Der Juni des Jahres 2021 startet gut für die damals 26-jährige Josephine Bastian. Gerade hat sie eine Stelle an der Paul-Hindemith-Orchesterakademie des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters gewonnen und erfolgreich ihren Master an der Jacobs School of Music Bloomington beendet. Als Solistin ist sie unter anderem schon mit Musiker:innen vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (wo sie auch zwei Jahre lang Akademistin war) und dem Konzerthausorchester Berlin (mit dem sie Tschaikowskys Rokoko-Variationen eingespielt hat) aufgetreten, ist Teil zweier Kammermusikformationen und spielt bei zahlreichen Festivals. Dann stürzen ihr in der Nacht des 5. Juni 800 Kilogramm Ziegelsteine auf den Oberkörper.
Mit zwei Freunden wollte die Cellistin auf einem Berliner Hausdach den Sonnenuntergang anschauen und die laue Nacht genießen. Außerhalb der Dachterrasse war auf dem Flachdach an einem Schornstein eine Hängematte angebracht. »Die hing dort schon, seit ich denken kann«, erinnert sich Josephine. »Wir haben da viele Abende verbracht, ich kann gar nicht zählen, wie oft.« An diesem Abend war es dann unglücklicherweise soweit, dass die in der Hängematte sitzenden Freund:innen zu schwer waren für den zwischenzeitlich maroden Mörtel des Schornsteins. »Ich habe nur wahrgenommen, dass sich etwas komisch verdreht. In dem Moment, in dem ich die Bewegung gespürt habe, ist der Schornstein links von mir an der Basis abgebrochen und im ganzen Stück auf meinen Oberkörper gefallen.« Die beiden anderen bleiben völlig unverletzt, während Josephines Wirbelsäule mehrfach gebrochen ist und außerdem ihr Sternum sowie ihr linkes Schlüsselbein und Schulterblatt. Vor allem aber kann sie unter den schweren Ziegeln nicht atmen. Ihre beiden Freunde können den Schornstein beim ersten Versuch, sie zu befreien, nur einen Zentimeter anheben. »Dann haben sie noch einen Versuch gemacht, bis drei gezählt und diesen riesigen Schornstein von mir heruntergehoben. Wie Mütter, die ein Auto heben, weil ihr Baby darunter liegt. Es ist uns allen bis heute ein Rätsel, wie sie das geschafft haben.« Die Freunde wählen sofort den Notruf, es dauert aber noch ganze zwei Stunden, bis Josephine vom Dach transportiert werden kann: Die Straße ist komplett zugeparkt, auch von Falschparkern, der Einsatzwagen der Feuerwehr kommt nicht durch. »Man denkt ja immer, dass Falschparken niemandem schadet, aber das kann über Leben und Tod entscheiden«, sagt Josephine heute. »Die Zeit bis zur Bergung schrie ich in Todesqualen durchgehend wie am Spieß trotz schnell verabreichter Betäubungsmittel, krallte mich an die Hand und in den Blick eines meiner Freunde und rang mit Nahtoderfahrungen. Auch für meine Freunde war die Situation unfassbar traumatisch, auch weil ich immer wieder gesagt habe, dass ich sterben will, weil die Schmerzmittel nicht gewirkt haben.« Gefühlte endlose zwei Stunden später kann Josephine, eingepackt in eine Evakuierungsmatratze (zur Stabilisierung ihrer schweren Rückenverletzungen) über die Feuerwehrleiter an der Vorderseite des fünfstöckigen Hauses heruntergelassen werden.
In zwei Operationen werden Josephines Frakturen mit Titanplatten und fingerlangen Schrauben fixiert (seit April sind diese wieder entfernt, Josephine hat sie aber aufgehoben und zeigt sie bei unserem Zoom-Call in die Kamera). »Mein Oberkörper war quasi auseinandergebrochen, die komplette Statik war durcheinandergeraten.« Nach über einem Jahr Reha, Therapien und dem Einleben in den »neuen« Körper tritt Josephine Bastian jetzt am 10. September ihre Stelle in Frankfurt an.
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