Am letzten Samstag war Michael Maul als Fan von RB Leipzig beim Pokalfinale im Berliner Olympiastadion. Dass man sich seinen Verein nicht aussuchen kann, sondern der Verein einen findet, wissen wir spätestens seit Nick Hornbys Fußball-Klassiker ›Fever Pitch‹. Das erklärt, warum der Intendant des Leipziger Bachfests eigentlich mit dem falschen Vereinstrikot auf der Tribüne saß – zumindest wenn Fansein so funktionieren würde wie ein algorithmen-basiertes Matchmaking. Denn eigentlich passt Maul viel besser zum im Finale unterlegenen SC Freiburg als zum umstrittenen Dosenklub. Der badische Traditionsverein wurde 1904 gegründet, im gleichen Jahr fand in Leipzig das 2. deutsche Bachfest der Neuen Bachgesellschaft statt, bevor dann vier Jahre später das Erste Leipziger Bachfest folgte. Und Michael Maul selbst ist so etwas wie der Christian Streich der Klassik. So wie der Freiburger Trainer zum SC passt auch Maul zum Leipziger Bachfest wie Arsch auf Eimer. Wie Streich ist der 44-jährige Maul gleichzeitig Dialekt sprechender Lokalheld und ein Mann von Welt. Als gebürtiger Leipziger studierte er dort Musikwissenschaft und promovierte 2006 – übrigens formal an der Universität Freiburg – mit seiner Arbeit ›Barockoper in Leipzig (1693–1720)‹. 2013 folgte die Habilitation mit einer Geschichte des Leipziger Thomaskantorats an der Universität Halle. Bereits seit 2002 ist Maul wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bach-Archiv und sorgte hier für einige Indiana-Jones-Momente, wie 2005 mit der spektakulären Entdeckung der Arie ›Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn‹ (BWV 1127) in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar – der erste Autographenfund eines bis dato unbekannten Vokalwerkes von Johann Sebastian Bach seit 1924.
Gleichzeitig sabotiert Maul die Klischees, die manch einer bezüglich quellen-erforschender Musikwissenschaftler hegen mag. Er ist zwar amtlich zertifizierter Bach-Nerd, der sich zwölf Jahre lang durch staubtrockene Archive gegraben hat. Gleichzeitig aber mehr Rampensau als Eigenbrötler, einer, der gerne und gut schwätzt, mit und über Gott und die Welt. Von seinem Bach redet er so frei nach Schnauze wie es nur jemand vermag, der sich nicht mit dem Verdacht herumschlagen muss, ›nicht genug zu wissen‹. Maul kann über Zahlensymbolik bei Bach genauso fachsimpeln wie über Tom Waits oder Slot Canyons. (Auch das verbindet ihn mit dem Nonkonformisten Streich.) Seine Radiosendung Universum JSB (seit 2015 bei DLF Kultur) und der MDR-Podcast über Bachs-Kantaten, zusammen mit Bernhard Schrammek, gehören zu den Kleinoden der deutschen Kulturradiolandschaft.
Für das Bachfest ist Maul ein Glücksfall. Die künstlerische Führung des altehrwürdigen Festivals war lange Zeit so zerstritten wie dysfunktional, bis Maul 2018 aus der Position des Dramaturgen heraus Intendant wurde, und damit einen Posten besetzte, den es dort vor ihm gar nicht gab. Anders als viele seiner Kolleg:innen entwickelt er seine Ideen selbst und kauft nicht einfach nur auf dem Klassikmarkt fertige Projekte ein. Schon der von ihm konzipierte ›Kantaten-Ring‹ brachte dem Bachfest 2018 einen Besucherrekord und internationale Aufmerksamkeit – die New York Times berichtete gleich zwei Mal. Während des ersten Corona-Shutdowns organisierte Maul am Karfreitag 2020 mit der live aus der leeren Thomaskirche gestreamten Aufführung der ›Johannespassion à trois‹ das emotionale Highlight der durch den Shutdown gebeutelten und in der Digitalität verlorenen Klassikkultur, das weltweit zum Trostspender wurde. Dieses Jahr bringt er unter dem Motto ›We Are Family‹ Bach-Chöre aus ganz Europa, Japan, Paraguay, Kanada und den USA nach Leipzig, ein Vorhaben, das 2020 noch der Pandemie zum Opfer fiel. Um den CO2-Abdruck seines Festivals zu kompensieren, initiierte Maul 2021 die Pflanzung eines 29 Hektar großen ›Bachwalds‹, der einmal bis zu 250 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr binden soll. Trotz dieser Erfolgsgeschichte läuft Mauls Vertrag Ende Juni aus – und es gibt Zweifel, ob er dem Leipziger Traditionsverein erhalten bleibt.
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