Sergej Newski, Freund und Kollege des in Russland festgenommenen und unter Hausarrest stehenden Regisseurs Kirill Serebrennikov im Gespräch mit VAN

Text · Titelbild Vladimir Varfolomeev (CC BY-NC 2.0) · Datum 23.8.2017

Dem Regisseur Kirill Serebrennikov, künstlerischer Leiter des Moskauer Gogol-Zentrums, wird die Veruntreuung von 68 Millionen Rubel bei der Leitung der staatlich geförderten Theater-Werkstatt Plattform zwischen 2011 und 2014 vorgeworfen. Bereits im Mai wurden in diesem Zusammenhang das Gogol-Zentrum und Serebrennikovs Wohnung durchsucht. Vor zwei Wochen belastete eine Buchhalterin seiner Produktionsfirma Studio 7 Serebrennikov schwer, die gestrige Festnahme in Sankt Petersburg beruht auf dieser Aussage. Serebrennikov ist auch im Ausland ein gefragter und gefeierter Regisseur, an der Komischen Oper Berlin läuft aktuell seine Inszenierung von Rossinis Il barbiere di Siviglia, für Oktober ist am Staatstheater Stuttgart die Premiere von Humperdincks Hänsel und Gretel geplant, sein Film The Student erhielt bei den Filmfestspielen in Cannes 2016 den François-Chalais-Preis. Wir sprechen mit dem Komponisten Sergej Newski über den Fall. Er ist ein guter Freund Serebrennikovs und war selbst beim Plattform-Projekt für das Musikprogramm zuständig. Bis vor wenigen Tagen war Newski noch in Russland im Urlaub, Freunde rieten ihm zu einer früheren Abreise. Während unseres Telefonats wird Kirill Serebrennikov im Moskauer Basmanny Gericht gerade dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Vor dem Gerichtsgebäude versammeln sich Hunderte Unterstützer*innen und Freund*innen, es ertönen »Freiheit« und »Kirill«-Sprechchöre . »Gerade gibt es eine Pause, weil nach russischem Recht der Richter die Urteile per Hand schreiben muss«, sagt Sergej. Wenig später wird die Richterin der Anklage der Staatsanwaltschaft folgen und Serebrennikov zunächst bis zum 19. Oktober unter Hausarrest stellen.

VAN: Die Hauptanklage lautet auf Veruntreuung staatlicher Gelder bei der Durchführung des Plattform-Projekts. Was war das für ein Projekt?

Sergej Newski: Es war eine interdisziplinäre Kunsteinrichtung mit einem sehr reichen Theater- und Musikprogramm, die eine gezielte staatliche dreijährige Förderung in Höhe von 65 Millionen Rubel jährlich von Seiten des Kulturministeriums bekam. Sie stand unter einer Art Schirmherrschaft des damaligen russischen Präsidenten Medwedew. Die Förderung wurde 2014 nicht verlängert, weil es dann unter Präsident Putin eine komplett neue kulturpolitische Ausrichtung gab. 65 Millionen Rubel entsprachen damals ungefähr 1,5 Millionen Euro, das klingt relativ massiv, aber das Projekt hatte keine eigenen Räume, alles musste angemietet werden, Stühle, Licht, Drehbühne, das Projekt fand in der Ausstellungshalle des wichtigsten Moskauer Kulturzentrums Vinzavod statt, es gab zehn ständige Mitarbeiter, die ihre Löhne bekamen, allein im ersten Jahr gab es 30 verschiedene Veranstaltungen. Ich war für das Musikprogramm zuständig, wir haben zwölf zum Teil szenische Konzerte gemacht, zehn Kompositionsaufträge vergeben, Leute wie Enno Poppe, Titus Engel, die Neuen Vocalsolisten oder Simon Steen-Andersen eingeladen. Das anspruchsvollste Projekt war das Konzert mit Teodor Currentzis, der im Rahmen von Plattform 2011 erstmals in Russland Jani Christous Anaparastasis I und III aufführte.

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Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet, dass das gesamte Plattform-Projekt nur dafür geschaffen wurde, um Gelder zu veruntreuen?

Ja, was natürlich nicht stimmt. Es ist eine blanke Inszenierung, ein politischer Prozess, anders kann man es nicht deuten. Die ganze Anklage basiert auf der Aussage einer Buchhalterin von Kirills Produktionsfirma, die als Geisel gehalten wird. Sie hat schwere Diabetes, ihr Vater ist schwerkrank, man hat ihr versprochen, dass sie freigelassen wird, wenn sie bestimmte Aussagen macht. Sie hat unter Druck gegen ihre Kollegen ausgesagt, man hat sie aber trotzdem nicht freigelassen. Es ist eine bittere Situation.

Einer der wichtigsten Anklagepunkte ist, dass eine Inszenierung von Shakespeares Sommernachtstraum 2012 im Rahmen des Plattform-Projekts nie stattgefunden habe…

…was aber nicht stimmt, sie hat nicht nur stattgefunden, sie wurde für den Nationalen Theaterpreis nominiert, war zu Gast in Paris, wurde von der Kritik umjubelt, und läuft bis heute im Gogol-Zentrum…

…das lässt sich belegen, es gibt Mitschnitte, Bühnenbilder, Kritiken, Menschen, die die Aufführung besucht haben. Was sind Deiner Ansicht nach die eigentlichen Motive hinter der Anklage?

Plattform war ein von Null an aufgebautes Festival, vielleicht vergleichbar mit der MaerzMusik in Berlin. Ein sehr großes Projekt, es gibt in Deutschland keine unabhängigen Projekte mit diesem Budget, Anspruch und Ergebnis. Das war absolut einmalig und ausschließlich durch die damalige Unterstützung von Medwedew und seinem Kulturminister Awdejew möglich. Ergebnis des Projekts war, dass Kirill die Leitung des Gogol-Zentrums übertragen bekam, weil man wusste, dass er als Künstlerischer Leiter eines so großen Projekts auch fähig sein würde, ein Theater zu leiten. Diese Theaterleitung ist dem heutigen Kulturminister und traditionalistischen, konservativen Kräften in der russischen Regierung und im russischen Establishment ein Dorn im Auge. Ein staatliches Theater, das eine komplett andere Programmpolitik macht als im Russland unter Putin eigentlich möglich. Diese ganze Kampagne zielt darauf ab, ihm sein Theater wegzunehmen. Man hat versucht, ihn in die Migration zu drängen, was aber nicht funktioniert hat. Er ist ein sehr gefragter Regisseur in Deutschland, aber arbeitet auch weiterhin in Russland. Das ist jetzt vielleicht das letzte Mittel.

Es gibt Spekulationen, dass die treibenden Kräfte vielleicht gar nicht in der Regierung sitzen, sondern konservative Kreise wie die orthodoxe Kirche sein könnten. Im Mai wurde eine Inszenierung von Kirill Serebrennikov am Bolshoi-Theater kurzfristig abgesagt, weil sie die Homosexualität Rudolf Nurejews offen thematisierte. Aus ähnlichen Gründen ist vor einigen Jahren auch seine Verfilmung des Lebens von Tschaikowski gescheitert.

Kirill wird von vielen gehasst. Der Kulturminister ist eigentlich eine viel zu kleine Figur, um so einen Prozess zu starten. Ein Untersuchungskomitee, wie es jetzt eingesetzt wurde, ist eine mächtige Institution, einer der Zweige der Macht in Russland. Bei Leuten wie Gouverneuren oder Chefs von großen Unternehmen wird so ein Komittee einberufen, Kirill ist damit verglichen eigentlich eine viel zu kleine Nummer. Man weiß nicht, wer diesen Prozess inszeniert.

Serebrennikov ist ein liberaler Freigeist, aber eigentlich kein expliziter Putin-Kritiker, oder?

Eigentlich nicht, er hat natürlich so lange es möglich war mit progressiven Kräften in der Regierung zusammengearbeitet, als es dort noch Unterstützer der modernen Kunst gab. Bis 2012 gab es eine gewisse Neutralität zwischen Staat und Kultur, der Staat hat sich nicht in die ästhetischen Inhalte und das Privatleben eingemischt. Seit 2013 gibt es das Gesetz gegen ›Propaganda der Homosexualtät‹, was einen extrem hohen Schaden verursacht hat. Heute kann man kaum ein Stück inszenieren, ohne dass es zensiert wird. Alle diese Veränderungen sind in den letzten drei, vier Jahren eingetreten.

Serebrennikov wurde im Mai schonmal vorgeladen, das Gogol-Zentrum durchsucht, sein Pass eingezogen. Damals wurde kolportiert, Putin würde die Ermittlungen gegen ihn nicht unterstützen.

Ja, es gab damals am gleichen Tag eine Preisverleihung im Kreml, wo zwei wichtige Vertreter der russischen Kulturelite, der Schauspieler Ewgenij Mironow und der Leiter des Bolshoi-Theaters Wladimir Urin, Putin eine Protestnote überreichten. Putin soll auf die Frage, was er von der Untersuchung halte, geantwortet haben: ›Dummköpfe‹. Was die Situation vielleicht noch verschlimmert hat, weil die Untersuchungskommission jetzt unter Druck steht, irgendetwas zu finden, um ihren Eifer zu rechtfertigen. Das Hauptproblem ist, dass wir überhaupt nicht wissen, was das Ziel ist. Geht es um persönliche Ressentiments, oder planen sie einen Schauprozess mit möglichst vielen Beteiligten? Dann sind so ziemlich alle in Gefahr.

Hat Dich überrascht, dass er festgenommen wurde?

Nein, überhaupt nicht, man hat es erwartet. Die Aussage der Buchhalterin wurde letzte Woche publik. Der Generalproduzent des Plattform-Projekts, Alexey Malobrodsky, sitzt auch schon seit zwei Monaten ohne Anklage in Haft. Ich war gerade in meiner Wohnung in Russland, als ich von der Festnahme hörte, viele Leute haben mich gebeten, sofort das Land zu verlassen. Ich habe das nicht sofort getan, bin aber ein paar Tage früher zurück nach Deutschland gefahren.

Fährst Du jetzt erstmal nicht zurück nach Russland?

Ich muss in zehn Tagen wieder zurück, weil ich in Perm an einem großen Theaterprojekt beteiligt bin. Ich habe um eine kleine Auszeit gebeten, um zu sehen, wie sich alles entwickelt. Ich muss auch die Anwälte kontaktieren. Seit gestern ist auch die ausführende Produzentin und frühere Mitarbeiterin des Goethe-Instituts, Jekaterina Woronowa, als flüchtig gemeldet, sie wird ebenfalls gesucht.

Es gibt jetzt viele russische Künstler*innen, die sich für Serebrennikov einsetzen, auch viele Theater und Kulturinstitutionen in Deutschland. Was würdest du dir wünschen, welche Reaktionen haben überhaupt Wirkung?

Das einzige Hilfsmittel, das zeigt auch der Fall Chodorkowski, ist Druck von Seiten der Politik. Keine Solidaritätsbekundungen von Künstlern oder Theatern helfen in einem solchen Fall. Wenn Putin bei jedem Treffen mit Merkel gefragt wird, wie es mit Serebrennikov weitergeht, muss er irgendwann darauf reagieren. Die Politik einzuschalten ist das einzige Mittel.

Ist der Prozess jetzt auch ein Versuch, ein Exempel zu statuieren und unabhängige Künstler*innen aus dem Land zu kriegen?

Natürlich, und der Geheimdienst ist auch schlauer geworden, sie verfolgen nicht mehr wegen politischer Opposition, sondern werfen einem Gelderveruntreuung vor oder Vergewaltigung, wie bei dem Künstler Petr Pawlenski [der im Januar 2017 in Frankreich Asyl beantragte, d.Red.]. Oder die Leute kriegen Drogen zugesteckt. Es ist ziemlich raffiniert. Man muss sich immer darüber im Klaren sein, man muss wissen, dass es sich um einen politischen Prozess handelt, der als Ziel hat, den Künstlern in Russland einen Schreck einzujagen. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.