Daniil Trifonov schafft es, mit dem Gewicht, das er in die Tasten legt, eine erstaunliche Palette von Farben zu erschaffen. Oft klingt der Flügel, wenn er ihn spielt, in den höheren Lagen metallisch, fast wie präpariert. Einfache rhythmische Begleitungen werden so bei ihm üppig, treibend. In einem Schostakowitsch-Lied bringt er es fertig, dass der Klang des Bösendorfer exakt dem einer gestopften Trompete gleicht. Manchmal wird diese Fokussierung auf den Ton aber auch zum Nachteil, wenn Linie und Geste dadurch in den Hintergrund treten. Neulich sah ich Trifonov und den Bariton Matthias Goerne im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie – Trifonov ist dort in der laufenden Saison Artist in Residence. Sein Spiel tendierte dort bisweilen zur Statik, manchmal schien er einzelne Akkorde so zu genießen, dass er darüber die Musik vergaß. So geschah es im dritten Satz von Alban Bergs Vier Gesängen Op. 2 und im Nachspiel der alten, bösen Lieder, dem letzten Stück der Schumannschen Dichterliebe, das überhaupt nicht enden wollte. Von diesen beiden Ausnahmen abgesehen flossen Trifonovs und Goernes vielfältige Klangfarben auf wunderbare Art ineinander. Trifonovs Album-Cover für die Deutsche Grammophon wirken wie Stills aus einem Spionage-Fernsehfilm: gutsitzende Anzüge, Trenchcoats, Züge im Retro-Look. Im wirklichen Leben ist Trifonov eher einer jener schüchternen, etwas unbeholfenen klassischen Musiker, denen es am leichtesten fällt, die richtigen Worte zu finden, wenn man sie nach konkreten musikalischen Sachverhalten fragt. Gleich drei Menschen, mit denen ich über Trifonov sprach, bezeichneten ihn als reserviert im Zwischenmenschlichen und eindringlich im musikalischen Sinne. Nach dem Recital in der Philharmonie umarmte Goerne Trifonov herzlich. Der erwiderte die Umarmung einarmig und kraftlos. Am Morgen darauf treffe ich Trifonov auf einen Kaffee.


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... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.