»Ich bin fixiert auf diesen Gedanken, dass die Winterreise nie endet«, erklärt Benedikt Kristjánsson die Grundidee seiner Winterreise perpetuum beim Beethovenfest Bonn. Und er nimmt sie ernst: Nach dem letzten Akkord des Leiermanns, des letzten Liedes des Zyklus, tut der 35-jährige Tenor es dem hier Besungenen gleich und beginnt sofort wieder von vorn mit dem schon Bekannten. Mit dem Zyklus dreht Kristjánsson sich im Kreis, »und seine Leier steht ihm nimmer still«.
24 Stunden möchte der Isländer so singend durchhalten, beginnend am Samstagabend mit dem Pianisten Fabian Müller im leer gepumpten, bestuhlten und zur Bühne umfunktionierten Schwimmbecken des Viktoriabads, direkt unterm Fünf-Meter-Sprungturm, dann irgendwann in den frühen Morgenstunden alleine singend und laufend aus dem Bonner Zentrum zur kleinen Beethovenhalle, wo am Sonntagabend – nun wieder mit Fabian Müller – das Abschlusskonzert stattfinden soll. Auf den blauen Kacheln des Schwimmbeckens im Viktoriabad stehen darum nicht nur die Musiker und ein Konzertflügel, sondern auch ein Stuhl, ein Tisch mit vier Dosen Red Bull, Äpfeln, einigen Wasserflaschen, Snacks (getrockneter und gesalzener Schinken, wie Kristjánsson mir im Nachhinein verrät) sowie den Noten der Winterreise und: ein Toilettenhäuschen. Denn Kristjánsson hat nicht vor, die Bühne vor Sonnenaufgang zu verlassen.

