Ok, Teodor Currentzis. Darf man einfach sein Konzert besuchen und darüber schreiben, ohne erst moralisch-politische Stellung zu ihm als Gesamtphänomen zu beziehen? Muss man in sich gehen und bekennen, ob man diesem Mann zugestehen will, möglicherweise zwischen seinen Welten und Verantwortungen verstrickt und zerrissen zu sein? Das tat Hartmut Welscher in einem differenzierten Beitrag in diesem Magazin. Oder ob man sich dem Verdikt Putin-Propagandist anschließt? Auch für Letzteres gibt es Gründe. Und doch hat es für mich neben der harschen Einfachheit immer den Beigeschmack einer Ersatzhandlung: weil wir selbst durch unseren Lebenswandel Russlands Krieg (mit)tragen.
Was in die Debatte oft reinspielt und alles verschlimmert, sind Menschen, die gedankenlos betonen, dass sie Currentzis ja schon immer für einen rumpelnden Betrüger hielten. Als hätte das irgendwas mit der Frage zu tun, wie wir sein weitgehendes Schweigen zum Krieg gegen die Ukraine bewerten! Da lobe ich mir den FAZ-Kritiker Jan Brachmann, der Currentzis schon 2016 als Genie-Simulant verdammte, sich heute aber in der kuriosen Rolle des Currentzis-Verteidigers wiederfindet.

