Im wunderschönen Monat Mai, wenn alle Knospen springen, blickt der geneigte Konzertgänger in die allseits erscheinenden neuen Saisonvorschauen, mancher so sehr, dass er darüber fast die laufende Gegenwart vergessen kann. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), das unter allen Klangkörpern der Stadt wohl den intellektuellsten und reflektiertesten Dirigierkopf besitzt (nämlich Vladimir Jurowski), wird in der kommenden Spielzeit etwas scheinbar sehr Konventionelles fortsetzen: einen guten, alten Brahms-Schwerpunkt. Aber bei sowas machen es eben (auch) die Verbindungen. So wird der nächste Artist in Residence Christian Tetzlaff das Violinkonzert von Alban Berg vor Brahms’ Zweiter geigen, und das Brahms-Klavierkonzert trifft ausgerechnet auf den angeblichen Antipoden Richard Wagner; ein vokaler Saisonschwerpunkt führt zur Koppelung von Brahms’ Schicksalslied mit Henzes 9. Sinfonie; und Brahms’ Dritte erwartet ein schräges Date mit Sibelius und einem Auftragswerk von Moritz Eggert, dessen Titel Master and Servant auf Hegel, Depeche Mode oder BDSM verweisen könnte (oder auf alles zusammen).

Dass Brahms auch in einem weniger auffälligen Programm ausgesprochen »fortschrittlich« klingen kann, beweist aber erstmal das aktuelle Mai-Konzert des RSB in der Philharmonie. Ist natürlich an sich keine Sensation mehr, diese »Fortschrittlichkeit«, wo heutzutage ja kaum mehr ein Programm ohne Verweis auf Schönbergs »Brahms der F.« auskommt. Aber wie konsequent Jurowski das an der 4. Sinfonie durchzieht, muss man schon mögen, so einen Brahms als unerbittliches Kopfwesen. Natürlich ist da dennoch mannigfaltige Sinnlichkeit, kaum vermeidbar bei einem Orchester dieser Qualität, etwa gleich zu Beginn das unerhört smoothe Dreingleiten der Streicher in die erste fallende Terz. Wie das Orchester danach die dichte Brahms-Textur durchlichtet und Mittelstimmen genau hörbar macht, ist faszinierend, hat auf Dauer für mich aber auch ein bisschen was von Klang ohne Unterleib. Viel Konstruktion, deutlich ausgestellt im sehr langsam genommenen Andante moderato, ansonsten oft schon durchaus scharf und harsch und eher wenig Sentiment, das doch auch zu Brahms gehört: diese dunkelsamtige Rückseite des Kopfes. Am stärksten bringen es noch die Solisten ins Spiel, allen voran die rührende Flöte im Finalsatz. Bei dieser Brahms-Vierten bin ich, anders als sonst häufig, eher beeindruckt als bewegt.


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com