John McWhorter, Linguist der Columbia University und Kolumnist der New York Times, brachte am 26. April die 300-Millionen-Köpfe-Hydra der Hysterie (auch bekannt unter dem Namen Twitter) zum Zischen mit dem Post seines Kommentars Classical Music Doesn’t Have to be Ugly to be Good. McWhorter meinte unter Berufung auf zwei kürzlich erschienene Bücher unter anderem, dass serielle Musik oder Zwölftonmusik sowohl Schönheit als auch nachvollziehbare Abläufe und Proportionen komplett vermissen ließe. Mit Blick auf ein Werk Luciano Berios kam er zu dem Schluss, dass er sich »gezwungen« fühle, »zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass klassische Musik ab einem bestimmten Punkt nur noch schlimm klingen kann.«

Verfolgt man heutige, vor allem amerikanische Debatten über zeitgenössische klassische Musik, könnte man meinen, dass die prominentesten Serialist:innen – insbesondere die Komponisten der Nachkriegszeit Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen – Vorstellungskraft und Ideenreichtum von Generationen von Komponist:innen im Keim erstickt haben. (John Adams, der in den 1970er Jahren Komposition studierte und heute der mit Abstand meistgespielte klassische Komponist Nordamerikas ist, sieht sich selbst immer noch als mutigen Rebellen gegen Exzesse der seriellen Überheblichkeit europäischer Komponist:innen.) Tatsächlich dominierten die Serialist:innen in den 1950er und frühen 1960er Jahren die Neue Musik, an den Universitäten machten sie es sich noch etwas länger gemütlich. Ich glaube allerdings, dass zumindest im Falle von Stockhausen und Boulez ihr Charisma und ihr tiefes psychosexuelles Bedürfnis nach Verehrung und Macht daran einen genauso großen Anteil hatten wie ihre Kompositionstechnik. Jedenfalls schrieb Stockhausen 1968 seine hübsche Stimmung für sechs Stimmen in einfachen Obertonverhältnissen und Boulez dirigierte den Parsifal in Bayreuth. Selbst wenn man die Prämisse akzeptieren würde, dass alle serielle Musik schlimm klingt, so war ihre Herrschaft weder so lang noch so brutal, wie man aufgrund des Gegenwindes, den diese Kompositionstechnik noch 2022 erfährt, annehmen könnte. 

Außerdem stimmt die Behauptung, dass es in serieller Musik »weder Schönheit noch nachvollziehbare Abläufe noch Proportionen« gäbe, einfach nicht. (Und es ist höchst fragwürdig, ob das wirklich die einzig relevanten Kriterien für gute Musik sind, aber das ist ein ganz anderes Thema). Natürlich gibt es viele schreckliche serielle Kompositionen – genau wie es auch viel Überflüssiges im Galanten Stil gibt. Aber es gibt eben auch Stücke, die seriell und wundervoll sind. Acht von ihnen stellt diese Playlist vor.


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... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.