Zu den vielen Fäden, die sich durch David Foster Wallaces Unendlicher Spaß spinnen, gehört die Jagd nach einem obskuren Film, der dem Roman seinen Titel gab. Dessen Wirkung ist so verheerend – seine Betrachter fallen augenblicklich in eine Art dauergrinsendes Wachkoma –, dass unter anderem die Separatistenorganisation »Rollstuhl-Attentäter« hinter dem Masterband her ist, um sie als Terrorwaffe im Kampf um die Unabhängigkeit Quebecs von einem mexikanisch-amerikanisch-kanadischen Staatenbund namens O.N.A.N. einzusetzen. Der Film ist das letzte Werk des genialischen Regisseurs James O. Incandenza, der damit das perfekte Stück Unterhaltung schuf: Das neuronale Belohnungssystem wird derart dauerstimuliert, dass man nicht aufhören kann, den Film wieder und wieder anzuschauen, darüber Nahrungsaufnahme und Notdurft vergisst, und letztlich in vollständige, oftmals letale Apathie verfällt: »All diese Leute sind jetzt in geschlossenen Anstalten. Gefügig und kontinent, aber leer wie die Tiefenebene eines vom Rückenmark gekappten Reptiliengehirns«, heißt es auf Seite 791. »Der Sinn des Lebens dieser Menschen war auf einen so winzigen Brennpunkt geschrumpft, dass keine andere Aktivität oder Beziehung ihre Aufmerksamkeit beanspruchen konnte. Verfügten jetzt ungefähr über den mentalen / geistigen Horizont einer knienden Waldameise, hatte ein Diagnostiker vom C.D.C. [Center for Disease Control and Prevention] gesagt.«

Wallaces Waldameise fand ihre nicht-fiktionale Entsprechung vor einigen Jahren im Carassius auratus, dem gemeinen Goldfisch: 2015 zeigte Microsoft Canada eine Graphik, nach der die menschliche Aufmerksamkeitsspanne – insbesondere der Generation Z – durch ständige digitale Reizüberflutung nur noch acht Sekunden betrage, und damit unter die eines Goldfischs (neun Sekunden) gesunken sei. Neurowissenschaftler und Ichthyologen haben seitdem längst widersprochen: Die Aufmerksamkeitsspanne gäbe es gar nicht, es macht einen Unterschied, ob man ein Buch liest, eine E-Mail schreibt oder Blumen gießt. Außerdem sei die Konzentrationsfähigkeit eines Goldfischs nie erfasst worden. Trotzdem taucht das Schreckbild von der »Generation Goldfisch« bis heute immer wieder auf, wenn es mal wieder um den TikTok-benebelten, seines Willens und Wollens beraubten Bildschirm-Jugendlichen geht. 

Dass mit der Aufmerksamkeit etwas im Argen liegt, gehört heute zu den beliebtesten akademischen Smalltalk-Themen: Literaturwissenschaftler berichten, dass Studierende sich immer schwerer tun, längere Texte zu lesen. Filmprofessoren beklagen, dass ihre Studierenden Filme nicht mehr bis zum Abspann schaffen, und das, obwohl sich die Average Shot Length – die Zeitspanne zwischen den Einstellungswechseln – bereits kontinuierlich verkürzt hat. (Ein Phänomen, das jedem auffällt, der es durch die Eingangssequenz eines Filmes aus den Neunzigern nicht schafft, ohne zum Handy zu greifen). Wie flüchtig auch unsere gesellschaftliche Aufmerksamkeitsspanne mittlerweile geworden ist, zeigt sich, wenn der Regime Change von dieser Woche den von letzter Woche nicht nur von der Titelseite, sondern auch von allen anderen verdrängt (oder wann sind Sie in ihrem Newsfeed zuletzt Venezuela begegnet?).

Foto Jonathan Cutrer (CC BY 2.0)

Wie beim Klimawandel scheint es längst nicht mehr darum zu gehen, die unheilvolle Entwicklung zu stoppen, sondern die Welt an ihre Folgen anzupassen. Lehrkräfte berichten zum Beispiel, dass sie mittlerweile im Unterricht alle zehn Minuten die Aktivität wechseln müssen. Die Pianistin Anna Vinnitskaya erzählte mir von einem Professorenkollegen, der sich darüber beklagt habe, seine Unterrichtsinhalte mittlerweile in 30-Sekunden-Slots verpacken zu müssen. Sobald es länger werde, schalteten die Studierenden ab. Der Pianist Stephen Hough forderte schon vor zehn Jahren, dass »klassische Konzerte kürzer sein sollten, um ein junges Publikum zu erreichen«. Und sein Kollege Arcadi Volodos klagte unlängst in einem Interview: »Es ist eine Tragödie, wie Kinder heute TikTok schauen. Sie können niemals vierzig Minuten lang eine Schubert-Sonate hören.« Schon für ein Menschenhirn kann eine Bruckner-Symphonie ein ganz schönes Ungetüm sein. Wie muss es da erst dem Goldfisch gehen!

Manches am Aufmerksamkeitsalarmismus klingt kulturpessimistisch – und verdächtig vertraut. Welchem Medium wurde nicht schon nachgesagt, unsere Gehirne unwiderruflich verrotten zu lassen, vom Buchdruck über Comics bis zum Fernseher? Und seit es Bildung gibt, beschweren sich Ausbildende: »Die Schüler passen nicht auf.« 

Zur anekdotischen Evidenz gesellt sich allerdings die empirische: Die Psychologin Gloria Mark hat berechnet, dass unsere durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne bei der Bildschirmarbeit 2020, kurz vor der Pandemie, nur noch 47 Sekunden betrug. 2004 waren es noch zweieinhalb Minuten, 2012 75 Sekunden. Fakt ist auch: Niemals zuvor wurde unsere Aufmerksamkeit mit solch wissenschaftlicher Raffinesse vermessen, getrackt und monetarisiert. TikTok ist süchtigmachender, als es der Fernseher jemals war. Und kein anderer Wirtschaftsbereich wurde so bereitwillig einem globalen Anarchokapitalismus zur Ausbeutung überlassen wie das »Fracking der Aufmerksamkeit«: ohne Regeln, ohne Sanktionen, ohne Zölle. Selbst auf staatliche Minimaleingriffe wie die Sicherung von Eigentumsrechten wurde verzichtet.

Das ist umso bemerkenswerter, als dass das Feld der Aufmerksamkeit nicht gerade terra incognita ist. Der menschengemachte Klimawandel wurde erst in den 1980er Jahren durch Messdaten, Klimamodelle und Langzeitstudien wissenschaftlich konsolidiert. Aber die Zusammenhänge zwischen Aufmerksamkeitsdiffusion, mentaler Gesundheit und Altruismus waren schon dem frühen Buddhismus bewusst. B.F. Skinner zeigte in den 1930er Jahren mit seiner »Skinner-Box«, wie einfach es ist, das Verhalten von Lebewesen über Belohnungsreize zu steuern. Und der Sozialwissenschaftler Herbert A. Simon stellte bereits 1969 fest: »Eine Gesellschaft, die reich an Information ist, ist arm an Aufmerksamkeit.« 

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Dass auch der Raubbau der Aufmerksamkeit dramatische Folgen haben könnte, hätte man also wissen können. Trotzdem wurde die Ausbeutung der knappen Ressource den »persuasiven Technologien« überlassen – Like-Buttons, Infinite Scrolling, Autoplays, Lootboxen. Mit freundlichem Hinweis: »Ich lass dir die Flasche noch offen. Aber trink nicht so viel!« Der neueste Abgrund, »Sludge Content«, erinnert an jene Dauerstimulation, die der Regisseur James O. Incandenza in seinen Film »Unendlicher Spaß« eingebaut hat: gleichzeitig völlig stumpf und vollkommen unterhaltsam. Vom TikTok-Algorithmus ist bekannt, dass er schon nach ein paar Hundert »Engagements« ein perfektes Interessenprofil des Nutzers erstellen kann. Daraufhin spielt er permanent genau das aus, wonach man schon immer gesucht hat, ohne dass man überhaupt wusste, jemals danach gesucht zu haben. Oder, um es mit dem Philosophen Harry Frankfurt auszudrücken: Die Algorithmen liefern, was wir wollen, aber nicht »das, was wir wollen zu wollen«. Wer selbst viel postet, den belohnt TikTok nicht nur mit der Währung Aufmerksamkeit – mehr Reichweite –, sondern auch ganz old school mit Geld. Ein perfektes, in sich geschlossenes Belohnungssystem.

Ist der Kampf um die Aufmerksamkeit also verloren, geht es beim Raubbau an ihr nur noch um einen freundlicheren Anstrich, eine moralischere Fassade, ein »Attention Washing«? In jedem Fall scheint es nicht so einfach, sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen. Vor allem, weil »der Stoff« endlos verfügbar und immer in der Hosentasche steckt – und der Gegner übermächtig scheint. »Mehrere Milliarden Menschen haben einen Glücksspielautomaten in der Tasche«, schreibt der ehemalige Google-Computerwissenschaftler Tristan Harris, dessen Gedanken Grundlage für die Netflix-Doku The Social Dilemma waren. Bei einer Anhörung vor dem US-Senat sagte er 2021: »Du kannst versuchen, Selbstdisziplin zu haben. Aber auf der anderen Seite des Bildschirms arbeiten tausend Ingenieur:innen gegen dich.« Sein Kollege Tony Fadell, einer der Mitentwickler des iPhones, sagte 2017 auf einem Panel im Londoner Design Museum: »Manchmal wache ich schweißgebadet auf und denke: Was haben wir der Welt gebracht?«

Der Kampf gegen den »Aufmerksamkeitskapitalismus« ist ein asymmetrischer, vergleichbar mit dem gegen Big Tobacco. Aber er ist mittlerweile auch selbst zu einem lukrativen Markt geworden: Es gibt verschließbare Handyhüllen für smartphonefreie Zonen, Apps gegen die Apps, Aufmerksamkeits-Bootcamps und – natürlich in Brooklyn – eine ›School of Radical Attention‹. In den USA konkurrieren mittlerweile regaleweise Ratgeber und Manifeste über Digitalen Minimalismus, Deep Work und Digital Detox um die Aufmerksamkeit der Leser:innen, wie Generation Angst von Jonathan Haidt, Stolen Focus von Johann Haris, Cal Newports Digitaler Minimalismus oder Jenny Odells Nichstun. Jüngster Zugang ist Attensity. A Manifesto of the Attention Liberation Movement, herausgegeben von den ›Friends of Attention‹. In einem Opinion Piece beschreiben die drei Herausgeber 2023 in der ›New York Times‹, was sie als »Human Fracking« bezeichnen: »Es werden riesige Mengen an medialen Inhalten unter hohem Druck in unsere Gesichter gepumpt, um eine Fontäne jenes flüchtigen und intimen Stoffes namens Aufmerksamkeit zu erzwingen, der nun am offenen Markt gehandelt wird. Zunehmend leistungsstarke Systeme versuchen sicherzustellen, dass unsere Aufmerksamkeit niemals wirklich uns gehört.«

Foto MikoFox (CC BY-NC-SA 2.0)

Dabei geht es den Aufmerksamkeits-Aktivisten um mehr als behavioristisches Digital Detox – weniger swipen, liken, scrollen. Wer Aufmerksamkeit so verstehe, hänge immer noch einem letztlich dehumanisierendem Konzept an, wie es von Tech-Konzernen und der Werbeindustrie definiert wird: Aufmerksamkeit als aufgabenorientiertes Werkzeug, als Rohstoff, als Ware, als Verfügungsmasse, die es zu optimieren gilt, um noch produktiver zu arbeiten. 

Was mit der Aufmerksamkeit auf dem Spiel steht, sind hingegen viel grundlegendere menschliche Fähigkeiten, als die, ein Buch zu lesen oder einen Film zu Ende zu schauen: jede Art tieferen intellektuellen und emotionalen Engagements, die Fähigkeit für echte Begegnung, sich mit der Welt in Beziehung zu setzen, Verantwortung und Fürsorge zu übernehmen. »Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit«, schreibt Simone Weil in Schwere und Gnade  – und greift damit auf die buddhistische Idee zurück, dass nur derjenige, der das eigene Ego überwindet, zu echtem Mitgefühl fähig ist. Von dort ist es ein ziemlich weiter Weg zu den Rabbit Holes auf TikTok. 

Bisweilen drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass es sich bei der Sorge um die Aufmerksamkeit um eine Eliteangst handeln könnte. Diejenigen, die Alarm schlagen, sind meist jene, deren Arbeit besonders unter mangelnder Konzentrationsfähigkeit leidet – Journalisten, Künstlerinnen, Schriftsteller, Professorinnen – und die an TikTok und Instagram ihr Publikum zu verlieren drohen. »Darin unterscheiden sie sich kaum von Priestern des 18. Jahrhunderts, die Romane dafür verdammten, Frauen vom gehorsamen Gebet abzubringen«, wie Daniel Immerwahr im ›New Yorker‹ schrieb. »Ist die angebliche Krise der Aufmerksamkeit letztlich eine Krise der Autorität? Ist ›Die Leute schenken keine Aufmerksamkeit mehr‹ vielleicht nur eine verkleidete Version von ›Die Leute schenken mir keine Aufmerksamkeit mehr‹?« 

Das Elitäre wird auch augenfällig, wenn man sieht, welche Artefakte, Aktivitäten und Räume zur Aufmerksamkeitsschulung empfohlen werden: Vogelbeobachtung, ziellose Spaziergänge, Meditation, Museen, Vinylplatten, alte Bücher. Das klingt häufig wie das Inhaltsverzeichnis der letzten ›Flow‹-Ausgabe. Auf die Frage, was man gegen das »Human Fracking« denn tun könne, antwortet Peter Schmidt, Leiter der »School of Radical Attention« und einer der drei Herausgeber von Attensity!: »Bringt eure Leute zusammen und sprecht über eure Aufmerksamkeit. Und tut die Dinge, die ihr ohnehin gern tut – Dinge, die noch außerhalb der Reichweite dieser Konzerne liegen. Ein Buchclub. Eine Strickrunde. Ein monatliches gemeinsames Abendessen. Oder eine Wanderung, bei der Menschen zusammen durch den Wald gehen.« Das erinnert an die Realitätsnähe von Christian Lindners Vorstellungen seiner »Care Arbeit«, wenn einmal die Kinder da sind: »Bücher schreiben, vielleicht promovieren, jagen, fischen, imkern.«

Foto Geof Wilson (CC BY-NC-ND 2.0)

Zweifellos liegt der Aufmerksamkeitsdiskurs aber im Zeitgeist. Damit werden auch Räume aufgewertet, die bisher eher als Verlierer der Digitalisierung galten. »Die Ausübung einer wahreren Aufmerksamkeit erfordert das Herausschneiden von Plätzen in der Welt, in denen sie überleben und gedeihen kann«, heißt es in den Zwölf Thesen zur Aufmerksamkeit der ›Friends of Attention‹. »Solche ›Zuflugsorte‹ für wahre Aufmerksamkeit gibt es bereits. Sie sind schon unter uns.« Der Wissenschaftshistoriker Graham Burnett erkennt sie unter anderem in Museen und Kirchen, aber auch das klassische Konzert könnte ein solcher Zuflugsort sein. Dessen Format, wie es sich im 19. Jahrhundert entwickelt hat, gilt – wenn es mal wieder um »die Zukunft der Klassik« geht – häufig als problematische Altlast: zu lang, zu zwanghaft, zu monoton, zu hierarchisch, zu wenig digital. Könnte es sein, dass es im Zuge der Aufmerksamkeitskrise eine unerwartete Renaissance erfährt? Schließlich gibt es wenige soziale Räume, in denen TikTok, Snapchat und Co. so rigide sanktioniert werden. Man darf im Konzertsaal schlafen. Aber man darf nicht am Handy daddeln. Man kann auch nicht so einfach rein und raus. Etwas in der Wahrnehmung festzuhalten, erfordert Disziplin. Wenn diese aber schwer aufzubringen ist, weil das Handy in der Tasche lockt, hilft vielleicht sanfter sozialer Druck. »Diese Ernsthaftigkeit, die Aufmerksamkeit, sich auf die Musik und die Musiker zu richten, dass man nicht quatscht, sondern einfach mal die Klappe hält, dass man sich konzentriert, dass es ein Gegenmodell ist zu all dem, was wir den Rest des Tages haben«, sagte Navid Kermani in VAN.

Es gibt Künstlerinnen und Künstler wie Pauline Oliveros, die Begründerin des ›Deep Listening‹, oder den Regisseur Tsai Ming-liang, die die Kultivierung der Aufmerksamkeit – das präsente Zuhören oder ein anderes Sehen – zum Thema ihrer Arbeit gemacht haben. Es mag Musik geben, die das präsente Zuhören mehr herausfordert als andere. Letztlich ist es aber »das erste Anliegen aller Musik auf die eine oder andere Weise die Gleichgültigkeit des Hörens, die Gefühllosigkeit der Empfindsamkeit zu erschüttern«, wie Lucia Dlugoszewski schreibt. »Jenen Moment der Lösung zu schaffen, den wir Poesie nennen, unsere Starrheit aufzulösen, wenn wir in gewissem Sinne zum ersten Mal hörend wiedergeboren werden.«

Vermutlich hat jeder Konzertgänger schon erlebt, dass man nach zwei Stunden aufmerksamen Zuhörens anders aus dem Konzertsaal rauskommt als man hineingegangen ist: offener, empfänglicher, weiter. Man hört Dinge mit neuer Klarheit, manche Geräusche der Stadt gefühlt zum ersten Mal, alles in einem Moment, aber ohne das Gefühl, überflutet zu werden. Das unterscheidet sich im Effekt vermutlich nicht von einer Meditation oder Achtsamkeitsübung. Aber mal ehrlich, Mahlers Sechste ist dann doch, sagen wir, ›gehaltvoller‹ als die Rosinenübung.

Es gibt aktuell in der Klassik den Wunsch, den (vermeintlichen) Legitimationsverlust mit dem Hinweis auf (vermeintliche) Subventionsrenditen zu begegnen: die Umwegrentabilität, die moralische Anstalt, die Säule der Demokratie, das Bollwerk gegen Populismus. Bald kommt womöglich ein neuer Transfereffekt hinzu: die Rückinstandsetzung der Aufmerksamkeit. Ein Abo für das örtliche Sinfonieorchester ersetzt das MBSR-Seminar. In Großbritannien, Kanada, Belgien und Frankreich gibt es schon jetzt Museumsbesuch auf Rezept. Warum nicht auch bald den Philharmoniebesuch als therapeutische Intervention? Schließlich ist die Krise der Aufmerksamkeit auch eine Krise des Zuhörens. 

Allerdings hat man schon jetzt ein bisschen Angst, was das Klassik-Marketing aus all dem macht. »Gib dein Handy an der Garderobe ab und gönne dir zwei Stunden Digital Detox!« Und das Problem, dass die Klassik zu elitär ist, wird damit auch noch nicht gelöst. Überhaupt ist eine schöne neue Welt denkbar, in der die Privilegierten in Gated Communities der Aufmerksamkeit die Früchte von Kontemplation und »Radical Attention« genießen, während man den Rest der Bevölkerung der KI und den Algorithmen überlässt. Bekannterweise haben allerlei Silicon Valley Pioniere den Technologiegebrauch ihrer eigenen Kinder streng reglementiert. Julian Rosenstein, der Erfinder des Facebook ›Like‹-Buttons, ließ sich von einem Mitarbeiter eine Kindersicherung auf seinem neuen iPhone installieren, die ihn davon abhielt, Apps zu installieren.Never get high on your own supply

Vielleicht kommt aber alles auch ganz anders. Big Tech greift mit immer neuen Ködern nach unserer Aufmerksamkeit. Aber vielleicht lernen Menschen, sie zu ignorieren. Und: Hat nicht TikTok zu einer bookishness, der Renaissance des Auslaufmodells Buch geführt? Auf Booktok werden Romance-Literatur, Fantasy-Reihen, aber auch Klassiker in kurzen emotionalen Videos vorgestellt, der Cliffhanger verführt zum Kauf, das Buch wird dann später als haptische Trophäe präsentiert. Fragt sich nur, was das Narrativ von – sagen wir – Schuberts Großer C-Dur Sinfonie sein könnte, und welches ihr Cliffhanger. Die Aufführung dauert etwa sechzig Minuten. »Diese himmlische Länge der Symphonie«, schwärmte Robert Schumann (noch nicht auf #classictok, sondern in der Neuen Zeitschrift für Musik). »Wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul, der auch niemals endigen kann und aus den besten Gründen zwar, um auch den Leser hinterher nachschaffen zu lassen.« ¶

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und London und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com

Eine Antwort auf “Mahler statt Rosinen”

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