Je älter ein E-Musik-Werk ist, desto komplizierter ist meist die Überlieferungsgeschichte, was die Noten angeht. Die Überlieferungssituation zu Bachs Johannes-Passion – die Textgrundlage bilden namensgemäß das Johannes-Evangelium der Heiligen Schrift sowie frei hinzugenommene Texte – ist vergleichsweise luxuriös. Da gibt es ganz andere Fälle von hier und dort mühsam zusammengetragenen Versatzstücken, um so etwas wie »Aufführungsversionen« zur Verfügung zu stellen. Eine andere Frage ist – und die betrifft natürlich nicht nur die Johannes-Passion: Wie führt man das auf? In welchen Besetzungsgrößen? Wie »geschmacklos« sind Aufführungen, die nicht auf historischen Instrumenten beziehungsweise entsprechenden Nachbauten stattfinden?
Für viele Menschen christlicher Provenienz ist es wichtig, um Ostern herum Bachs Matthäus- oder Johannes-Passion zu erleben. Die Geschichte rund um die Kreuzigung von Gottes Sohn. Die Vorgeschichte, die Zweifel, das Leiden, die umgebenden Gefühle, die Wirkung des Wirkens Christi … Wir sitzen da, lauschen der Abfolge von mitteilsamen Rezitativen (»die die Geschichte vorantreiben«, wie man schon brav am Anfang der Oberstufe lernte), Arien und dem ein oder anderen vielleicht erregten, erbosten – und dann eben ganz kirchenüblich im mehr oder weniger homophonen, rhythmisch im Gleichschritt übereinander erscheinenden – Chor. Der Chor dabei: die »Stimme des Volkes«, mithin die Gemeinde selbst. Ein »gelerntes Format« würde man vielleicht sagen: Das Neben- und Hintereinander der damals völlig üblichen Oratorien- und Kantaten-Bausteine. Unangenehme Überraschungen bietet das Leben ja sonst schon zur Genüge.

