Too big to fail – gilt das auch für musikalische Werke? Das neueste Stück von Esa-Pekka Salonen, der neben seiner Kompositionstätigkeit aktuell auch Chefdirigent des San Francisco Symphony Orchestra ist, hat gleich eine ganze Reihe von »Stakeholdern« im Rücken: Das National Polish Radio Symphony Orchestra aus Kattowitz (das am 13. Januar die Premiere spielte), die Berliner Philharmoniker, das Finnish Radio Symphony Orchestra, das Orchestre de Paris, das Los Angeles Philharmonic und das NDR Elbphilharmonie Orchester haben Gelder locker gemacht für Salonens Sinfonia concertante for organ and orchestra. Außerdem sind zwei der besten Organist:innen der Welt dabei: Iveta Apkalna und Olivier Latry. Laut einer Pressemitteilung wurde bei der Premiere in Kattowitz das »größte neue Konzertinstrument Europas« eingeweiht. Parallel dazu präsentiert die Elbphilharmonie zwischen September 2022 und Mai 2023 eine Konzertreihe mit dem cringen Titel »Multiversum Esa-Pekka Salonen«. Höhepunkt ist eine weitere Aufführung der Sinfonia concertante.

Es scheint fast Usus komponierender Dirigenten zu sein, die Aufträge für ein und dasselbe Werk global so weit zu streuen, dass man das Gefühl hat, die Organisation des Projekts müsste eigentlich von irgendeinem Nebenorgan der Vereinten Nationen übernommen werden. Hinter George Benjamins Opera Written on Skin zum Beispiel standen das Royal Opera House, Covent Garden, die Netherlands Opera, Maggio Musicale Fiorentino und das Théâtre du Capitole de Toulouse; Thomas Adès’ Orchesterwerk Polaris wurden von der New World Symphony, dem Royal Concertgebouw Orchestra, dem New York Philharmonic, dem Los Angeles Philharmonic, dem San Francisco Symphony Orchestra und dem Londoner Barbican in Auftrag gegeben. Das ist ein zweischneidiges Schwert für die wenigen Komponisten, die prestigeträchtig genug sind, um solche Anfragen zu bekommen: Sie kriegen mehr Geld und mehr Zeit, um sich auf ein einziges Werk zu konzentrieren, stehen aber auch unter größerem Druck, etwas Erfolgreiches abzuliefern. Die große Mehrheit der Komponist:innen, die in Kattowitz, Helsinki, Paris, Hamburg, Berlin und Los Angeles leben, geht gleichzeitig leer aus. 

Foto © Stephan Rabold

Ich habe die Sinfonia concertante am 19. Januar in der Berliner Philharmonie erlebt, mit Salonen am Pult und Latry an der Orgel. Das Werk ist in drei Sätze unterteilt: Der erste mit dem Titel Pavane and Drones beginnt mit einer schönen Klangmischung aus Piccoloflöte und kristallklaren hohen Orgelregistern. Was darauf folgt ist leider zum größten Teil atonales melodisches Material, das zwischen verschiedenen Orchestergruppen hin und her geschoben und dabei ordentlich durchgenudelt wird. Für die Orgel ist dieses Konzept denkbar ungeeignet. Hier gibt es pro Ton nur die Wahl: an oder aus, Luft durch die Pfeife oder nicht. Das macht es nicht leicht, aus einem undifferenzierten Notenstrom Phrasen herauszuschälen. (Dazu kommt, dass das Material mit gelegentlichen, scheinbar willkürlichen Trillern verziert ist, was mir ein Dorn im Auge ist, und sei es nur, weil ich früher Flötist war.) Aber das eigentliche Problem von Pavane and Drones liegt in dem unbeholfenen Schwebezustand zwischen Textur und Melodie, in dem das Material festzustecken scheint wie eine Seiltänzerin, die ihr ganzes Können aufbringen muss, um nicht zu kippen – obwohl sie unten auf beiden Seiten weich in feinsten Schaum plumpsen würde. Um aus dieser Kaskade von Tönen eine Textur hervorzubringen, müsste Salonen sie ordentlich ausflocken lassen; vielleicht müsste er sie auch entschiedener in eine Richtung lenken. Damit dieses Material zu einer Melodie wird, müsste es geschliffen, strenger und greifbarer werden. Es gibt einige sich erkennbar wiederholende melodische Zellen inmitten von Salonens erstem Satz, aber sie werden von den belanglosen Tönen überwältigt – von mehr als Melodie, weniger als Textur, das Niemandsland der Figuration.

Pavane and Drones hat einige schöne Momente: Ich weiß nicht, wie genau Salonens Divisi in den Streichern funktionieren, aber sie sind äußerst effektiv und lassen die Philharmoniker gleichzeitig dicht und durchscheinend klingen. Es ist auch aufregend zu hören, wie Latry von seinem Platz an der Orgel aus das gesamte Orchester überstrahlt – er spielt das ganze Gebäude. Nach dem eher traditionellen Höhepunkt der Sinfonia kommt von Latry ein Ton, der so tief ist, dass der Saal fast bebt. Leider vergeudet Salonen hier seine Chance und macht fast sofort weiter. Olivier Messiaen und Olivier Latry wissen es besser: Auf dem Höhepunkt von Messiaens Apparition de l’Église éternelle spielt der Organist den kirchenerschütternden C-Dur-Akkord ganze 22 Sekunden lang.

Der zweite Satz der Sinfonia concertante, Variations and Dirge, beginnt mit einer einzigen gestrichenen Crotale: ein hübscher Klang, wenn auch ein wenig wie Neue Musik von 2012. Salonen meint Variationen eindeutig im klassischen Sinne, und es ist ihm hoch anzurechnen, dass die üppige Streichermelodie, die auf den Crotale-Ton folgt, in ihren verschiedenen Entwicklungen leicht nachzuvollziehen ist. Diese Leistung erscheint nur noch größer, wenn man bedenkt, dass die Melodie atonal ist, mit wenigen intervallischen Kombinationen, die für sich genommen auffällig sind (ein paar Tage später kann ich mich an fast nichts mehr erinnern), und dass Salonen die Variationen gut orchestriert.

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Auch in diesem Satz gibt es Figurationen ohne Ziel, das uninspirierte Material wird hier zum verbindenden Element. Die Orgelkandenz am Ende ist allerdings der beste Teil des ganzen Werks: Sie bewegt sich in einem weichen, hauchdünnen Bereich und gibt die Figurationen zugunsten von Erkundungen von Intervallen und Klangfarben auf. Ein besseres Stück in einer anderen Dimension.

Der letzte Satz, Ghost Montage, arbeitet mit deutlicher erkennbaren, eigenständigeren melodischen Zellen. Damit ist die Krux des ersten Satzes gelöst; Salonen hat sich für eine Seite entschieden. Aber die traditionelleren Motive bringen ein weiteres Problem mit sich. Der Satz klingt ein bisschen zu sehr nach einer Verfolgungsjagd auf Kinoleinwand, mit durchdringenden Streicheroktaven und virtuosen steigenden Sequenzen in der Orgel. Außerdem ist er durchweg sehr laut, und wie jeder, der schon einmal neben sich ein Telefongespräch in der U-Bahn erlebt hat, weiß, gibt es häufig eine Korrelation zwischen Lautstärke und Nervpotential. Wenigstens endet die Sinfonia concertante nicht mit einem effektheischenden Knall.

Der Beifall fiel nach der Berliner Premiere trotzdem laut und enthusiastisch aus. Wenn das Publikum in Kattowitz, Paris, Hamburg, Helsinki, Los Angeles genauso reagiert, werden die Vereinten Institutionen auf ihre Kosten kommen. Das Multiversum weitet sich aus.

Ich für meinen Teil war froh, am nächsten Abend zum Ultraschall Festival für neue Musik gehen zu können. Einige der Stücke dort waren viel, viel besser als das von Salonen, und gleichzeitig immer noch small enough to fail. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin. jeff@van-verlag.com