orchester spielt brillant und kammermusikalisch genug, um bei vielen Stücken auch ohne Dirigent einigermaßen unfallfrei durchzukommen. Die meisten Werke im Programm hat es ohnehin so oft gespielt, dass auch eine Aufführung mit Autopilot noch ziemlich gut werden kann. Im Jahr 2013 brauchte das Ensemble weniger als eine Stunde, um Jaap van Zweden, den designierten Musikdirektor des New York Philharmonic, der damals für den erkrankten Mariss Jansons einsprang, überflüssig zu machen. Er wurde seitdem nicht wieder eingeladen. Manchmal hat das Orchester etwas von Geiern, die lauernd über ihrem Dirigenten kreisen, weil sie seine Schwäche spüren. Es ist eine Haltung, die ihre Wurzeln in der langen, legendären Tradition der Berliner Philharmoniker hat, dem Selbstverständnis, das beste Orchester der Welt zu sein. Vielleicht muss man sich dessen umso mehr vergewissern, als dieser Nimbus zunehmend schwindet.

Schon bei der Wahl Rattles zum Chefdirigenten 1999 war das Orchester mit 60 zu 40 Prozent der Stimmen gespalten. In den ersten Jahren seiner Amtszeit drangen dann durch die Presse Gerüchte über die Unzufriedenheit der Musiker*innen mit ihrem neuen Chefdirigenten an die Öffentlichkeit. Rattle fühlte sich gedemütigt und forderte ein Misstrauensvotum: Falls es gegen ihn ausfalle, würde er sofort hinschmeißen. Wieder sprach sich eine knappe Mehrheit des Orchesters für ihn aus und sein Vertrag wurde verlängert, aber es zeigte sich, dass die Mitglieder bereit waren, Druck auf ihn auszuüben und ihn die Macht der eigenen Selbstbestimmtheit spüren zu lassen. »Es war eine ziemlich hässliche Geschichte«, so eine Musikerin, die damals im Orchester spielte. Rattle erinnert sich in einem aktuellen Interview, dass er sich damals oft einen Satz Karajans ihm gegenüber vergegenwärtigt habe: »Sie können es sich nicht vorstellen, wie schwer es in den ersten fünf Jahren war, das Orchester dazu zu bringen, irgendetwas anders zu machen«.

Hat man all das im Kopf, kann Rattle in Proben fast als zu sanftmütig, ja sogar »liebenswürdig« erscheinen. Bei den Proben zur Uraufführung des Stücks Dark Dreams von Georg Friedrich Haas im Jahr 2014 gab es diesen einen Moment, in dem die Streicher nach einem vergeigten Glissando einfach weiterspielten und Rattle, der abrrechen wollte, ignorierten. Er sei »der netteste und diplomatischste Typ der Welt«, so das ehemalige Mitglied der Karajan-Akademie über Rattle. »Aber bei diesem Orchester bricht das Chaos aus, wenn der Dirigent nicht nach Höherem strebt.«

Wenn es Spannungen zwischen Rattle und dem Orchester gibt, sind diese auch im Konzertsaal spürbar. Während die Debatte um Rattles vermeintliche Abkehr vom sogenannten »deutschen Klang« eher von einer zweifelhaften musikalischen Engstirnigkeit zeugt, lässt es sich nicht leugnen, dass es dem Orchester in einem bestimmten Repertoire wie Bruckner und Debussy an Üppigkeit mangelt, Pizzicati verpuffen und komplexe Texturen den Zuhörer nicht erreichen. Während Rattles Amtszeit wurde man auch das Gefühl nie los, der obligatorische Beethoven- oder Brahms-Zyklus gehe auf Kosten eines weiteren musikalischen Horizonts. Der Klang des Orchesters unter Rattle kann hart und eckig sein, ohne die Agilität und Unbekümmertheit eines historisch fundierten Spitzenspiels. »Es gab immer solche, die für einen wärmeren Umgang mit dem Klang plädieren«, so eine Musikerin, die öfter mit dem Orchester spielt. »Er arbeitet wie mit dem Seziermesser.« Ein Mitglied der Karajan Akademie hörte die Berliner Philharmoniker kürzlich mit Bruckners 9. Sinfonie auf Tournee. Die Interpretation war weder transparent und frisch noch warm und traditionell: »Es war wie eine Orgie. Das Orchester spielte wie verrückt, aber laut und wild, ohne Form und Tiefe, als gäbe es überhaupt keinen Dirigenten.«

Im April 2009 probten die Berliner Philharmoniker unter Rattle Beethovens Eroica. Im dritten Satz wogt im berühmten Horntrio ein Es-Dur-Akkord auf und ab. Radek Baborák, damals erster Hornist, wollte die Passage im Jagdstil spielen. Rattle hatte eine andere Idee, für die Baborák keine wirkliche Begründung sah. Die beiden Männer stritten hin und her, bis Rattle schließlich sagte: »Radek, tu es einfach, ich bin hier der Boss.«

Baborák kam 2003 zu den Berliner Philharmonikern. Er war nie Rattle-Fan. Doch seit dem offenen Streit um Beethovens Horntrio wurde ihre Beziehung immer angespannter. Diskussionen über Musikalisches »eskalierten in einigen Proben«, erinnert sich Baborák. Während er noch unter Vertrag bei der Philharmonie war, äußerte er sich gegenüber einem tschechischen Journalisten vorsichtig kritisch über Rattle. Daraufhin wurde er vom Vorstand der Berliner Philharmoniker zurückgepfiffen. »Sie waren sauer, dass ich das Orchester nicht bedingungslos unterstützt habe«, erzählt er. Für ihn stand dies im direkten Widerspruch zum Selbstverständnis der Berliner Philharmoniker als »Orchesterrepublik« mit demokratischer Kultur. Baborák summiert: »Ich bin von einem anderen Planeten, zu naiv.« Er glaubt, dass mehrere geplante Auftritte mit den Philharmonikern und ihm als Solist wegen seiner offenen Streitigkeiten mit Rattle abgesagt wurden (ein anderes Orchestermitglied bestreitet dies allerdings). So oder so entschied sich Baborák, andere Wege einzuschlagen. 2010 trat er aus dem Orchester aus, um eine Karriere als Solist, Kammermusiker und Dirigent zu verfolgen. »Ich bin nicht gut im Folgen«, stellt er rückblickend fest, als VAN ihn telefonisch in Japan erreicht.

Für Guy Braunstein, der 2000 bis 2013 Konzertmeister der Berliner Philharmoniker war, machten gerade die Spannungen mit Rattle seine Zeit mit Orchester so interessant. Er erinnert sich, wie er im Sommer 1999 in Paris, wo er damals lebte, zur Post ging, um einige Bewerbungen abzugeben, und in der Zeitung die Schlagzeile las: Rattle tritt Abbados Nachfolge an. »Meine erste Reaktion war: seltsam«, erinnert er sich im Gespräch mit VAN. Aber er bewarb sich trotzdem und wurde genommen. Es dauerte nur 15 Minuten, bis er in Messiaens Eclairs sur l’au-delà unter Rattle erkannte, dass der britische Dirigent die richtige Wahl für das Orchester war. Anstatt zu versuchen, den Sound der Berliner Philharmoniker auszubessern, stellte Rattle heraus, »was ihm gefiel, und fügte Dinge hinzu, die wir nicht besaßen«, so Braunstein. Klassisches Repertoire wie Schuberts 9. Sinfonie und Haydn mit Rattle zu spielen, war wie »plötzlich wieder in die Schule zu gehen« in einem positiven, lohnenden Sinn. Das Orchester »arbeitete wie verrückt«.  

Für Braunstein war Rattles Art, die Proben zu leiten, genau richtig. Er war »nicht unbedingt diplomatisch« und machte keine »Kompromisse, um höflich zu sein«. Tatsächlich bewunderte Braunstein Rattle für seinen starken Willen. Wie Baborák »kollidierte« Braunstein mit dem Dirigenten, doch im Gegensatz zum tschechischen Hornisten genoss er das Hin und Her und fühlte, dass es das Orchester stärker machte. »Es gab Zeiten, da wollte ich ihn töten. Und ich bin sicher, dass er mich noch heute töten will. Und das ist der Spaß daran.« Er fährt fort: »Es gab viele Male, wo er uns – mich zumindest – in den Himmel gebracht hat. Und das ist kein Widerspruch.«

Dass es sich bei den Berliner Philharmoniker um einen »Haufen sehr starker Persönlichkeiten« (Braunstein) handelt, ist sowohl ihre größte Stärke als auch ihre größte Schwäche. Der Kampf kann sowohl belebend als auch anstrengend sein. Vielleicht ist deshalb die Toleranz des Orchesters gegenüber der öffentlichen Debatte weitaus geringer, als es seine demokratische Rhetorik vermuten lässt. Während der Recherche zu diesem Artikel wandte sich VAN an ein derzeit aktives Mitglied der Berliner Philharmoniker und bat um eine Stellungnahme zu Baboráks Aussagen. Der Musiker leitete unsere Mail an die Pressesprecherin des Orchesters weiter, die sich gegen eine direkte Kontaktaufnahme mit dem Musiker verwahrte. Auf die Nachfrage, ob ein Gespräch mit einem aktuellen Mitglied des Orchesters über Rattle möglich sei, lautete die Antwort, im Orchester herrsche »die einhellige Meinung, dass man das Interview von Radek Baborák gerne für sich stehen lassen möchte«.

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker – Beziehungsprobleme eines alten Ehepaares in @vanmusik.

Der unsouveräne Umgang mit Dissonanzen und Rattles Weigerung, zum Ende seiner Amtszeit Interviews zu geben (mit Ausnahme des offiziellen Magazins der Berliner Philharmoniker »128«) deuten darauf hin, dass gerade nicht alles in Ordnung ist. Ein Orchestermitglied schreibt per Mail: »Die Beziehung endet diese Saison, es gibt also nichts mehr zu besprechen :-)«. Im Interview in »128« nennt Rattle sowohl Hochs als auch Tiefs seiner Zeit in Berlin. Viele Sätze fangen mit einer etwas düsteren Bilanz an, die am Ende positiv konnotiert wird. »Dieses Orchester wurde unter Mühen geboren, und das ist sein natürlicher Wesenszustand. Ich denke, daran wird sich nichts ändern.« Es scheint Erleichterung durch, dass die – auch körperliche – Belastung nun vorbei ist, und eine gewisse Ernüchterung, wenn er seine Eindrücke aus Konzerten des Orchesters mit Bernard Haitink und Herbert Blomstedt schildert: »Wahrscheinlich muss man erst 90 werden, um dieses Orchester richtig dirigieren zu können.« Rattle, der seine Wohnung in Berlin behalten wird, konzentriert sich von jetzt an auf seine Arbeit beim London Symphony Orchestra. Den Saisonauftakt in Berlin wird der designierte Chefdirigent Kirill Petrenko mit Musik von Strauss und Beethoven leiten. Währenddessen befindet sich auch vor den Türen der Philharmonie alles im Umbau: Die Herbert-von-Karajan-Straße wird aufgebaggert und von Grund auf erneuert. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.