Am 20. Januar 1859 fand die letzte öffentliche Hinrichtung in Göttingen statt. Die Delinquentin hieß Friederike Lotze. Sie hatte ein Jahr zuvor den Bäckermeister Sievert, dessen Dienstmagd und (vielleicht nicht ganz freiwillig) Verlobte sie war, vergiftet – und wurde dafür mit dem Schwert enthauptet. Die Tötung eines (mutmaßlich gewalttätigen) Mannes durch die Verabreichung von Gift: eine »typische« weibliche Mord-Methode, die schon die berühmte Bremerin Gesche Gottfried (1785–1831), über die Adriana Hölszky 1988 eine hervorragende Oper schrieb (nach Rainer Werner Fassbinders Bremer Freiheit), erfolgreich praktiziert hatte.

Gut zwei Jahre nach der letzten Göttinger Hinrichtung kam eben hier am 11. Mai 1861 Anna Teichmüller zur Welt. Ihre Mutter (sie hieß ebenfalls Anna) stammte aus einer deutsch-baltischen Gutsbesitzerfamilie (siehe die Ausführungen von Cornelia Bartsch). Vater Gustav Teichmüller (1832–1888) war als Philosoph ein bedeutender Aristoteles-Forscher. Kurz nach der Geburt des zweiten gemeinsamen Kindes starb seine Frau (1862). Gustav Teichmüller heiratete die jüngere Schwester seiner verstorbenen Gattin und zeugte mit ihr weitere sieben (oder acht) Kinder. Bartsch betont, dass über Kindheit und Jugend Anna Teichmüllers (Junior) fast nichts überliefert sei, vermutlich sei das musikalische Talent aber aus der mütterlichen Linie heraus vererbt worden.

Ihr Musikstudium absolvierte Teichmüller wohl im heute estnischen Tartu, wo sie den Großteil ihrer Kindheit verbrachte, sowie in Jena und Berlin. (In Berlin wurde 1881 das Scharwenka-Konservatorium gegründet. Möglicherweise ließ sich Anna Teichmüller auch hier ausbilden.) Freilich bedingt durch den Einfluss ihres philosophischen Vaters zeigte Anna Teichmüller ein hinsichtlich diverser Kulturinhalte breit gestreutes Interesse und beschäftigte sich neben der Musik auch mit Philosophie und Theologie. Bereits 1888 war der familiäre Umzug nach Jena erfolgt. Hier lernte Teichmüller den Dramatiker Carl Hauptmann (1858–1921) – Bruder von Gerhart Hauptmann (1862–1946) – kennen. Carl Hauptmann motivierte Teichmüller, sich intensiver musikalisch zu bilden, nachdem sie sehr wahrscheinlich schon seit frühen Kinderjahren am häuslichen Klavier und später als Sängerin brilliert hatte. (Andere Quellen besagen, dass Teichmüller um 1884 bei ihrer mütterlichen Verwandtschaft in Sankt Petersburg lebte.)

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Carl Hauptmann nahm Teichmüller im Jahr 1900 mit in seine Künstlerkolonie im schlesischen Schreiberhau, wo die inzwischen 39-Jährige sich nun ganz der Musik zuwandte. Ab 1904 gab sie eigene Kompositionen im Druck heraus. Mit ihrem Vater hatte sie sich bis zu dessen Ableben 1888 in engem brieflichem Austausch befunden. Hauptmann »ersetzte« gewissermaßen Teichmüllers Vater – mindestens im Hinblick religionsphilosophischer Diskurse. Cornelia Bartsch beschreibt diese Zusammenarbeit wie folgt: »In der Literatur über Carl Hauptmann erscheint Anna Teichmüller vorrangig als dessen Inspirationsquelle: Sie musste immer in seiner Nähe sein und ihm nötigenfalls auf dem Klavier vorspielen, damit er schreiben konnte. Dennoch hat Anna Teichmüller in Schreiberhau – im Gegensatz etwa zu zahlreichen anderen Frauen um Gerhart und Carl Hauptmann – offenbar ein durchaus eigenständiges Leben als Künstlerin geführt.«

In Schreiberhau (heute: Szklarska Poręba) fühlte sich Anna Teichmüller wohl. Die Brüder Hauptmann holten eine Vielzahl bedeutender Künstlerinnen und Künstler nach Schlesien. Die davon inspirierte Teichmüller arbeitete meist als Musiklehrerin des hiesigen Kinderheims und widmete sich in ihren letzten Lebensjahren dem Nachlass ihres prominenten Vaters. Wirtschaftlich war sie nun aber etwas in Not geraten – und fragte daher 1938 beim zuständigen Reichsministerium bezüglich finanzieller Unterstützungen an. Auch finden sich vereinzelt Andeutungen, Teichmüllers Vertonungen der Texte entsprechend begeistert rezipierter Heimatdichter wie Hermann Löns (1866–1914) seien beim »Bund Deutscher Mädel« gesungen worden. Es ist unklar, inwieweit Anna Teichmüller (wenn überhaupt) als nationalsozialistische »Mitläuferin« eingestuft werden kann. Bartsch vermutet, dass viele Werke und Briefe Teichmüllers entweder im Krieg verlorengingen oder (absichtlich?) in der Nachkriegszeit vernichtet wurden.

Anna Teichmüller starb am 6. September 1940 mit 79 Jahren in Schreiberhau.


Anna Teichmüller (1861–1940)
Hymne an die Nacht für Sopran, Bariton, Violoncello und Klavier op. 23 (1910)

Teichmüller komponierte eine Oper, eine Messe, Märchenspiele, eine Kantate und vor allem weit über 100 Lieder, viele davon auf Texte ihres Freundes und Förderers Carl Hauptmann. Teichmüllers Hymne an die Nacht für Sopran, Bariton, Violoncello und Klavier op. 23 wurde 1910 in Berlin publiziert.

Auf den Stelen dunkler Tonwiederholungen im Klavier baut sich das Violoncello auf. Klagend, motivisch nach unten weisend. Derweil stemmen sich nun vollere Klavierakkorde hinauf in die Höhe. Harmonisch sehr klar und ungebrochen. Nach der ersten erklungenen Textzeile (»Nacht, o dehne dunkle Schwinge!«) greifen Klavier und Cello kurz hinauf/hinaus. Gesten zärtlichen (aber auch irgendwie tödlichen) Rest-Berstens. Schön, wie Teichmüller die Worte von der »allertiefsten Ruh‘« nutzt, um die Musik wirklich nahezu anzuhalten.

Die Komponistin Anna Teichmüller verbrachte große Teile ihre Lebens (1861–1940) produktiv und ledig in einer schlesischen Künstler:innenkolonie. Ihr Porträt in @vanmusik.144/250: Anna Teichmüller Klick um zu Tweeten

Tiefromantisch-morbid gibt Hauptmann seiner Eros-Thanatos-Phantasien Ausdruck: »Laß mich, stumm in dir begraben, mich an Lauterquellen laben und deck Aug und Seele zu!« Der tödliche Erdboden, angekratzt, angefasst; aber amourös überführt in die gedachte Situation zweier sich Liebenden. Wallend brodelt es bald im Klavier. Dann ertönen fast choralartige Akkordrepetitionen, um der (ernsten) Lage zu entsprechen. Sinnfällig, dass sich Frauen- und Männerstimme jeweils imitatorisch ergänzend »ins Wort Fallen«; so wird das Zwiegespräch der Verfallenen/Gefallenen besonders plastisch exerziert. Aus Anlass des Beschlusses der zweiten Strophe (»Laß aus deinen dunklen Gründen mich von neuem hell entzünden meine Lebenssonne – Nacht!«) geht es im Klavierpart fast hymnisch zu, wie punktierte Schlussbildungen werden die ungetrübten Akkorde dahingesetzt. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.