Am 30. Mai 1723, dem 1. Sonntag nach Trinitatis, trat Johann Sebastian Bach mit der Aufführung der Kantate Die Elenden sollen essen BWV 75 das Leipziger Thomaskantorat an. Aus der Rückschau betrachtet, war dies eine zwingende Fügung – und zugleich eine der großen musikgeschichtlichen Zäsuren, mindestens im Bereich der Kirchenmusik. Doch auch wenn wir dieses Amt heute ganz natürlich mit dem Namen Johann Sebastian Bach in Verbindung bringen, war es alles andere als ein Automatismus, dass er letztlich das Thomaskantorat übernahm. Im Gegenteil, die Leipziger hatten zunächst ganz andere Pläne.

»Was er [Johann Kuhnau] nächstdem an Musicalischen Kirchen-Stücken … seit anno 1701, da er Cantor und Director Musices worden, componiret habe, mag wohl schwerlich zu zählen seyn, gestalt er bey seinen häuffigen musicalischen Aufführungen sich fremder Composition niemahls oder doch gar selten bediente; da hingegen mit seiner Arbeit er andern vielfältig aushelffen müssen … Solchem nach wird er um so viel mehr vermisset, je schwerer es fällt, einen würdigen Nachfolger auszufinden und zu erlangen«


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… ist Musikwissenschaftler am Bach-Archiv Leipzig, Intendant des Bachfestes Leipzig und Professor an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg. Seit vielen Jahren ist er auf der Suche nach unentdeckten Bach-Schätzen in mitteldeutschen Archiven und machte dabei spektakuläre Entdeckungen. Er ist Autor zahlreicher Bücher rund um Bach und der Bach-Hörbiographie Universum JSB auf Deutschlandfunk Kultur.